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Burschenschaft Normannia: Hitlergruß, Volksverhetzung, Antisemitismus – Staatsanwaltschaft ermittelt

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Peter Kiefer

Heidelberg: Das Anwesen der Burschenschaft Normannia. (Archivbild)

Heidelberg: Das Anwesen der Burschenschaft Normannia. (Archivbild) © HEIDELBERG24

Heidelberg - Die Ermittlungen der Staatsanwaltschaft zu den Vorkommnissen in der Burschenschaft „Normannia“ sind abgeschlossen und haben Konsequenzen! Wofür Anklage erhoben wird:

Jetzt wird‘s ernst für die Burschen! Die Staatsanwaltschaft Heidelberg hat ihre in der zweiten Jahreshälfte 2020 eingeleiteten Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts von Straftaten im Zusammenhang mit der Heidelberger Burschenschaft „Normannia“ abgeschlossen, wie die Behörde am Freitag mitteilt.

Der schwerste Brocken: Das umfangreichste dieser Ermittlungsverfahren hat den widerlichen Verdacht betroffen, dass Mitglieder der über 130 Jahre alten „Normannia“ im Rahmen einer Feierlichkeit in der Nacht vom 28. auf den 29. August 2020 im Verbindungshaus der Burschenschaft in der Heidelberger Altstadt gemeinsam mit Gästen aus den Reihen auswärtiger Studentenverbindungen ein Mitglied einer anderen Heidelberger Studentenverbindung wegen dessen jüdischstämmiger Großmutter verbal und tätlich angegriffen haben.

Stadt\t\t\t\tHeidelberg
BundeslandBaden-Württemberg
Fläche108,84 km²
Einwohnerzahl161.485 (Stand: 31. Dez. 2019)
OberbürgermeisterProf. Dr. Eckart Würzner (parteilos)

Insgesamt zehn Beschuldigte gerieten in Verdacht, den Geschädigten gemeinschaftlich in herabwürdigender Weise mit ihren Gürteln geschlagen, mit Worten antisemitisch beleidigt und/oder mit derselben Intention mit Münzgeld beworfen zu haben, wie HEIDELBERG24 berichtet hat.

Burschenschaft Normannia: Vorwürfe gegen Beschuldigte haben sich laut Staatsanwaltschaft erhärtet

Die Ermittlungen konnten diese Vorwürfe in Bezug auf sechs der zehn Beschuldigten ganz oder teilweise erhärten. Die Staatsanwaltschaft Heidelberg hat daher beim Jugendrichter des Amtsgerichts Heidelberg den Erlass von Strafbefehlen wegen gefährlicher Körperverletzung und tätlicher Beleidigung beantragt. Die beantragten Rechtsfolgen reichen je nach Einzelfall von Geldstrafe in Höhe von 90 Tagessätzen bis zu Freiheitsstrafe von zehn Monaten mit Bewährung.

Die Staatsanwaltschaft Heidelberg beantragt Strafbefehle und erhebt Anklage gegen Mitglieder der Burschenschaft „Normannia“. (Symbolfoto)

Die Staatsanwaltschaft Heidelberg beantragt Strafbefehle und erhebt Anklage gegen Mitglieder der Burschenschaft „Normannia“. (Symbolfoto) © picture alliance / dpa

Gegen die übrigen Beschuldigten wurde das Ermittlungsverfahren mangels hinreichenden Verdachts verfolgbarer Straftaten eingestellt, weil insoweit trotz umfangreicher Ermittlungen eine Tatbeteiligung zwar möglich erschien, jedoch nicht im Sinne einer überwiegenden Verurteilungswahrscheinlichkeit nachgewiesen werden konnte.

Burschenschaft Normannia: Hitlergruß, Volksverhetzung, Beleidigung – die schändliche Liste der Vergehen

Daneben führte die Staatsanwaltschaft Heidelberg mehr als zehn weitere Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts politisch motivierter Straftaten von Mitgliedern der Burschenschaft oder dieser nahestehenden Personen. In diesen Verfahren wurde tatsächlichen Anhaltspunkten dafür nachgegangen, dass die jeweiligen Beschuldigten, meist ebenfalls gegenüber Angehörigen der Heidelberger Verbindungsszene, insbesondere die Straftatbestände der Volksverhetzung, des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen und der Beleidigung verwirklicht haben könnten, indem sie den Hitlergruß entboten, weitere Kennzeichen des Nationalsozialismus verwendeten, den Holocaust leugneten und andere Studierende rassistisch, insbesondere antisemitisch, beleidigten.

Ein Burschenschafter zeigt den Hitlergruß. Das Foto soll im Haus der Normannia in Heidelberg aufgenommen worden sein.

Ein Burschenschafter zeigt den Hitlergruß. Das Foto soll im Haus der Normannia in Heidelberg aufgenommen worden sein. © Indymedia

Diese Verfahren wurden überwiegend entweder deswegen eingestellt, weil der für die Verfolgung des Straftatbestandes der Beleidigung zwingend erforderliche Strafantrag des jeweiligen Geschädigten fehlte oder - bezüglich der Straftatbestände der Volksverhetzung und des Verwendens von Kennzeichen verfassungswidriger Organisationen - die rechtlich geforderte Öffentlichkeit der entsprechenden Bekundungen bzw. die Äußerung in einer Versammlung nicht festgestellt werden konnte. Dies betrifft auch das Ermittlungsverfahren wegen des Verdachts, ein Gast einer Verbindungsfeier der „Normannia“ im November 2017 habe bei dieser Gelegenheit in strafbarer Weise den Hitlergruß entboten.

Burschenschaft Normannia: Gefährliche Körperverletzung – Bereits Strafen wegen früherer Delikte verhängt

Schließlich leitete die Staatsanwaltschaft Heidelberg ein weiteres Ermittlungsverfahren gegen ein Mitglied der „Normannia“ wegen des Verdachts ein, dieses habe am 1. Mai 2019 gemeinsam mit einem weiteren, gesondert verfolgten „Bundesbruder“ ein Mitglied der Heidelberger Studentenverbindung „Rupertia“ in deren Verbindungshaus gemeinschaftlich mit Fäusten ins Gesicht geschlagen. Gegen diesen Mittäter hatte im Juni 2020 bereits eine erstinstanzliche Hauptverhandlung vor dem Amtsgericht Heidelberg stattgefunden.

Heidelberg: Blick auf das Haus der Burschenschaft Normannia. Die Staatsanwaltschaft Heidelberg ermittelt gegen mehrere Mitglieder der Heidelberger Burschenschaft. Sie sollen einen 25-Jährigen mit Gürteln geschlagen, mit Münzen beworfen und antisemitisch beleidigt haben. (zu dpa «Burschenschaft Normannia distanziert sich von Antisemitismus») Foto: Uwe Anspach/dpa +++ dpa-Bildfunk +++

Die Justiz hat wegen des antisemitischen Vorfalls bei der Heidelberger Burschenschaft Normannia ermittelt. © picture alliance/Uwe Anspach/dpa - Bildfunk

In dieser hatten sich zureichende Anhaltspunkte für die Identität des weiteren Schlägers ergeben, die zu dem neuen Ermittlungsverfahren führten. In diesem haben die Ermittlungen einen hinreichenden Tatverdacht ergeben. Die Staatsanwaltschaft hat daher eine weitere Anklage wegen gefährlicher Körperverletzung zum Amtsgericht Heidelberg (Strafrichter) erhoben. In dem erstgenannten Strafverfahren hat das Landgericht Heidelberg die Berufung des Angeklagten, der mit Urteil des Amtsgerichts Heidelberg vom 22. Juni 2020 verwarnt und zu 60 Stunden gemeinnütziger Arbeit verurteilt worden war, zwischenzeitlich am 3. Mai 2021 verworfen und damit das amtsgerichtliche Urteil bestätigt. (PM/pek)

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