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Patrick Steinke (l.) war am Freitag am Münchner OEZ.

Unser Mitarbeiter war beim Münchner Amoklauf vor Ort

"Wollen Sie erschossen werden? Wollen Sie denn erschossen werden?"

München - Vor dem OEZ haben sich nach dem Amoklauf am Freitagabend wilde Szenen abgespielt. Als Videojournalist war Patrick Steinke vor Ort. Wie er die Ereignisse erlebt hat, sehen Sie hier in Text und Bild:

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Die Szenen, die sich am Freitagabend vor dem Olympia-Einkaufszentrum abgespielt haben, wirken immer noch befremdlich. Auf Bildern sieht man die Angst in den Augen der Leute, die aus dem OEZ stürmen. Polizisten, die mit ihren Maschinenpistolen durch die Straßen ziehen. Und eine handvoll Kameraleute. Ich war am Freitagabend einer von diesen. Und auch mich lassen seitdem die Bilder nicht mehr los. Deswegen versuche ich, sie jetzt in Worte zu fassen, um Ihnen einen Eindruck von der Situation vor Ort zu vermitteln.

Es ist 18.16 Uhr: Das Video zu Gomez' Hochzeit ist gerade fertig, als ich plötzlich den Spätdienst im Nebenraum sagen höre: "Am OEZ sollen Schüsse gefallen sein! Es soll Tote geben!" Sofort packe ich mir meine Kameratasche und spurte zur U1-Haltestelle am Hauptbahnhof. Auf der Anzeigetafel läuft schon der Text durch, dass die U-Bahnen den Halt am Olympia-Einkaufszentrum wegen eines Polizeieinsatzes nicht mehr anfährt. Für mich wird die Erstmeldung von den Schüssen immer glaubwürdiger und realer. Mit der U1 fahre ich bis zum Georg-Brauchle-Ring - eine Haltestelle vor dem OEZ. Schon auf der Rolltreppe an die Oberfläche höre ich die Sirenen. Rund ein Dutzend Einsatzfahrzeuge der Polizei und der Feuerwehr stehen mitten auf der Hanauer Straße. Ein paar Fußgänger schlendern den Gehweg entlang oder stehen vor den Häusern und machen Handy-Videos. 

Trotz der heulenden Sirenen liegt eine bedrückende Stille in der Luft, alles scheint in Zeitlupe zu laufen. Auf einmal kommen mir zwei Polizisten mit schusssicheren Westen und gezückten Pistolen entgegen. Neben ihnen läuft ein Passant mit seinem Handy am Ohr, der den Beamten einen Hinweis gegeben hat und sie irgendwo hinführen will. 

Ich gehe weiter zum OEZ, wo mich noch mehr Polizeiautos, Feuerwehrwagen und Zivilfahrzeuge erwarten. Auf der gegenüberliegenden Seite des Einkaufszentrums stehen bereits zwei Kamerateams. Ich stelle mich neben sie, um erstmal einen Überblick der Lage zu bekommen, als plötzlich maskierte Polizisten eines Sondereinsatzkommandos in kurzen Hosen und mit Maschinengewehren auf uns zulaufen. Kurz bevor sie bei uns ankommen, drehen sie nach links ab und laufen über die Straße zu ihren Kollegen mit Kampfanzügen und noch schwererer Bewaffnung. Zusammen zieht die Traube aus acht Spezialkräften die Hanauer Straße entlang. Einer sichert nach hinten ab, die anderen nach vorne und zur Seite. Die Schaulustigen, die sich mittlerweile auf der Kreuzung versammelt haben, werden ermahnt, Platz für das Sondereinsatz-Team zu machen. 

So langsam dämmert auch mir, dass dies nicht der Absicherung eines Tatorts gilt: Hier wird noch nach einem oder mehreren Tätern gefahndet! Doch wie viele es sind und wo sie sich möglicherweise verschanzt haben, weiß bislang keiner zu sagen. Jetzt geht auch mir der Arsch ein wenig auf Grundeis! In der Mitte der Straße steht ein Mitarbeiter eines Schuhladens aus dem OEZ bei den Polizisten und zeigt ihnen etwas auf seinem Handy. Wie sich später herausstellt, ist es das Video von dem Amokläufer, der vor dem Schnellrestaurant unvermittelt anfängt, auf Passanten zu schießen. Zusammen mit einem Beamten rennt der junge Verkäufer zu einer anderen Gruppe von Einsatzkräften und zeigt auch ihnen das Handy-Video.

Langsam verdichten sich die Hinweise, dass es drei Täter gewesen sein sollen, die in dem Einkaufszentrum um sich geschossen haben. Wie sich später in der Nacht aber zeigen sollte, war es ein Amokläufer, der neun Leute und sich selbst erschoss und insgesamt 35 Menschen verletzte. Alle paar Minuten kommen neue Meldungen auf mein Mobiltelefon, dass auch in der Innenstadt Schüsse gefallen sein sollen. Von Anschlägen am Stachus, Odeonsplatz und Isartor ist die Rede. Mittlerweile geht wohl jeder - auch ich - von einem gezielten Terroranschlag aus. Sätze wie "da geht doch in diesem Jahr keiner auf die Wiesn" und "die Politik hat jahrelang zugeschaut, und das haben wir jetzt davon" fallen um mich herum. Ich spreche derweil mit Marcus Brußig, der hautnah dabei war, als die ersten Schüsse fielen. Mit Tränen in den Augen berichtet er davon, wie er versucht hatte, den Verletzten zu helfen: "Neben mir am Boden ist er gestorben. Er war zwischen 18 und 20 Jahre alt - höchstens."

Eine kleine Gruppe von Leuten wird jetzt aus dem OEZ herausgeholt. Unter Polizeigeleit kommen sie zu uns ans Eck der Kreuzung, wo sie die nächsten Stunden ausharren müssen. Die Polizisten scheuchen die Schaulustigen zurück, weisen sie an, weiter von der Straße zurückzuweichen und den Neuankömmlingen Platz zu machen. 

"Wenn Sie können, dann beruhigen Sie die Leute, die aus dem Einkaufszentrum kommen, sprechen Sie mit ihnen", meint eine Polizistin zu den umstehenden Passanten. Kaum hat sich die Situation ein wenig beruhigt, bricht plötzlich schon wieder Stress unter den Einsatzkräften aus. Rund ein Dutzend Beamte rennen zu ihren Fahrzeugen und rasen mit Blaulicht davon in Richtung Innenstadt. Sie sind so in Eile, dass der Beifahrer auf dem Rücksitz des Busses die Seitentür gar nicht so schnell schließen kann, bevor sie losfahren. Andere Polizisten in schwarzer Montur laufen die Straße entlang, in dieselbe Richtung.

Wieder werden Leute aus dem OEZ geführt, kommen über die Straße, während die Polizisten mit ihren Waffen auf das Dach des Einkaufszentrums zielen. Vielen steht die Angst und Verzweiflung ins Gesicht geschrieben. Gerade, als sie in der vermeintlich sicheren Zone angekommen sind, fängt ein Polizist an zu brüllen: "Halt! Hände hoch! Hände hoch!" Alle Passanten - unter ihnen auch die Leute, die gerade erst aus dem OEZ gekommen waren - strömen wild auseinander in die entgegengesetzte Richtung. Wie sich herausstellt, hatte der Beamte drei Fotografen auf der gegenüberliegenden Straßenseite gesehen - mit ihren großen schwarzen Objektiven in der Hand. 

Eine Frau steht jetzt neben mir und fragt mich mit zitternder Stimme: "Wie kommt man hier weg? Ich will nur noch von hier weg!" Doch ich habe leider auch keine Antwort auf ihre Frage. Der U-Bahn-Verkehr ist zu diesem Zeitpunkt schon lange eingestellt, Tram-Bahnen fahren nicht mehr und Taxen sind auch keine in der näheren Umgebung, weil die Straßen im Umkreis komplett gesperrt sind. Zu Fuß mache ich mich auf den Weg in die Redaktion, gehe die Hanauer Straße zurück in Richtung Innenstadt. Als ich die Absperrung beim Georg-Brauchle-Ring passiere, höre ich noch, wie ein Pärchen mit einem Polizisten diskutiert: "Aber unser Auto steht noch da hinten beim Einkaufszentrum. Können wir das nicht schnell holen?" und wie der Polizist den Kopf schüttelt und schimpft: "Wollen sie erschossen werden? Wollen sie denn erschossen werden?" 

Patrick Steinke

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