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Das Hotel Polissja in der nach dem Unglück von Tschernobyl aufgegebenen Kleinstadt Prypjat.

Schreckliche Erinnerungen

30 Jahre Tschernobyl: Eine Katastrophe, die niemals endet

Prypjat - Igor Magala kann sich noch genau erinnern an jenen verhängnisvollen Tag vor 30 Jahren. An den Einsatzbefehl am frühen Morgen des 26. April 1986.

Nach Tschernobyl solle er fahren, sofort. Igor Magala kann sich erinnern an den metallischen Geschmack, der sich bei der Anfahrt auf seine Zunge legte. An das glutrote Licht, das der Brandherd im Reaktor abstrahlte.

Und an die tödliche Sorglosigkeit der Behörden: "Man gab den Soldaten nur einen Helm und eine Bleischürze", erinnert sich Magala. "Fünf Jahre später begannen sie zu sterben wie die Fliegen." Igor Magala zählt zu jenen, die das Reaktorunglück überlebt haben. 78 Jahre ist er heute alt. Als stellvertretender Bauleiter hatte er an der Errichtung des ukrainischen Atomkraftwerks mitgewirkt, deswegen ordneten ihn die Behörden wenige Stunden nach dem Unglück dorthin ab.

"Es gab am Anfang überhaupt keine Informationen"

"Alles war damals als Geheimnis eingestuft." Zunächst sollte Magala nur eine Woche am Unglücksort bleiben, "letztlich musste ich dann aber ein Jahr dort sein". Während die sowjetischen Behörden sich krampfhaft bemühten, die Jahrhundertkatastrophe zu vertuschen, entwich hochgiftige Radioaktivität aus dem havarierten Reaktor.

Sie verstrahlte erst die Umgebung von Tschernobyl, dann den Rest der Ukraine, zog weiter nach Westen und erreichte Schweden, wo Wissenschaftler am 28. April erstmals wegen eines unerklärlichen Anstiegs an Strahlung öffentlich Alarm schlugen. Erst am 14. Mai räumte der damalige sowjetische Staats- und Parteichef Michail Gorbatschow das Unglück ein. Da hatte die Strahlung schon drei Viertel von Europa erreicht.

Begonnen hatte das Unheil um 01.23 Uhr in der Nacht zum 26. April 1986. Während eines Sicherheitstests explodiert Reaktor vier des Atomkraftwerks von Tschernobyl. Das Kraftwerkspersonal bekommt den Brand lange nicht in den Griff, es kommt zur Kernschmelze - ein Super-GAU.

Es war eine menschengemachte Katastrophe, die durch das Verhalten der Behörden noch verschlimmert wurde. Wenn etwas schief ging im Sowjetreich, reagierten die Behörden reflexartig mit Vertuschung. Nichts sollte das Image der Supermacht trüben. Die Behörden in Tschernobyl hielten sich zunächst an diese Praxis.

Erst nach anderthalb Tagen wurden die 48.000 Einwohner der nahe gelegenen Stadt Pripjat in Sicherheit gebracht, später mussten alle 116.000 Menschen im Umkreis von 30 Kilometern ihre Häuser verlassen. Alle waren sie bis dahin schon massiven Strahlendosen ausgesetzt.

Beendet ist die Katastrophe längst noch nicht

Noch heute leben fünf Millionen Ukrainer, Russen und Weißrussen in Gebieten mit hoher Strahlenbelastung. Die Zahl der Todesfälle, die langfristig auf die Verstrahlung zurückzuführen sind, ist umstritten. Ein UN-Gutachten rechnete 2005 mit bis zu 4000 Strahlentoten, die Umweltorganisation Greenpeace geht langfristig eher von 100.000 Toten aus.

Ingenieur Magala hat viele seiner damaligen Kollegen sterben sehen. Feuerwehrleute, Soldaten, Polizisten, Beamte waren am Unglücksort im Einsatz. Diese Helfer der ersten Stunde sind für Magala Helden. Wegen der Radioaktivität hätten damals selbst die elektrischen Geräte versagt, "aber die Leute haben durchgehalten", berichtet er. "Sie waren es, die die Hauptlast getragen haben." Es habe "keine Schutzkleidung gegeben - aber viel Pflichtgefühl".

Noch heute befinden sich 200 Tonnen Uran in dem Reaktor. Eine dicke Zementhülle ummantelt sie. Die Hülle droht aber brüchig zu werden. Bis zum kommenden Jahr soll ein neuer 25.000 Tonnen schwerer Stahlmantel fertiggestellt sein, der dann mindestens hundert Jahre hält - so die Hoffnung. Mehr als zwei Milliarden Dollar kostet das Projekt. Noch gibt es eine Finanzierungslücke. Die Geldgeber treffen sich am 25. April zu den nächsten Beratungen.

30 Jahre Super-GAU von Tschernobyl

AFP

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