Umfrageergebnisse überraschen

Corona: Warum wollen sich so viele Menschen nicht impfen lassen? Uni Heidelberg klärt auf

Heidelberg - Trotz der dramatisch ansteigenden Zahl von Corona-Infektionen wächst die Zahl der Menschen, die sich nicht impfen lassen wollen, immer weiter an. Wie viele es sind und woran das liegt:

Wie Wissenschaftler der Uni Heidelberg in einer Befragung zur Akzeptanz der Corona-Maßnahmen in Deutschland herausgefunden haben, wird das individuelle Risiko an Covid-19 zu erkranken, höher eingeschätzt als noch im Sommer. Trotz dieses Umstands ist die Impfbereitschaft der Bevölkerung weiterhin nicht besonders stark ausgeprägt. Und das obwohl schon am 27. Dezember in Deutschland bereits mit dem Impfen begonnen werden kann. Mitte des Jahres gaben noch 55 Prozent der Befragten an, sich sehr wahrscheinlich gegen das Coronavirus impfen zu lassen, Ende November und Anfang Dezember sind es nur noch 46 Prozent der Befragten.

Dem gegenüber ist die Bereitschaft Maske zu tragen auf einem ähnlichen Niveau wie im Sommer geblieben. Ende Juni und Anfang Juli gaben 82 Prozent der Befragten an, sich meistens oder immer an die Corona-Regeln zu halten. Aktuell liegt dieser Wert nach Selbstauskunft der befragten Personen annähernd gleich bei 83 Prozent.

Forscher der Uni Heidelberg: So zufrieden sind die Menschen mit den Corona-Maßnahmen

Die Zufriedenheit der Befragten mit den Maßnahmen ist seit dem Sommer deutlich gesunken. Zufrieden oder sehr zufrieden sind damit nur noch 55 Prozent – gegenüber 68 Prozent in der Zeit Ende Juni/Anfang Juli. Im Gegenzug ist die Unzufriedenheit von 23 Prozent auf fast 36 Prozent gestiegen. „Dies scheint in erster Linie damit zusammenzuhängen, dass die Maßnahmen – zumindest vor dem Beschluss eines neuerlichen Lockdowns – von fast der Hälfte der Befragten, nämlich knapp 44 Prozent, als nicht ausreichend betrachtet wurden. Dies war im Sommer nur bei 15 Prozent der von uns befragten Personen der Fall“, so Politikwissenschaftler Reimut Zohlnhöfer.

Heidelberg: Umfrageergebnisse – so viele Menschen wollen sich nicht impfen lassen

Die Sorge selbst zu an Covid-19 zu erkranken ist deutlich gestiegen. 67 Prozent der Befragten hielten es im Sommer für unwahrscheinlich oder sogar sehr unwahrscheinlich selbst an Corona zu erkranken, im Winter sind es nur noch 49 Prozent. Trotz dieser Zunahme ist die Bereitschaft sich gegen Corona impfen zu lassen seit dem Sommer gesunken. Ende Juni und Anfang Juli gaben noch 24 Prozent der Befragten an, einer Corona-Impfung eher oder sehr skeptisch gegenüberzustehen, jetzt sind es 29 Prozent. Die Zahl der Unentschlossenen hat sich von 22 auf 24 Prozent kaum verändert.

Forscher der Uni Heidelberg: Aus diesem Grund wollen sich viele nicht impfen lassen

Eine Verbindung sehen die Wissenschaftler hier zu der Tendenz, Verschwörungsideen zuzustimmen. Während die Bereitschaft, sich gegen Corona impfen zu lassen, einen signifikanten Zusammenhang zum Vertrauen in die staatlichen Institutionen, die Wissenschaft und die klassischen Medien sowie zur Zufriedenheit mit der bisherigen Corona-Politik aufweist, ist die Ablehnung mit einer erhöhten Verschwörungsmentalität assoziiert. Wie die Studienergebnisse zeigen, ist der Anteil der Bevölkerung, die eine erhöhte Verschwörungsmentalität aufweist, im Sommer von 11 auf 17 Prozent im Winter angestiegen.

„Dieser Befund unserer Befragung bedeutet keineswegs, dass alle Impfskeptiker tatsächlich auch Anhänger von Verschwörungstheorien sind. Dennoch ist es beunruhigend zu sehen, dass diese Verbindung zwischen Verschwörungsmentalität und Impfgegnerschaft seit dem Sommer nachweislich zugenommen hat, ebenso wie die Zustimmung zu derartigen Ideen generell“, sagt Peter Kirsch, Professor für Klinische Psychologie am Zentralinstitut für Seelische Gesundheit in Mannheim.

„Auch wenn wir hier keine kausalen Zusammenhänge untersuchen können, steht doch zu befürchten, dass sich die Bereitschaft, Verschwörungen für möglich zu halten, durch kontroverse Debatten der vergangenen Monate weiter in der Bevölkerung ausbreitet.“

Im Rahmen ihres interdisziplinären Forschungsprojektes wollen die Wissenschaftler auch analysieren, wie sich die Bereitschaft der Menschen fördern lässt, sich an wichtige gesellschaftliche Regeln zu halten. „Unsere Ergebnisse zeigen deutlich, wie wichtig es ist, das Vertrauen in die staatlichen Institutionen, die Wissenschaft und die Medien zu pflegen und zu fördern“, sagt Rechtswissenschaftler Hanno Kube. Die Forscher werden in den kommenden Wochen und Monaten ihre Daten weiter auswerten, um Ansatzpunkte für solche vertrauensfördernden Corona-Maßnahmen zu identifizieren

Corona in Deutschland: Nicht genug Impfwillige – kommt jetzt der Impfzwang?

Trotz dieser ernüchtender Zahlen verspricht die Politik, dass es keinen Impfzwang geben wird. Der Ministerpräsident von Baden-Württemberg hält auch nichts von Privilegien für Menschen, die sich impfen lassen wollen. „Eine Impflicht durch die Hintertür ist nicht geplant“, betont Winfried Kretschmann gegenüber der Deutschen Presse-Agentur. Der Präsident der Landesärztekammer Baden-Württemberg, Wolfgang Miller hingegen, könnte sich auch eine „vertretbare Diskriminierung“ gegen Impf-Verweigerer vorstellen.

Corona-Umfrage: Interdisziplinäres Projekt der Uni Heidelberg

Beide Befragungen, im Sommer mit 1.300 und im Winter mit 1.100 Teilnehmern, sind Teil eines interdisziplinären Projektes am Marsilius-Kolleg der Universität Heidelberg, das sich dem Thema „Gesellschaftliche Selbstermächtigung“ widmet. Genauer gesagt geht es um die Bereitschaft, formelle oder informelle Regeln zu missachten, weil sich die betreffenden Personen aus übergeordneten, besonders moralischen Gründen nicht daran gebunden fühlen.

Zu den Maßnahmen, Gründen, dem Ausmaß und den Folgen forschen Psychologe Prof. Dr. Peter Kirsch, der Rechtswissenschaftler Prof. Dr. Hanno Kube und der Politikwissenschaftler Prof. Dr. Reimut Zohlnhöfer. (pm/kp)

Rubriklistenbild: © Carlos Giusti/dpa

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