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RTL-Reporter Jenke von Wilmsdorff.

TV-Experiment als Quotenhit

Jugendgefährdend? RTL-Reporter nimmt harte Drogen

München - Der RTL-Reporter Jenke von Wilmsdorff geht auch in der neuen Staffel vom "Jenke-Experiment" wieder an seine Grenzen. Am Montag testete er die Wirkung illegaler Drogen - und riskiert ein juristisches Nachspiel.

Es war eine der umstrittensten Sendungen, die es bei RTL je gab: In der ersten Folge des „Jenke-Experiments“ betrank sich der TV-Reporter Jenke von Willmsdorff fast bis zur Besinnungslosigkeit, um die Langzeitfolgen von Alkohol zu testen. Nach eineinhalbjähriger Pause startete am Montagabend nun die vierte Staffel der Show. Schon im Voraus wurde sie als „extremer als je zuvor“ beworben – und die erste Folge hatte es dann auch ziemlich in sich: Der Schauspieler testete im Selbstversuch die Wirkung von illegalen Drogen wie Ritalin, Ecstasy, Speed, K.O.-Tropfen und LSD.

Unter der medizinischen Aufsicht zweier Experten der Uni Freiburg probierte Jenke die unterschiedlichen Stoffe im Selbstversuch – die Einnahme erfolgte dabei völlig legal, weil es sich bei den meisten Substanzen um sogenannte „Legal Highs“ handelte, die nicht im deutschen Betäubungsmittelgesetz aufgeführt sind und daher legal gekauft werden können. Die Einnahme von LSD wiederum fand in Portugal statt, wo die Droge legal ist.

Euphorie durch Ecstasy

Den Anfang machte die Droge, die als der Garant für legendäre Partynächte gilt: Ecstasy. In Pulverform verabreicht, bescherte sie Jenke ein Wochenende, bei dem der Schauspieler des Feierns einfach nicht überdrüssig wurde. "Du magst die Musik doch auch, oder? Du bist mein Junge! Wir müssen gemeinsam privat viel mehr erleben!", bestürmte Jenke seinen Kameramann, angetrieben von der Euphorie, die ihn ganz plötzlich überfallen hatte. 

„Drogen sind wunderbar“, meinte er selig lächelnd, völlig entrückt schwärmte er von einem „Zustand, aus dem man nicht mehr raus will“. Als die Sanitäter, die ihn begleiteten, bei ihm dann einen Ruhepuls von 130 feststellten, wurde der Feierei ein jähes Ende bereitet – Jenke sollte sich schlafen legen. Das böse Erwachen kam (wie so oft) am nächsten Morgen, der Schauspieler klagte über Kopfschmerzen und dunkle Augenringe.

Psychedelische Grenzerfahrung

Am extremsten waren jedoch Jenkes Erfahrungen mit der halluzinogenen Droge LSD. Der Zuschauer wusste dabei nicht so recht: War Jenkes extremer Rauschzustand einfach nur gekünstelt, unnatürlich und übertrieben dargestellt oder lief das Projekt hier gerade tatsächlich aus dem Ruder?

Denn im einen Moment war alles spaßig, der Schauspieler erkannte um sich herum eine Welt aus Hot Dogs oder entdeckte den Philosophen in sich ("Ich sehe, wie das ganze Dach atmet. Wahnsinn. Es ist alles in Bewegung im Leben. Nichts, was starr aussieht, ist auch starr. Das sind so Momente, da entstehen auch ganz schnell Religionen draus."); im nächsten erlebte Jenke dann plötzlich einen paranoiden Horrortrip und verfiel in pure Panik. „Diesen Leuten kann man nicht trauen“, schrie er und versuchte vor seinen Betreuern davonzulaufen. Darauf folgte der Schnitt.

Fluch und Segen

Jenke brauchte Tage, um sich von dem traumatischen Erlebnis zu erholen. Trotzdem war er froh, das Experiment zu Ende gebracht zu haben: "Man hat schon das Gefühl, jetzt mehr Wissen zu haben als vorher", meinte er in der Sendung.

Ein Gefühl, das dem Zuschauer leider bis zum Schluss verwehrt bleibt. Der Erkenntnisgewinn bleibt gering. Mit Investigativrecherche hat das eher wenig zu tun. Die Folge kommt vielmehr plakativ und reißerisch daher, mit Effekten en masse – alles, was RTL eben so braucht, um das übergeordnete Ziel zu erreichen: Eine hohe Quote. Und die stimmte: 3,88 Millionen Zuschauer guckten zu. Beim jüngeren Publikum zwischen 14 und 49 Jahren lag der Marktanteil bei knapp 25 Prozent.

Das größte Problem der Sendung besteht jedoch darin, dass sie einige Zuschauer zum Nachahmen anstiften könnte. Zitate wie „Diese kleine Pappe wird für ein Erlebnis sorgen, das jenseits von allem ist, was ich mir im Moment noch vorstellen kann.“ (kurz, bevor Jenke LSD zu sich nimmt) könnte in abenteuerlustigen Adrenalinjunkies so einiges auslösen.

Medienwächter überprüfen auf Jugendgefährdung

So wird jetzt auch die deutsche Medienaufsicht aktiv. „Wir prüfen, ob es einen Anfangsverdacht gibt, dass die Ausstrahlung jugendgefährdend gewesen ist“, sagte eine Sprecherin der für den Kölner Sender zuständigen Niedersächsischen Landesmedienanstalt in Hannover der Deutschen Presse-Agentur am Dienstag. Beschwerden seien bisher aber keine eingegangen.

Ein Sprecher der Kölner Staatsanwaltschaft sagte auf Anfrage, sobald der Anfangsverdacht einer Straftat vorliege, sei man von Amtswegen verpflichtet, aktiv zu werden. Erstmal müsse aber geprüft werden, was in der Sendung am Montag passiert sei.

Der Privatsender betont jedoch den aufklärerischem Charakter. Laut Unternehmenssprecherin Heike Speda dient sie der Präventionsarbeit – Jenkes Selbstversuche seien die wirkungsvollste Methode, um auf die Risiken und Gefahren von Drogen aufmerksam zu machen. „Es geht um die Reduzierung der durch Drogen verursachten Schäden, für die eine differenzierte Information gefährdeter Gruppen notwendig ist“, sagte sie in einem Interview mit der „Bild“. Die Einblendung am Ende der Sendung ("2015 sind in Deutschland 1226 Menschen an illegalen Drogen gestorben" ) und auch Jenke selbst unterstreichen diesen Punkt.

„Durch die professionelle Begleitung war das Risiko überschaubar und kontrollierbar“, meint der beratende Forensische Toxikologe des Universitätsklinikum Freiburg, Volker Auwärter. Die Dosierung sei mit ihm besprochen und in einem Bereich gehalten geworden, der zwar zu einer Wirkung führe, aber keine Vergiftung verursache.

Auch ohne Drogen high

„Ich würde nichts machen, von dem ich nicht überzeugt bin, dass es eine gesellschaftliche Relevanz hat. Ich würde nichts machen, einfach nur um zu provozieren oder aufzufallen.“, erklärt der Schauspieler im Interview mit der DPA. Eine realistische Darstellung der Auswirkungen seien ihm und dem Sender besonders wichtig gewesen. "Ich habe die Drogen in diesem Moment wirklich so empfunden. Hätte ich das verschwiegen, hätte ich nicht den Punkt dokumentiert, der die Drogen so gefährlich macht", sagte er der "Bild"-Zeitung.

Um zu vermeiden, dass sein Drogen-Experiment (hier in der RTL-Mediathek) am Ende trotzdem imitiert wird, bemüht sich Jenke am Ende der Sendung besonders darum, seine eigentliche Botschaft zu senden. Und die ist mehr als simpel: Drogen sind schlecht, probiert lieber was anderes, um euer Glück zu finden. Deshalb zeigt er, dass man auch ohne Drogen high werden kann - und zwar mit Hilfe von speziellen Atemübungen und Meditationen die Körper und Geist von einander komplett loslösen.

Prävention oder Entertainment?

Im Netz wurde am Montagabend recht rege diskutiert. Viele Twitterer zeigten ihre Anerkennung, kritisierten aber auch unter anderem: „Ich weiß noch nicht, wie unglaublich respektlos gegen über dem Leben ich diese Sendung finden soll.“ 

Oder: „Warte schon gespannt auf das Experiment, in dem er sich mit diversen Geschlechtskrankheiten anstecken lässt. Entertainment ist alles!“

In den kommenden Folgen wird Jenke sich in weitere Extremsituationen begeben; unter anderem zwei Wochen im Gefängnis verbringen, sein Erinnerungsvermögen verlieren und vier Wochen lang hungern. 

Sophie Lobenhofer/dpa

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