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Corona-Extremfall: Uniklinik Heidelberg am Limit – „So eine Situation...“

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Von: Katja Becher

Heidelberg - Die Uniklinik schließt wegen stark ansteigender Zahlen von Corona-Patienten und vollen Intensivstationen eine Triage nicht mehr aus. Jetzt mussten vier Covid-19-Patienten verlegt werden.

Die Infektionen mit dem Coronavirus in Heidelberg steigen immer weiter – und auch die Intensivstationen kommen langsam an ihre Kapazitätsgrenzen. Wegen zu hoher Auslastung hat das Uniklinikum Heidelberg bereits vier Covid-19 Patienten an Krankenhäuser in Stuttgart und Ulm verlegen lassen, wie eine Sprecherin der Uniklinik Heidelberg am Freitag mitteilte. Die Verlegung sei vorsorglich erfolgt, um auch weiterhin Intensivbetten der höchsten Versorgungsstufe, nicht nur für Covid-Patienten anbieten zu können. Dennoch schließt die Uninilklinik Heidelberg wegen der hohen Belastung der Stationen eine Triage nicht mehr aus.

Coronavirus: Uniklinik Heidelberg schließt Triage nicht aus – „Wir sind darauf eingestellt“

Seit die Zahl der Corona-Toten in Deutschland nahezu täglich traurige Rekordwerte erreicht, wird in Deutschland ein Schreckenswort laut: Triage. Der Begriff bedeutet, dass Mediziner aufgrund von knappen Ressourcen entscheiden müssen, wem sie zuerst helfen. „Eine Triage hatten wir noch nicht, das kann aber auch auf uns zukommen. Wir sind darauf eingestellt“, sagte der Leitende Ärztliche Direktor der Uniklinik Heidelberg am Freitag gegenüber Radio Regenbogen. Er betonte: „So eine Situation haben wir in den letzten 50, 60 Jahren weder in Heidelberg noch sonst wo in Deutschland erlebt.“

Ein zum Intensivtransporter umgebauter Bus verlegt Corona-Patienten der Uniklinik Heidelberg nach Stuttgart und Ulm
Ein zum Intensivtransporter umgebauter Bus verlegt Corona-Patienten der Uniklinik Heidelberg nach Stuttgart und Ulm © PR-Video/Priebe

Die Uniklinik Heidelberg behandelt derzeit 102 Covid-19-Patienten, wovon 46 auf der Intensivstation liegen und 44 beatmet werden müssen. Die derzeitige Situation sei angespannt und die Belastung für die Mitarbeiter sehr hoch, heißt es vom Klinikum. Das Haus rechnet mit einem weiteren Anstieg der Patienten. Eine Sprecherin der Klinik appellierte deshalb an die Bürger, den Lockdown zu akzeptieren und sich an die Abstands- und Hygieneregeln zu halten.

Coronavirus und Triage: Diskussion um Priorisierung von Patienten

Die Triage ist in Deutschland sehr umstritten. „Das liegt vor allem daran, dass sie gesetzlich nicht geregelt ist“, sagt Medizinethiker Dieter Birnbacher. Seiner Meinung nach sollten Triage-Entscheidungen auf zwei Kriterien beruhen: „Erstens muss ein gleicher Zugang für alle gelten, unabhängig vom Alter. Aber auch die klinische Erfolgsaussicht einer Behandlung muss berücksichtigt werden“. Patienten, deren Erfolgsaussichten gering seien, würden also benachteiligt behandelt. Kritikern, die die Triage als Straftat erachten, entgegnet Birnbacher, dass es sich nicht um aktive Tötung handle. „Hier findet ja lediglich der Verzicht auf eine Behandlung statt. Und zwar nicht aus dem Grunde, dass man konkret Andere schützen will. „Es geht darum, knappe Ressourcen so einzusetzen, dass ein Maximum an Lebenszeit dadurch gerettet wird“, so der Experte.

Coronavirus: Katholische Kirche hält Triage für gerechtfertigt

Auch die katholische Kirche in Deutschland hält eine Priorisierung von Patienten bei einer weiter steigenden Zahl von Corona-Patienten und einer Überlastung des Gesundheitssystems für gerechtfertigt. Zu dem als Triage bezeichneten Auswahlsystem sagte der Vorsitzende der Deutschen Bischofskonferenz, Georg Bätzing, dem Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND/Samstag): „Die Triage muss ethisch unter dem Aspekt der Ultima Ratio betrachtet werden.“ Es handele sich nach Ausschluss aller anderen Alternativen „um ein letztes Mittel, so rational wie möglich vorzugehen, um so viel Humanität und Leben zu bewahren“, wie es die Situation zulasse.

„In diesem Sinn ist das Entscheidungsverfahren im Fall einer unüberbrückbaren Kluft von medizinischen Ressourcen und Behandlungsbedarf, aktuell in Folge einer pandemischen Überlastung des Gesundheitssystems, zulässig und gerechtfertigt.“ Als unethisch abzulehnen seien Kriterien wie das Lebensalter, Behinderungen oder das Geschlecht und besonders soziale Kriterien wie Stellung, Bekanntheitsgrad, ökonomische Aspekte oder auch „Systemrelevanz“.  (kab/dpa)

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