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Auf dem Gelände der Spedition hat sich die in Berlin lebende Künstlerin PAU ausgetobt.

Urban Romantic Tour

Metropolink-Bustour: Stadtrundfahrt auf Abwegen

Heidelberg - Manchmal muss man die ausgetretenen Pfade verlassen, um Ungewöhnliches zu entdecken: Mit der Urban Romantic Tour hat das Metropolink-Festival genau das für die Touristen-Hochburg geschafft.

Die Passanten staunen nicht schlecht, als sie am Montag einen Cabrio-Bus abseits der malerischen Altstadtkulisse durch Heidelbergs Stadtteile kurven sehen.

Doch der Bus hat sich nicht verfahren. Die Organisatoren des Metropolink-Festivals für urbane Kunst haben sich für dieses Jahr nämlich etwas ganz Besonderes ausgedacht: Die simple aber geniale Idee, die im Rahmen des Festivals entstandenen Kunstwerke in einer Art alternativen Stadtrundfahrt zu „erfahren“. Immer mit an Bord: Pascal Baumgärtner, Initiator und Leiter von Metropolink, der die Urban Romantic Tour mit einem großen Schatz an Szenewissen locker moderiert. 

Mit Cabrio-Bus! Metropolink-Festival on Tour

Los gehts mit einem der am prominentesten platzierten Kunstwerke des Street-Art-Festivals aus dem Jahr 2015: Die Hausfassade in der Uferstraße 5, die man bestens von der Theodor-Heuss-Brücke aus sehen kann. Der gebürtige Heidelberger Daniel Thouw hat sich dort mit einem zirka 15 mal 8 Meter Kunstwerk verewigt.

Abenteuerliche Stimmung im Cabrio-Bus

Das Kunstwerk von Daniel Thouw schmückt schon seit 2015 die Fassade in der Uferstraße 5.

Die 86-jährige Hausbesitzerin musste erst einmal von ihrem Glück überzeugt werden, erzählt „Reiseleiter“ Baumgärtner ganz stilecht vom Sitz hinter dem Busfahrer aus über sein Mikrofon. Die Idee, ihr Haus als überdimensionale Leinwand umzufunktionieren, gefiel der Heidelbergerin anfangs gar nicht – „Irgendwann durfte ich dann aber sogar auf ihrem Sofa Platz nehmen“, lacht der 33-Jährige. Mittlerweile sei sie ganz begeistert von der Kunst an ihrer Wand und froh, dass sie ihre Fassade jetzt nicht mehr regelmäßig wegen hässlicher „Schmierereien“ neu streichen muss.

Die schmale Straße links am O‘Reilly‘s vorbei bringt den Busfahrer kurz ins Schwitzen und verbreitet ein bisschen abenteuerliche Atmosphäre im eigentlich spießigen Touristenbus:„Passen wir da überhaupt durch?“, fragt er besorgt. Auch, dass die Teilnehmer – und bei der Premieren-Fahrt der Busfahrer – nicht genau wissen, wo es als nächstes hingeht, macht die Stadtrundfahrt zu etwas ganz Besonderem.

Kunst aus zwei Jahren Festival

Den nächsten Stopp an einem weiteren Flaggschiff des Festivals aus dem Jahr 2015 kennen schon viele – vor allem aber die Bedeutung und Hintergründe sind für viele der Tour-Teilnehmer neu: Die bunte Camouflage-Bemalung am ehemaligen Hotel Metropol in der Emil-Meyer-Straße von KünstlerSMASH137.

Fotos: Urban Art Festival bringt Farbe in die Stadt

Auch die frisch eröffnete Wand des in Hamburg lebenden Künstlers 1010 am alten Bordell in der Bahnstadt zeigt, wie urbane Kunst die Bedeutung eines ganzen Gebäudes verändern kann. Hier ist klar, dass dieses Kunstwerk nur temporär bestehen bleibt – spätestens in zwei Jahren soll das ganze Haus abgerissen sein.

Kirchheim, wo es als nächstes hingeht, liegt dem Festivalinitiator besonders am Herzen: Neben der langen Fassade der Firma Rossmanith in der Hardtstraße, auf der sich Typografie-Nerd und rennomierter Graffiti-Künstler STOHEAD ausgetobt hat, stellt hier die Spedition Fels auf ihrem Gelände gleich mehrere Fassaden zur Verfügung.

Bürokratie als größte Herausforderung

In den meisten Fällen suchen die Festivalorganisatoren die Spots lange im Voraus aus und versuchen dann, deren Besitzer für die Idee zu gewinnen. Manchmal komme es aber auch vor, dass diese selbst auf Baumgärtner zukommen, weil sie wollen, dass ihr Haus verschönert wird.

WESR und Robert Proch: Street Art in der Weststadt!

Das sei aber nur eine der Herausforderungen. Viel „schlimmer“ sei die ganze Bürokratie, die dahinter steckt. Die hält sich bei Wandbesitzern wie dem Unternehmen Fels glücklicherweise in Grenzen. Fels hat das Festival von Anfang an unterstützt. Hier gibt es beeindruckenden Werke von Anna Taratiel, Sweetuno, DOME und WESR zu sehen. Und jetzt auch eine wunderschön bemalte Schmalseite der gebürtigen Chilenin Pau Quintanajornet.

Auf dem Emmertsgrund in der Otto-Hahn-Straße haben die beiden Künstler Marius Ohl und Guido Zimmermann gemeinsam ein buntes Zeichen auf dem Festival 2016 gesetzt.

Sodann macht sich der Bus auf zu einer kurzen Überlandfahrt in Richtung Emmertsgrund, wo gerade eine neue Wand von Marius Ohl und Guido Zimmermann entsteht. Schon von Kirchheim aus kann man das überdimensionale Portrait eines alten Mannes an einer der Hochhausfassaden sehen. Dieses beeindruckende Stück Wandkunst geht auf das Konto von Künstler Hendrik Beikirch. In nur zwei Tagen gab er der langweiligen „Platte“ im Sommer 2015 im wahrsten Sinne des Wortes ein Gesicht. Die Jugendlichen im angeblichen Problemstadtteil feiern die Aufwertung, erzählt Baumgärtner. Ein direkter Anwohner pöbelt dann aber prompt von seinem Balkon herunter: „Und ich muss mir das den ganzen Tag anschauen!“. 

Fragt sich, was schlimmer ist: Verwitterte Hausfassade oder das Kunstwerk eines weltweit bekannten Street Artist?

Kunst ist Geschmackssache

Auch dem Weg zum nächsten Spot plaudert Baumgärtner dann wieder ein bisschen aus dem „Festival-Nähkästchen“. Die Bewohner des Hauses in der Philipp-Otto-Runge-Straße 2 seien von Anfang an sehr aufgeschlossen gewesen – ihre Fassade sei ohnehin ständig mit Tags beschmiert worden. „Ä Rehle“ hat sich einer von ihnen dann in den Vorgesprächen gewünscht. So absurd die Anfangsidee klingt, tatsächlich thront jetzt ein minimalistisches Reh von Künstler LIMOW über der Garageneinfahrt. Eine Häuserreihe weiter freut sich Baumgärtner, den Tour-Teilnehmern ein weiteres Highlight des diesjährigen Festivals von Künstler-Duo HERAKUT präsentieren zu können. Das Besondere an dieser Location ist, dass sie auch von der vielbefahrenen Römerstraße aus einsehbar ist.

Live beim Malen beobachten kann man am Römerkeis noch Daniel Figueroa, aka WESR. Diese Fassade hätte eigentlich schon im Sommer 2015 von ihm bemalt werden sollen.

Zu guter Letzt macht sich die City-Tour auf in Richtung Weststadt. Dort sind zwei der diesjährigen Kunstwerke gerade am Entstehen, als der Bus vorbeifährt. Kurz fühlt man sich bei der Urban Romantic Tour wie auf Safari. Kurz winken, einige Fotos schießen, bevor sich zum Beispiel „Nachwuchsstar“ Robert Proch auf seiner Hebebühne in der Kaiserstraße wieder an die Arbeit macht. Am Römerkreis ist zeitgleich Daniel Figueroa, aka WESR, zugange. Er verwirklicht ein Gemälde, das eigentlich schon 2015 hätte fertig sein sollen. Leider hat die Bürokratie und der Fassadenbesitzer den Organisatoren einen Strich durch die Rechnung gemacht. Endlich kann der Peruaner dort seinen Entwurf – der dem zuständigen Amt übrigens am besten gefallen hat – umsetzen.

Zum Abschluss der Urban Romantic Tour zeigt Pascal Baumgärtner noch das Kult-Graffiti von QUIK.

Danach geht es wieder zurück in die Altstadt zu einer Hausfassade, die eigentlich nichts mit dem Festival zu tun hat. Und irgendwie doch: Denn das 1989 entstandene „Piece“ des New Yorker Graffiti-Künstlers und Szene-Urgesteins QUIK gilt als eines der bekanntesten in der Szene. Die Fassadenbesitzer haben sich bis heute dafür eingesetzt, den Schriftzug zu erhalten, weil sie wissen, welche Bedeutung er inzwischen angenommen hat. 

Ein schöner Abschluss, wenn man bedenkt, wie viele neue Kunstwerke durch das Metropolink-Festival entstanden sind und in ein paar Jahren Anlaufpunkt für Szene-Kenner werden könnten. Ist das alles überhaupt Kunst? Darauf will auch Pascal Baumgärtner keine pauschale Antwort geben, das solle jeder für sich selbst entscheiden.

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Wer an der Urban Romantic Tour teilnehmen will, muss sich beeilen. Für die restlichen fünf Touren stehen nur noch wenige Restplätze zur Verfügung. Anmeldungen unter: orga@metropolink-festival.de

Während in Heidelberg das zweite Metropolink-Festival startet, stellen Illustrator Mehrdad Zaeri und Fotografin Christina Laube in Mannheim  ihr Fassadenwerk „Freiheitstesterin“ fertig.

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