Wirte vor zweitem Shutdown

Ironie des Schicksals: „Essighaus“-Betreiber trifft der Corona-Lockdown besonders hart

Die Untere Straße in der Heidelberger Altstadt wird im November wohl gähnend leer bleiben.
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Die Untere Straße wird im November wohl gähnend leer bleiben.

Heidelberg - Vergangenen Aussagen zum Trotz steht Deutschland vor einem erneuten Corona-Shutdown. Das trifft auch die Gastronomen besonders hart, sie sehen sich in ihrer Existenz bedroht:

Was Inhaber Karsten Springer und Mitbetreiber Stefan Eberle vom „Essighaus“ in der Plöck am Mittwoch (28. Oktober) durchleben, kann man getrost als Ironie des Schicksals bezeichnen ‒ dabei ist die Lage für Gastronomen während der Corona-Krise ohnehin schon ernst. Die beiden Gastwirte hatten sich dazu entschieden, in dem Heidelberger Traditionslokal zwei riesige Luftfiltergeräte in den beiden Gasträumen aufzustellen. So wollten sie auch in den Wintermonaten für die Sicherheit ihrer Gäste und für sich und ihre Mitarbeiter für konstante Umsätze sorgen.

Einen beinahe hundertprozentigen Schutz vor Viren und Bakterien sollen die massiven „Airguard“-Türme garantieren, die in der Gaststätte und dem Saal die Luft dutzendfach pro Stunde umwälzen und dabei komplett reinigen. „Die Geräte wälzen pro Stunde bis zu 14 Mal die Luft um und reinigen sie komplett“, erklärt Eberle. Gesetzlich gefordert sind fünf bis sechs Umwälzungen pro Stunde. Für 550 Euro im Monat haben die Essighaus-Betreiber die beiden Türme geleast, die von einer Firma bei Göppingen konzipiert wurden.

Neben zwei Hepa 14-Schwebstoffiltern sind in den Geräten auch antimikrobiell beschichtete Platten verbaut, die Viren und Bakterien beseitigen. Eine Technik, die sonst im medizinischen OP-Bereich Verwendung findet. Dadurch wird die Raumluft zu „99,995 Prozent von Aerosolen, Viren, Bakterien, Stäuben und Pollen befreit“, heißt es in einer Mitteilung der Hersteller-Firma Apodis.

Im Essighaus in der Plöck reinigen Luftfiltertürme die Raumluft.

Heidelberger Gastronomen in der Corona-Krise: „Dritten Lockdown darf es nicht geben“

Als die Geräte am Mittwochmittag endlich aufgestellt werden, tagt bereits die Ministerpräsidentenrunde mit Bundeskanzlerin Angela Merkel. Schon im Vorfeld war durchgesickert, dass die Gastronomie mit einer erneuten Schließung rechnen muss. Wenige Stunden später ist klar: Neben vielen anderen Maßnahmen bleiben auch Restaurants, Kneipen, Bars und Clubs ab Montag (2. November) für mindestens einen Monat dicht. „Eine Feier ist in eine Trauerfeier übergegangen“, beschreibt Eberle seine Gefühlslage gegenüber HEIDELBERG24. Essighaus-Inhaber Springer wirkt bedrückt, als wir uns die Luftfilter vor Ort anschauen. Noch könne er das Verlustgeschäft stemmen, „aber einen dritten Lockdown darf es nicht geben“, stellt Springer klar, der das Lokal seit 30 Jahren betreibt und regelmäßig selbst in der Küche steht. Schon jetzt müsse er teilweise auf Rücklagen zurückgreifen, die er sich eigentlich für die Rente beiseite gelegt habe.

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Pandemiebedingt ist das Geschäft stark eingebrochen, berichtet Eberle. Eine Bewertung, die auf fast alle Heidelberger Gastronomen zutreffen dürfte. Umsatzmäßig lagen die Monate Mai bis Juli bei 40 bis 50 Prozent der Vorjahresmonate, zumindest der August sei mit immerhin 80 Prozent „gut“ gewesen, verrät Eberle. Die steigenden Coronavirus-Infektionszahlen der vergangenen Wochen machen sich aber laut Springer auch in den Gasträumen des „Essighaus“ bemerkbar: „Viele Gäste blieben wieder weg.“ Andere hatten wiederholt angerufen und gefragt, wann die Luftfiltertürme denn endlich aufgestellt würden. Kaum waren die neuen Luftfilter da, war auch die Gaststätte wieder „ziemlich voll“, so Springer. Damit wird am Montag vorerst wieder Schluss sein.

Corona in Heidelberg: Gastro-Betriebe mit „massiven Umsatzverlusten“

Aus Sicht des Gastgewerbes ist das kein ‚Lockdown light‘, sondern ein harter Lockdown mit dramatischen Auswirkungen auf Betriebe und Beschäftigte“, kommentiert Melanie von Görtz die anstehenden temporären Schließungen in Gastronomie und Hotellerie. Die Stimmung in der Branche beschreibt die Heidelberger Geschäftsführerin des Gastgewerbeverbands Dehoga als „bitter und zornig“. Wirtschaftlich stünden viele Betriebe durch Corona „mit dem Rücken zur Wand“, rund ein Drittel der Gastro-Unternehmen sei in ihrer Existenz gefährdet, schätzt von Görtz. Clubs und Discos durften nicht mal mehr öffnen. „Unsere Betriebe leiden seit März unter massiven Umsatzverlusten.

Auch der „Mohr“ in der Unteren Straße darf keine Gäste mehr bewirten.

Das bestätigt auch Frank Baumann, der in der Weststadt das „Kaffeezimmer“ betreibt. Seit März verzeichnet der Barista „drastische Gewinneinbrüche“ im Vergleich zum Vorjahr. Im Sommer habe sein Café vielleicht 70 Prozent des Umsatzes aus dem Vor-Coronaniveau erreicht. Mit dem Lockdown im Frühjahr und Frühsommer seien ausgerechnet „gute“ Gastro-Monate weggefallen, das passiere jetzt mit dem Spätherbst schon wieder. Dass mit dem November jetzt ein weiterer „wirtschaftlich guter Monat wegfällt, ist schon hart.Seine Angestellten will Baumann weiter beschäftigen und Kaffee wieder „to go“ auf die Straße verkaufen. Ob das in den witterungsbedingt schwierigeren Wochen auch so funktioniert wie vor dem Sommer, „muss man sehen“.

Corona in Heidelberg: Restaurant- und Kneipenschließungen „unverhältnismäßig“

Eine erneute Schließung von Gastronomie und Hotellerie ist aus Sicht von Dehoga und vielen Gastwirten indes „unverhältnismäßig“. „Gastronomie und Hotellerie sind nachweislich keine Pandemie-Treiber“, sagt von Görtz. „Die Hygienekonzepte der Branche funktionieren“ ‒ das erkenne man auch daran, dass das Robert-Koch-Institut (RKI) im Gastgewerbe keine Infektionsschwerpunkte ausmachen könne. „Für mich müsste der Ursprung der rasant steigenden Fallzahlen an anderer Stelle gesucht werden“, findet Joachim Herr vom Restaurant „Herrenmühle“ in der Altstadt. Eine Meinung, die auch seine Kollegen teilen: „Ein überwiegender Großteil der Ansteckungen geschieht im privaten Bereich und wir müssen es ausbaden“, kritisiert Baumann.

Die Auswahl der Branchen, die vom Lockdown betroffen sind, ist für viele Wirte unverständlich. „Mit immensem Aufwand“ haben Gastronomie und Hotellerie „Hygienekonzepte erstellt und mit viel finanziellem Aufwand umgesetzt“, ergänzt Herr. Der neue Lockdown komme zwar nicht unerwartet, aber mit der Vorweihnachtszeitzu Beginn einer unserer wichtigsten Zeiten.“ Jetzt müsse man eben schnell reagieren und „Takeaway“ reaktivieren.

In der „Herrenmühle“ konnte man den ersten Lockdown so „einigermaßen überstehen“, sagt Herr. Auch beim „Essighaus“ will man eine kleine Karte mit fünf Gerichten anbieten. Zwischen 12 und 14 Uhr sowie 18 und 21 Uhr kann man seine Speisen ab kommender Woche dann abholen. Mitbetreiber Stefan Eberle: „Das ist dann ein kleiner, kleiner Tropfen auf den heißen Stein.

Heidelberg: Investitionen zahlen sich für viele Gastronomie-Betriebe nicht aus

(Über-)Leben können die Betriebe vom Außerhausverkauf aber nicht“, mahnt von Görtz. Auch mit größter Anstrengung der Unternehmer seien die entstandenen Schäden nicht auszugleichen. „Viele haben investiert, in Plexiglasscheiben und andere Hygienemaßnahmen, um gut gerüstet in die kalte Jahreszeit zu gehen.

Oder eben wie das „Essighaus“ in eine High-Tech-Lüftungsanlage.Das war jetzt erstmal völlig umsonst und es fehlt eine Perspektive“, sagt von Görtz. Gastwirte und Hoteliers sollen für die Einnahmeausfälle mit bis zu 75 Prozent des Umsatzes aus dem Vohrjahresmonat entschädigt werden. Das klinge „zunächst mal wuchtig“, erklärt Daniel Ohl, Pressesprecher von Dehoga Baden-Württemberg. Wichtig sei, dass die angekündigten Hilfen komplett und schnell bei den Betrieben ankommen. Denn: „Eine Hilfszahlung, die zu spät kommt (wenn der Betrieb bereits pleite ist), hilft nicht mehr viel“, warnt Ohl.

Im Essighaus reinigen Luftfiltertürme die Raumluft.

Beim Dehoga geht man davon aus, dass betroffene Betriebe in Deutschland gerichtlich gegen den Lockdown vorgehen werden. Ob der Verband solche Klagen unterstützt, hänge auch von Umfang, Höhe und Schnelligkeit der angekündigten Nothilfe-Maßnahmen ab, lässt Ohl wissen.

Auch die „Essighaus“-Betreiber haben sich über eine Klage Gedanken gemacht, verrät Stefan Eberle. Immerhin habe man dank der Lüftungstürme „jetzt bessere Luft als in den meisten Büroräumen oder Klassenzimmern.“ Aber jetzt gehe es auch darum, eine bundesweite Anstrengung zu unterstützen und einen Gesundheitsnotstand abzuwenden. Es reiche ja ein Blick in die Nachbarländer, um zu sehen, welch gravierende Folgen das Coronavirus haben kann. (rmx)

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