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Kämpft für einen Verbleib Großbritanniens in der EU: Premier David Cameron

Abstimmung über den Ausstieg aus der EU

Brexit: Das sind die größten Risiken für Großbritannien

London - Am 23. Juni entscheidet Großbritannien durch eine Abstimmung über den Brexit. Verlässt es die EU, dann werden die Konsequenzen für das Vereinte Königreich noch größer sein, als für die verbleibende Europäische Union.

Update vom 12. Juli 2016: Das ist die neue Premierministerin: Das müssen Sie über Theresa May wissen.

Update vom 20. Juni 2016: Am Donnerstag stimmt Großbritannien über den Verbleib in der EU ab. Alle aktuellen Infos finden Sie in unserem News-Blog zum Brexit.

Update vom 17. Juni 2016: Nicht nur für Großbritannien hätte der Brexit weitreichende Folgen. Auch auf dem europäischen Kontinent macht man sich Gedanken über das mögliche "Danach" nach einem Austritt des Königreichs. Das würde der Brexit für Deutschland bedeuten.

Es gebe "keine glaubwürdigen Alternativen". So klar antwortete der Chef der britischen Telekom (BT) Mike Rake gegenüber der BBC auf die Frage, ob Großbritannien in der EU bleiben sollte. Keine große Überraschung, denn die BT will auf dem europäischen Markt weiter ohne Beschränkungen mitmischen.

Die große Abhängigkeit von der EU

Das große Problem für Großbritannien: Über die Hälfte der Exporte gehen in die EU-Staaten - das ist ein Anteil von 15 Prozent des Bruttoinlandsprodukts. Auch beim Import ist das Großbritannien stark von der EU abhängig. Über die Hälfte der Güter bezieht es aus der EU.

Falls Großbritannien nun die EU verlässt, drohen der Exportwirtschaft des Landes laut Welthandelsorganisation (WTO) Milliardenbelastungen durch Zölle. Nach einem Brexit müsste das Land die Handelsbedingungen mit den 27 verbleibenden EU-Staaten neu aushandeln, erklärt WTO-Generalsekretär Roberto Azevêdo. Auch Gespräche mit 58 weiteren Ländern, mit denen die EU Freihandelsabkommen hat, seien nötig.

Während der Verhandlungen würde der Handel zwar weitergehen, "aber zu schlechteren Bedingungen", so Azevêdo weiter. "Als Konsequenz bestünde für britische Exporteure das Risiko, dass sie bis zu 5,6 Milliarden Pfund jährlich an Zöllen auf ihre Ausfuhren zahlen müssen" - das wären 7,1 Milliarden Euro.

Schnell wieder zurück nach dem Brexit in die EU geht nicht 

Klar ist auch, dass sich EU im Falle eines Brexits bei den Neuverhandlungen der Handelsbedingungen nicht über den Tisch ziehen lassen will. Auch Gespräche über neue und bessere Beitrittsbedingungen sind unrealistisch. „EU-Privilegien zum Nulltarif“ werde es nach einem Brexit nicht geben, warnt der Vorsitzende der Europa-SPD, Udo Bullmann schon jetzt vor der Abstimmung. 

Noch drastischer formuliert es der Vorsitzende des Auswärtigen Ausschusses im Europaparlament, Elmar Brok (CDU): Nach einem Ja zum Austritt aus der EU werde es „keine Neuverhandlungen über einen neuen Deal geben". Raus heißt also erst einmal: raus.

Brexit-Abstimmung: Konzerne wollen Investitionen verlagern

Welche Konsequenzen ein Brexit auf dem Arbeitsmarkt in Großbritannien haben könnte, darüber wird viel spekuliert. "Vier Millionen Arbeitsplätze auf der Insel sind gefährdet", so die Außeneinschätzung vom Vorsitzenden des DGB, Reiner Hoffmann. Die Gewerkschaften im Vereinten Königreich sehen das ähnlich. Die Gefahr kommt dabei nicht nur aus den unkalkulierbaren Turbulenzen für britische Firmen. Einige Weltkonzerne haben bereits angekündigt, im Falle eines Brexits Investitionen und Arbeitsplätze in andere EU-Staaten zu verlegen. 140.000 Jobs in Großbritannien haben beispielsweise japanische Konzerne geschaffen. "Der Brexit würde uns dazu zwingen das zu überdenken", so der Chef des japanischen Hitachi-Konzernz Hiroaki Nakanishi in einem Gastbeitrag im britischen "Mirror".

Aus der Bankbranche kommen ähnliche Ankündigungen: Jamie Dimon, Chef der Investment-Bank will im Falle eines Brexits allein 4000 Jobs in Großbritannien streichen. Einen Ausstieg aus der EU nannte er gegenüber der BBC "einen schrecklichen Deal für die Wirtschaft" des Landes.

Die Regierung von Premier Cameron geht selbst davon aus, dass im Falle eines Brexits zwischen 500.000 und 800.000 Arbeitsplätze innerhalb von zwei Jahren verloren gehen. Demnach würde das Land in eine Rezession fallen und das Pfund zwischen zwölf und 15 Prozent an Wert verlieren.

Flüchtlinge und Geopolitik

Brexit-Befürworter bringen ins Spiel, dass Großbritannien nach einem Brexit wieder die Kontrolle über die Landesgrenzen zurückgewinne - und damit Zuwanderung leichter begrenzen könne. Doch auch hier gibt es ganz andere Stimmen: „Wir sind der Ansicht, dass das Einwanderungsproblem mit einem Brexit größer wird“, warnte der Fraktionsvorsitzende der Liberalen im Europaparlament und frühere belgische Regierungschef, Guy Verhofstadt, vor der Abstimmung.

Ein Abkommen zwischen Frankreich, Großbritannien und Irland mit dem die britischen Grenzkontrollen de facto auf französisches Territorium verlagert würden, sei mit einer Frist von zwei Jahren kündbar. „Ohne dieses Abkommen wird Großbritannien mit Abertausenden von Migranten konfrontiert sein." CDU-Mann Elmar Brok sieht das ganauso: „Die Briten müssen nur sehen, dass der Schutz, den sie durch uns haben, etwa durch die Franzosen in Calais, dann wegfallen würde.“

Die Hoffnung, Großbritannien könnte durch einen Austritt Souveränität zurück erlangen, ignoriert nach Einschätzung des renommierten Instituts Chatham House die Globalisierung: Durch wechselnde Bündnisse auf EU-Ebene könne London seine eigenen Interessen besser durchsetzen als in der Isolation. Vor allem aber habe ein britischer Austritt aus der EU geopolitische Folgen, die auch den Briten nicht gleichgültig sein könnten: „Es gibt drei Dinge, die die euro-atlantische Partnerschaft bedrohen: Putin, Trump und ein Brexit", so Guy Verhofstadt.

Neues Schottland-Referendum nach einem Brexit?

Probleme könnte es aber nicht nur auf globaler Ebene geben - sondern auch daheim. So glaubt der der britische Premier David Cameron, dass ein Austritt Londons aus der EU den schottischen Willen nach Unabhängigkeit stärken würde. „Ich befürchte ein zweites schottisches Unabhängigkeits-Referendum, falls wir austreten sollten“, so Cameron. Die Schotten hatten erst 2014 mit knapper Mehrheit eine Loslösung von Großbritannien abgelehnt. Im Falle eines britischen Brexit sind aber bereits weitere Schritte ins Auge gefasst. Denn die Schotten wollen nach allen bisherigen Umfragen auf alle Fälle in der EU bleiben.

Brexit-Abstimmung: Das sagen die jüngsten Umfragen

In den jüngsten Meinungsumfragen geht in Großbritannien das Kopf-an-Kopf-Rennen in Sachen Brexit weiter. So sieht eine Umfrage von YouGov die EU-Befürworter mit 43 Prozent genau ein Prozent vor den Gegnern. Einen Tag zuvor veröffentlichte das Institut ICM seine Zahlen: 48 Prozent seien für einen Brexit, 43 Prozent dagegen. Die Forscher sind sich also selbst nicht einig - die Prognosen ändern sich von Woche zu Woche. Entscheidend dürfte sein, wie die derzeit Unentschiedenen votieren werden. Denn 11 Prozent der Briten haben sich noch nicht festgelegt, bei der Abstimmung am 23. Juni ist also alles offen.

mb/dpa/afp

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