Ärzte und Pfleger als Opfer

Gewalttätige Patienten gehören zum Klinik-Alltag

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Gewalt im Krankenhaus nimmt zu: Von Beleidigungen und Bedrohungen, sexuellen Angriffen, Anspucken und Kratzen bis zum Werfen von Gläsern, Infusionsflaschen und Möbeln ist alles dabei.

Immer häufiger greifen im Krankenhaus Patienten Ärzte oder Pfleger an. Die Täter sind längst nicht immer psychisch krank oder betrunken. Im Klinikum Nürnberg geht man nun in die Offensive.

Gewalttätige Patienten sind in großen Krankenhäusern inzwischen fast Alltag - und das nicht nur in der Psychiatrie. Vor allem in Notaufnahmen werden Ärzte und Pfleger immer häufiger beleidigt und bedroht, mit Gegenständen beworfen oder sogar tätlich angegriffen. „Der weiße Kittel schützt schon lange nicht mehr“, sagt Günter Niklewski, Chefarzt am Klinikum Nürnberg. Weil hier die Fälle von Gewalt immer mehr zunahmen, hat das Krankenhaus einen ungewöhnlichen Schritt gewagt: Seit kurzem sind private Sicherheitsleute in den besonders betroffenen Abteilungen präsent. Ein Beispiel, das Schule machen könnte.

„Weißer Kittel schützt nicht mehr“

Vor einem halben Jahr schlug im Klinikum ein Patient eine Oberärztin krankenhausreif. „Die Situation war haarscharf“, berichtet Niklewski. Und der Mann habe lediglich Schlafstörungen gehabt, sei also kein psychiatrischer Patient gewesen, betont der Mediziner. „Denn damit können wir umgehen.“ Ärzte und Pfleger, die täglich mit psychisch kranken Menschen zu tun hätten, seien speziell geschult und wüssten, wie sie sich verhalten müssen.

„Worüber wir sprechen, ist die allgemeine Verrohung“, sagt Niklewski. Patienten, aber auch deren Angehörige und Begleitpersonen würden inzwischen viel schneller gewalttätig. Von Beleidigungen und Bedrohungen, sexuellen Angriffen, Anspucken und Kratzen bis zum Werfen von Gläsern, Infusionsflaschen und Möbeln ist alles dabei. Ein besonderes Problem sind die neuen Designerdrogen. „Die erzeugen oft vorübergehende Psychosen. Wenn die Leute aufwachen, fühlen sie sich sofort bedroht und schlagen um sich“, erzählt Niklewski.

Wartezeit in der Notaufnahme

Ein weiterer Faktor, an dem sich immer häufiger Gewalt entzündet: lange Wartezeiten in der Notaufnahme. Viele hätten kein Verständnis dafür, dass eilige Fälle schneller verarztet werden und weniger dringliche auch mal warten müssen, sagt Personalvorstand Peter Schuh. Außerdem sind die meisten Notaufnahmen chronisch überlaufen. Johanna Knüppel vom Bundesverband für Pflegeberufe sagt, ein verstärkender Faktor sei hier zu wenig Personal. „Der Personalmangel oder aus Kostengründen reduziertes Personal führt außerdem dazu, dass Mitarbeiter heute oft alleine sind mit Patienten. Dadurch ist die Gefährdung und auch das Gefühl der Gefährdung größer als vor zehn Jahren.“

In einer Umfrage beim Nürnberger Klinik-Personal, an der sich mehr als 600 Kollegen beteiligten, berichteten im vergangenen Jahr mehr als 70 Prozent der Befragten, dass sie schon einmal Opfer von verbaler oder körperlicher Gewalt geworden sind - etwa die Hälfte der Befragten sogar innerhalb der vergangenen sechs Monate. „Das hat uns dann doch überrascht“, sagt Schuh. Der schon bestehende Eindruck, dass die Gewalt in letzter Zeit zugenommen habe, sei durch die Umfrage bestätigt worden.

Eine Studie der Berufsgenossenschaft für Gesundheitsdienst und Wohlfahrtspflege (BGW) aus dem Jahr 2009 bestätigt den Trend: Damals gaben fast 80 Prozent der Krankenhausmitarbeiter an, schon einmal Opfer von verbaler Gewalt geworden zu sein. 56 Prozent berichteten auch von körperlichen Attacken. In einem Arbeitskreis von knapp 30 Krankenhäusern „haben fast alle Teilnehmer gesagt, dass die Gewalt und Gewaltbereitschaft in den letzten Jahren zugenommen hat“, sagt Andrea Gerstner von der Bayerischen Krankenhausgesellschaft.

Dabei ist Gewalt im Krankenhaus kein neues Phänomen. Aber: „Wenn das früher mal vorkam, war das eine Woche lang Thema Nummer Eins in der Kantine“, erzählt Schuh. „Heute ist das fast Alltag.“

Verlässliche Statistiken, wie sich die Gewalt gegen Ärzte und Pfleger entwickelt hat, gibt es jedoch kaum. Selbst Unfallversicherer zählen nur Fälle, die zu einer mindestens dreitägigen Arbeitsunfähigkeit führen. Ob dabei ein Patient oder ein Kollege der Angreifer war, wird nicht erfasst. Und viele Fälle werden gar nicht erst gemeldet.

„Die Ergebnisse unserer Umfrage haben uns veranlasst, das Thema aktiv anzugehen“, sagt der Nürnberger Klinikvorstand Alfred Estelmann. Ein privater Sicherheitsdienst wurde engagiert, der nachts und am Wochenende in der Notaufnahme und auf der Intensivstation präsent ist. Hier werden vor allem Alkohol- und Drogenpatienten betreut. Die ersten Erfahrungen sind positiv. „Die Anwesenheit des Sicherheitsdienstes wirkt sofort sehr deeskalierend“, sagt Schuh. Vorbild war hier der Sicherheitsdienst in Hamburger Kliniken.

Außerdem haben die Mitarbeiter einen Leitfaden bekommen, der sie über den richtigen Umgang mit Gewalt und Aggression informiert und aufzeigt, wie sie sich wehren und an wen sie sich wenden können. Derzeit rüstet die Klinik auch ihre internen Telefone mit einem speziellen Alarmknopf auf. Und es wurden Plakate aufgehängt: „Bei Gewalt hört für uns der Spaß auf.“

Von Cathérine Simon, dpa

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