Klick – Klick - Medikament

Versandapotheken im Aufwind: Das Online-Geschäft mit Gesundheitsprodukten und Medikamenten boomt

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Versandapotheken sind eine verhältnismäßig junge Entwicklung. Trotzdem beziehen schon heute immer mehr Verbraucher ihre Gesundheitsprodukte und Medikamente aus dem Internet.

Ein Besuch in der Apotheke steht für die meisten Menschen mehrmals im Jahr auf dem Plan. Kopfschmerztabletten, Mittel gegen die lästige Erkältung und den Husten in der nasskalten Jahreszeit oder Hilfsmittel zur Wundversorgung und Körperpflege gehören zu den am häufigsten gekauften Produkte in den örtlichen Apotheken. Inzwischen haben auch viele Drogeriemärkte und der gut sortierte Einzelhandel eine breite Palette an nicht verschreibungspflichtigen Gesundheitsprodukten im Sortiment.

Mit einem Rezept für ein apotheken- oder verschreibungspflichtiges Medikament führt der Weg aber zwangsläufig in die Fachgeschäfte. Das ist auch gut so, denn viele Medikamente sind zu Recht nicht frei verkäuflich. Mit den immer weiter verbreiteten Versandapotheken ist es inzwischen trotzdem nicht mehr zwingend notwendig, für den Erwerb eines verschreibungspflichtigen Medikamentes aus dem Haus zu gehen. Mit wenigen Klicks bringt der Paketbote die gewünschte Arznei in wenigen Werktagen bequem nach Hause.

Politisch umstritten und doch etabliert

Zwischen Begeisterung und Skepsis bewegen sich Politik und Gesellschaft, wenn es um das Thema Versandapotheken geht. Dass diese Form des Medikamentenverkaufs äußerst praktisch und am modernen, digital vernetzten Kunden orientiert ist, steht außer Frage. Ob gerade so sensible Produkte wie verschreibungspflichtige Medikamente in die Hände des Versandhandels gehören, darüber scheiden sich die Geister. Im Rahmen der Koalitionsverhandlungen 2018 hatte Bundesgesundheitsminister Jens Spahn (CDU) sogar ins Auge gefasst, den Versandhandel mit verschreibungspflichtigen Medikamenten verfassungsrechtlich verbieten zu lassen, ja, ein entsprechender Passus hatte sogar bereits seinen Weg in den Koalitionsvertrag gefunden. Letztendlich einigte man sich mit Koalitionspartner SPD allerdings darauf, diesen Zusatz wieder zu streichen, sehr zur Freude der Sozialdemokraten, die darin einen klaren Schritt in die richtige Richtung sahen.

Auf Verbraucherseite wird der Versandhandel mit Gesundheitsprodukten und Medikamenten gut angenommen. Seit dem Jahr 2004 haben rund 3.000 allein in Deutschland ansässige Apotheken einen Online-Shop entwickelt und vertreiben ihre Produktpalette auch über das Internet. Der Bundesverband Deutscher Versandapotheken (BVDVA) gibt an, dass etwa 150 dieser Versandapotheken einen Umsatz von mehreren Millionen Euro pro Jahr generieren und damit auch im Online-Geschäft als Wirtschaftsfaktor betrachtet werden müssen.

In Deutschland, Österreich und der Schweiz sind die Verkaufszahlen in den vergangenen Monaten stetig gestiegen und ein Rücklauf ist derzeit nicht zu erwarten. Apotheken und Gesundheitsprodukte zählen derzeit zu den dynamischsten Branchen im E-Commerce. Vor allem bekannte Anbieter und namhafte Online-Apotheken wie Sanicare sind spätestens seit dem Geschäftsjahr 2019 auf Erfolgskurs. Die Prognosen sind hervorragend. Die Grundidee der Apotheke per Mausklick scheint also auf Verbraucherseite durchaus auf breite Zustimmung zu stoßen.

Persönliche Beratung gegen Internetrecherche

Ein Aspekt, den viele Menschen in der Apotheke ihres Vertrauens zu schätzen wissen, ist die persönliche Beratung, die sie dort im Rahmen ihres Einkaufes in Anspruch nehmen können. So viele verschiedene Präparate versprechen eine ähnliche Wirkung und immer wieder werden neue Pharmazieprodukte auf den Markt gebracht. Wer hier nicht willkürlich zugreifen möchte, darf gerne auf das Fachwissen des geschulten Personals in der Apotheke zurückgreifen. Auch bei der Einlösung eines Rezeptes vom Arzt fragt der Apotheker in den meisten Fällen noch einmal nach, ob bezüglich der Anwendung noch Fragen bestehen, die der behandelnde Arzt vielleicht noch nicht erschöpfend beantwortet hat. Eine Dosierungsempfehlung oder unbedingt zu berücksichtigende Warnhinweise gibt es selbstverständlich auch. Keine Frage, wer seine Medikamente und Gesundheitsprodukte in der Apotheke vor Ort kauft, ist grundsätzlich gut beraten.

Beim Einkauf in der Versandapotheke bleibt dieser Service zwangsläufig auf der Strecke. Nur grundlegende Informationen können in den im Online-Shop hinterlegten Produktinformationen vermittelt werden. Für ein persönliches Gespräch und individuelle Fragen bleibt in der virtuellen Apotheke kein Raum. Ein großes Manko, so könnte man sagen, vor allem, wenn es um so sensible Waren wie Medikamente und Gesundheitsprodukte geht.

Die Praxis zeigt allerdings, dass vor allem die jüngere Generation häufig kein Problem damit hat, auf die persönliche Beratung in der Apotheke zu verzichten. Alle wichtigen Informationen, Produktvergleiche und Anwendungshinweise sind im Internet zu finden und Produktrezensionen und Erfahrungsberichte von Anwendern können zumindest bei nicht apotheken- oder rezeptpflichtigen Präparaten vielfach die persönliche Beratung ersetzen. Vor allem bei bereits bekannten Produkten und Folgeanwendungen haben die praktischen Aspekte einer Online-Bestellung für Verbraucher nicht selten einen höheren Stellenwert als das Beratungsangebot in einer Apotheke vor Ort. So findet die computeraffine Generation der digital Natives meist früher oder später ihren Weg in den Online-Shop einer Versandapotheke.

Amazon Marketplace und Versandapotheken im Visier der Datenschutzbehörde

Ganz eben verläuft der Weg der Versandapotheken in den weltweiten E-Commerce scheinbar aber nicht. So sind die Bemühungen des E-Commerce-Riesen Amazon, sich ein Stück vom Versandapotheken-Kuchen zu sichern, auf Gegenwind aus juristischer Richtung getroffen. Wie die Deutsche Apothekerzeitung (DAZ) berichtete, haben Versandapotheken in Nordrhein-Westfalen bereits im Dezember des vergangenen Jahres Post von der Landesbeauftragten für Datenschutz und Informationsfreiheit Nordrhein-Westfalen (LDI NRW) erhalten. Inhaltlich gehe es dabei vor allem um die sensiblen Daten, die Amazon-Kunden beim Kauf rezeptpflichtiger Medikamente im Internet preisgeben müssten:

Laut Rechtsanwalt Dr. S. Dennis Engbrink hält die LDI NRW den Verkauf aus datenschutzrechtlichen Gründen für unzulässig, weil Gesundheitsdaten ohne eine besondere Einwilligung der Kunden verarbeitet würden. Dabei berufe sie sich auf ein Urteil des Landgerichts Dessau-Roßlau vom März vergangenen Jahres. Das Gericht hatte erstinstanzlich (nicht rechtskräftig) entschieden, dass der Vertrieb apothekenpflichtiger Medikamente über den Amazon Marketplace wegen der Verletzung von datenschutzrechtlichen Vorschriften unzulässig sei, solange nicht sichergestellt werde, dass der Kunde beim Bestellvorgang seine ausdrückliche Einwilligung in die Verarbeitung von Gesundheitsdaten erteile.“ (Quelle: https://www.deutsche-apotheker-zeitung.de)

Die Datenschutzbehörde in NRW möchte diesen Bedenken verstärkt nachgehen und überprüft derzeit stichprobenartig Versandapotheken im ganzen Bundesland. Gegenstand der Überprüfung ist vorrangig der Umgang mit sensiblen Kundendaten im Zusammenspiel mit der Verkaufsplattform Amazon Marketplace. Der Schwerpunkt liegt dabei auf nicht verschreibungspflichtigen Medikamenten, die über Amazon Marketplace beworben und vertrieben werden. Sollten hier Ansatzpunkte aufgetan werden, die datenschutzrechtliche Bedenken erhärten, ist voraussichtlich mit tiefgreifenderen Maßnahmen zu rechnen, die für den Global Player und die einzelnen Online-Apotheken durchaus ungemütlich werden könnten.

Fachanwalt Engbrink rät betroffenen Versandapotheken derzeit dazu, ihrer Auskunftspflicht gegenüber der Datenschutzbehörde erst nach einer eingehenden anwaltlichen Beratung nachzukommen. Engrink selbst sieht die personenbezogenen Daten von Amazon-Kunden zunächst nicht grundsätzlich gefährdet. Wenn man so argumentiere, müsste beispielsweise auch der Verkauf von laktosefreier Milch ohne besondere Einwilligung des Kunden datenschutzrechtlich unzulässig sein, äußerte sich der Jurist gegenüber der Deutschen Apothekerzeitung. Schließlich könnte auch der Kauf von laktosefreier Milch Rückschlüsse auf den Gesundheitszustand des Bestellers zulassen. Zudem sei nicht zwingend vorauszusetzen, dass Kunden, die Medikamente über Amazon Marketplace bei einer Versandapotheke bestellten, diese auch in jedem Fall selbst einnehmen.

Die Prüfung des Sachverhaltes, der zivilrechtlich zunächst hohe Wellen geschlagen hatte, wird voraussichtlich noch einige Monate in Anspruch nehmen. Ein grundsätzliches Verbot einer Kooperation von Online-Apotheken mit dem E-Commerce-Riesen Amazon ist aber ein eher unwahrscheinliches Ergebnis. 

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