Film in der Kritik

"Ben Hur" - Kitschig – oder visionär?

München - Die Neuauflage von „Ben Hur“ ist ein christlicher Bekehrungsfilm mit anderem Ende als im Original.

Schwülstig, effekthascherisch, kitschig: Ist der neue „Ben Hur“ der schlimmste Film des Jahres? Für viele Kritiker offenbar schon. Was will ein Remake auch gegen die ikonenhafte Vorlage aus dem Jahr 1959 ausrichten, in der William Wyler seinen Hauptdarsteller Charlton Heston mit verzweifeltem Blick auf Odyssee schickte? Gewinnen kann eine Neuauflage dagegen kaum. Einen Klassiker wie diesen nachzudrehen, muss allein an den materiellen Umständen scheitern. Ein „Ben Hur reloaded“ kann heutzutage nicht mehr mit Pappmachébauten, sondern nur noch als tricktechnisch hochgerüstetes Spektakel daherkommen – das verlangen Markt und Produzenten. Und letztlich auch die Geschichte selbst, deren Dreh- und Angelpunkt nun mal ein antikes Wagenrennen bildet. Ein gefundenes Fressen für 3D-Fetischisten.

In München wurde der Film für die Presse nur zweidimensional gezeigt. Zum Glück. Optische Dreidimensionalität ist schließlich nicht mit intellektueller Tiefe gleichzusetzen. Im Gegenteil. Oft stürmen die Effekte derart dichtgedrängt auf den Zuschauer ein, dass dessen Gehirn für eine Reflexion des eigentlichen Geschehens nicht mehr zur Verfügung steht. Zumal „Ben Hur“, das gilt für den alten wie den neuen, ein religiöser Film ist. Die frohe Botschaft in 3D wirkt aber ähnlich albern wie christliche Rockmusik – anbiedernd und verzweifelt. Für das Wagenrennen genügt die Zweidimensionalität ohnehin.

Die Schlüsselszene ist routiniert und mit neuer Symbolkraft in Szene gesetzt: Berstende Reifen, geblähte Pferdenüstern, das geifernde Publikum und der alles verändernde Moment des Todes sind nicht nur Staffage, sondern auch halbwegs sinnig und für eine Überraschung gut. Aus den einst besten Freunden der alten Fassung, dem jüdischen Adeligen Judah Ben-Hur (Jack Huston) und dem Römer Messala (Toby Kebbell), macht das Drehbuch nun Adoptivbrüder. Man mag von Charlton Heston halten, was man will, aber ein konturloser Schönling wie Jack Huston tut sich dann freilich schwer, dem nahezukommen. Nicht weil Heston ein guter Schauspieler war, sondern weil er über die Zeit zur Ikone wurde.

Einen deutlich tieferen Eindruck hinterlässt Kebbell als Antiheld Messala. Er hadert mit seiner Außenseiterrolle als angenommenes Kind und trifft damit durchaus einen Punkt. Abstammung und Biologie, kleinbürgerlicher Narzissmus und die Angst vor dem Fremden, nicht mit der familiären  Ursuppe Vereinbaren dominieren die Gesellschaften  dieser  Welt. Messala sucht sein Heil in der Karriere als römischer Offizier. Früh schon erkennt er die Dialektik der Situation in Jerusalem. Wo bislang Adelige wie Ben-Hur den Feudalismus vorantrieben, etablieren nun die Römer ihren Imperialismus, bringen Zivilisation und zugleich Verderben. Das eindeutig Böse gibt es nicht, Herrschaft und Gewalt zeigen viele Gesichter.

Nicht immer ist die geistige Ebene in Timur Bekmambetovs Monumentalepos derart tiefsinnig. Oft verliert es sich in Plattitüden. Jesus (Rodrigo Santoro), um den sich letztlich alles dreht, der in der alten Variante allerdings nur Minimalstauftritte hatte, darf seine Lehren nun plakativ verkünden und auch sein Gesicht zeigen. Das raubt einerseits jeden Zauber, tituliert das Werk aber in aller Deutlichkeit als christlichen Bekehrungsfilm. Dieser ideologische Überbau besitzt zwei Seiten. Eine dumpf missionarische, aber auch eine versöhnliche. Wie schon in der alten Fassung macht das Christentum aus Ben-Hurs geliebter Esther (Nazanin Boniadi) eine emanzipierte, reflektierte Frau. Und damit nicht genug. Der Film endet anders als die alte Variante. Man mag das kitschig finden – oder visionär.

„Ben Hur“

mit Jack Huston, Toby Kebbell, Nazanin Boniadi

Regie: Timur Bekmambetov

Laufzeit: 124 Minuten

Sehenswert ((((;

Dieser Film könnte Ihnen gefallen, wenn Sie „Gladiator“ mochten.

Rubriklistenbild: © dpa

Deutsche räumen drei Emmys in New York ab

Deutsche räumen drei Emmys in New York ab

Viele "Kommissare" bei Premiere des 1000. „Tatorts“ in Hamburg

Viele "Kommissare" bei Premiere des 1000. „Tatorts“ in Hamburg

Die schönsten Bilder der Bambi-Verleihung 2016

Die schönsten Bilder der Bambi-Verleihung 2016

Kommentare