Fahrbericht

Der weiße Pfeil: Husqvarna Vitpilen 701 im Test

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Was kann die Husqvarna Vitpilen 701? Unser Redakteur Volker Pfau hat die Maschine für Sie getestet.

Das Motorrad poloarisiert, ist aber dennoch für eine genussvolle Ausfahrt zu haben. Wir haben die Husqvarna Vitpilen 701 für Sie ausprobiert.

Die Einzylindermotorräder sind rar geworden. Umso mehr freut man sich darum auf die Husqvarna Vitpilen 701, die vom selben Aggregat angetrieben wird wie ihre Konzernschwester KTM 690 Duke. Und das ist immerhin der momentan größte Serien-Single auf dem Markt.

Während beim Hubraum mit 693 Kubikzentimetern Gleichstand herrscht, darf der Husqvarna-Pilot seinen Papieren entnehmen, dass seine Vitpilen mit 75 PS zwei Pferdestärken mehr hat als die österreichische Duke. Das macht aber den Käse nicht fett, und die Husqvarna gleich gar nicht: Gerade einmal 166 Kilogramm bringt sie fahrfertig auf die Waage. Gebaut wird sie übrigens ebenfalls in Österreich.

Das Design der Husqvarna Vitpilen 701

Viel mehr Beachtung als Leistung und Gewicht findet jedoch das Design: Der Kunststofftank hat auf beiden Seiten eher sinnfreie Ausbuchtungen, die aber bestens geeignet sind, den Schriftzug "701" zu tragen. Ein dünner Neonstreifen am hinteren Ende steht im Kontrast zum silbernen Spritbehälter und der schwarzen Sitzbank. Der Blick aufs Schwermetall im Gitterrohrrahmen ist nahezu ungehindert möglich, die Heckpartie samt Hinterrad ist fast schon unverschämt frech und schön gestaltet. Sieht alles in allem aus wie ein Café Racer im Retro-Style.

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Das Cockpit der Husqvarna Vitpilen 701

Während das Zündschloss rechts versetzt angebracht ist, befindet sich das Cockpit symmetrisch in der Mitte des Lenkers und gut im Blickfeld des Fahrers. Angezeigt wird viel: Neben der aktuellen Geschwindigkeit  befinden sich in dem Rundinstrument der Drehzahlmesser, die Anzeige für die Kühlflüssigkeitstemperatur sowie die Tankfüllung, die Information über den eingelegten Gang und die aktuelle Uhrzeit.

Durch Umschalten gelangt man außerdem zu zwei Tages-Kilometer-Zählern, zu Durchschnittsgeschwindigkeit und -verbrauch sowie der Fahrzeit. Das ist eine Menge und dementsprechend klein bis fast nicht mehr lesbar sind teilweise die Anzeigen. ABS ist abschaltbar, dann jedoch erlischt die Straßenzulassung und ein "Not legal!" erscheint in der Anzeige. Sage keiner, er sei nicht gewarnt worden. Zudem verfügt die Vitpilen 701 über einen Helligkeitssensor fürs Cockpit und einen einstellbaren Schaltblitz. Viel moderne Technik also im Single mit Retro-Charme.

Das Fahrerlebnis der Husqvarna Vitpilen 701

Mal sehen, wie man im Fahrbetrieb damit klarkommt. Dank sehr breitem Lenker hat der Fahrer die Husqvarna gut im Griff, sitzt aber sehr stark gebeugt und merkt bereits im Stehen den Druck auf die Handgelenke. Irritierend ist der verkürzte Kupplungshebel, dessen Funktionalität dadurch zwar nicht eingeschränkt ist, den Sinn dieser Maßnahme konnten wir nicht erschließen.

Das Hinterteil nimmt auf einer sehr harten Sitzbank Platz, die anfänglich schlimmen Befürchtungen hinsichtlich des Komforts oder gar einer möglichen Verkrampfung des Allerwertesten auf längeren Ausritten wurden jedoch nicht bestätigt. Das Design von Bank und Tank verhinderten jedoch einen sauberen Knieschluss.

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Die Spannung steigt. Der Single wird endlich zum Leben erweckt. Kupplung ziehen und Gang einlegen gehen spielend leicht, und so tuckern wir los. Bereits auf den ersten innerstädtischen Kilometern schätzen wir gleich drei Dinge an der Vitpilen:

Sie ist zum Ersten ungemein schlank und wendig, zum Zweiten führt dank serienmäßigem Schaltassistent der Gangwechsel, der ja bei einem Einzylinder etwas häufiger angesagt ist, zu keinerlei Einbußen an Komfort und Freude und drittens macht sie ihrem Namen weißer Pfeil – was vitpilen auf Schwedisch heißt – alle Ehre, denn sie geht ganz ordentlich ab. Die Schwedin mag gerne im für sie optimalen Drehzahlbereich unterwegs sein. Ist man unaufmerksam und vergisst zu schalten oder Gas zu geben, dokumentiert sie dies mit unwilligem Schütteln, gerne auch mit deutlichem Ruckeln und verzögertem Umsetzen des Beschleunigungsbefehls. Man lernt schnell und schaltet früher.

Die Husqvarna Vitpilen 701 schafft 200 km/h in der Spitze, aber stur geradeaus heizen ist nicht der Sinn dieser Maschine.

Nach oben raus darf gejubelt werden. Die Maximalleistung ist schließlich erst bei 8.500 U/min erreicht, und auf den letzten Umdrehungen vor dem Maximum haut die Vitpilen 701 nochmal alles raus. Sture Geradeausbolzerei ist aber nicht ihr ureigenes Terrain – obwohl die angegebene Höchstgeschwindigkeit von 200 km/h im Bereich des Erreichbaren liegt und sie auch dann stabil und ruhig ihre Bahn zieht. Auf Dauer ist solche Fortbewegung jedoch sinnlos.

Viel Freude erfährt man auf kleineren Straßen, und bei entsprechend klarer Ansage läuft die Vitpilen 701 auch sauber um die Kurven. Das Gefühl, mit dem Motorrad zu einer Einheit verschmolzen zu sein, stellt sich jedoch wegen der ungewohnten gekrümmten Sitzposition und dem nicht machbaren Knieschluss nicht ein. Schade, denn so ist das Glück nicht ganz perfekt. Kleiner Trost: Eine Traktionskontrolle ist in der Serienausstattung enthalten und die Bremsen geben keinen Anlass zur Kritik.

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Andererseits: Man fährt einen Roadster und keinen Reisedampfer. So muss man auch mit diversen Eigenheiten leben lernen. Beispielsweise vibrieren die Rückspiegel. Das ist beim Einzylinder typisch, aber etwas weniger Unklarheit würde das Sicherheitsgefühl deutlich erhöhen. Die Schalter sind etwas klein geraten, deren Bedienung fummelig und eine Lichthupe gibt es nicht. Die Reichweitenanzeige im Cockpit gehört eher in die Rubrik Bordunterhaltung denn zum sinnvollen Service. Wir hatten mit vollem Tank innerhalb der ersten zwei Dutzend Kilometer Sprünge von 240 auf 0 und dann hoch bis hin zu 450 Kilometern Restreichweite.

Die Kosten für die Husqvarna Vitpilen 701

Fröhlich stimmt der Verbrauch. 4,2 Liter errechneten wir als Konsum auf 100 Kilometern. Der Zwölf-Liter-Tank muss also öfters neu befüllt werden, was aber alleine wegen des liebevoll gestalteten Tankdeckels ein zumindest optisches Vergnügen darstellt. 10.195 Euro kostet die Husqvarna Vitpilen 701. Dieser Preis gilt für alle, denn bislang steht auch kein weiterer Posten auf der Liste der käuflichen Sonderausstattungen.

Fazit zur Husqvarna Vitpilen 701

Der kernige Einzylinder ist ein Fall für Individualisten, die ein Motorrad suchen, das nicht an jeder Ecke steht, das polarisiert und mit dem man dennoch genussvoll zur Ausfahrt starten kann. Sportliche Ambitionen darf man nicht haben, Höchstleistungen darf man nicht erwarten – dann hat man viel Freude am weißen Pfeil.

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Technische Daten

Motor

flüssigkeitsgekühlter Einzylindermotor

mit 693 ccm Hubraum

Leistung

75 PS (55 kW) bei 8.500 U/min

Drehmoment

72 Nm (bei 6.750 U/min)

Höchstgeschwindigkeit

200 km/h

Radstand

1.434 mm

Sitzhöhe

830 mm

Gewicht (vollgetankt)

166 Kilogramm

Tankinhalt

12 Liter

Testverbrauch

4,2 Liter

Preis

10.195 Euro

Volker Pfau

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