Interview mit Prof. Hoffmann

Corona-Studie: Kinder an Covid-19 erkrankt –  aber sind sie ansteckend? 

In Baden-Württemberg wird untersucht, ob sich Kinder mit Corona infizieren können – und ob sie trotzdem ansteckend sind. Ein Interview mit Studienleiter Prof. Hoffmann: 

  • Wegen des Coronavirus bleiben weiterhin Kitas, Kindergärten und Grundschulen geschlossen.
  • Baden-Württemberg will untersuchen, ob Kinder unter zehn Jahren an Covid-19 erkranken und wie ansteckend sie sind. 
  • Im Interview erklärt Studienleiter Prof. Dr. Georg Hoffmann, wie die Untersuchung abläuft und wann mit Ergebnissen zu rechnen ist. 

Infizieren sich weniger Kinder mit dem Coronavirus und erkranken auch nicht so schwer? Diesen Schluss legt eine Studie aus Island nahe, die vor wenigen Wochen für Aufsehen sorgte. Auch die aktuellen Zahlen des Robert-Koch-Instituts (Stand: 28. April) zeigen: Unter den knapp 160.000 Corona-Fällen in Deutschland sind nur 2.600 Kinder unter zehn Jahren - also nur 1,7 Prozent aller Infizierten. Wasser auf die Mühlen, vieler Eltern, die ein Ende der flächendeckenden Schließung von Kitas, Kindergärten und Grundschulen fordern. Allerdings geht eine aktuelle Studie des Virologen Christian Drosten und der Charité davon aus, dass Kinder mit Corona genauso ansteckend sind wie Erwachsene. 

Corona unter Kleinkindern - öffnet diese Studie Kitas und Grundschulen?

Seit 23. April führt das Land Baden-Württemberg unter Federführung des Universitätsklinikums Heidelberg eine landesweite Untersuchung zu Corona unter Kleinkindern durch. Auch die Unikliniken Tübingen, Ulm und Freiburg sind beteiligt. Wie werden die Tests durchgeführt? Wer wird getestet? Wann ist mit ersten Ergebnissen zu rechnen? Prof. Dr. Georg Hoffmann, Leiter der Heidelberger Kinderklinik, erklärt im Gespräch mit HEIDELBERG24, worum es in der Studie geht, die vom Land mit 1,2 Millionen Euro finanziert wird.

Prof. Dr. Georg Hoffmann ist Leiter der Heidelberger Kinderklinik.

Corona und Kleinkinder - 2.000 Paar-Tests in Baden-Württemberg 

HEIDELBERG24: Prof. Dr. Hoffmann, können Sie uns einen kurzen Überblick zur Studie geben?

Prof. Hoffmann: In der Studie, die wir momentan in Baden-Württemberg durchführen, geht es um die Frage, ob Kinder anders infiziert sind und weniger krank werden als Erwachsene. Dazu testen wir derzeit im Land 2.000 Paare, also 2.000 Kinder und einen dazu gehörenden Elternteil. Die Tests sollen ergeben, ob Kinder und Erwachsene aktuell mit dem neuartigen Coronavirus Sars-CoV-2 infiziert sind oder es bereits waren. Wir haben vor einer Woche (Anm. d. Red.: 23. April) einen Aufruf gestartet, dass wir Testpaare suchen, also ein Elternteil mit Kind.

Welche Voraussetzungen gibt es für potenzielle Testpaare? 

Es sollte keine bekannte Corona-Erkrankung in diesem engsten Familienkreis geben. Zudem sollten es keine chronisch kranken Kinder sein, die wir auch sonst in der Kinderklinik behandeln.

Corona und Kleinkinder - warum werden Kinder unter zehn Jahren getestet?

Welche Altersstufe soll getestet werden?

Wir wollen Kinder im Alter zwischen einem und zehn Jahren testen, keine Babys. 

Warum gerade diese Altersstufe? 

Die Studie hat einen gesellschaftlichen Hintergrund und ist von Ministerpräsident Winfried Kretschmann und seinen Beratern initiiert worden. Mit der Untersuchung hoffen wir, aktuell drängende Fragen um die Öffnung von Kitas, Kindergärten und Grundschulen beantworten zu können - deshalb der Fokus auf die kleineren Kinder bis zehn Jahre. Bislang ging man davon aus, dass gerade kleine Kinder als Inkubatoren fungieren: Sie haben in ihren sozialen Leben über Kitas, Schulen oder Freunde viel Kontakt mit anderen, stecken sich an und tragen das dann in die Familien weiter.

Wieso geht man davon aus, dass Kinder besonders ansteckend sein können?

Derzeit wissen wir noch nicht, wie viel Virus Kinder ausscheiden, wenn sie krank sind und wie lange. Insbesondere dann, wenn sie keine Symptome haben. Wir wissen, dass Kinder bei Grippe besonders infektiös sind. Deshalb gibt es die Sorge, dass es bei Corona genauso sein könnte.

Corona unter Kleinkindern - wie läuft der Paar-Test ab?

Wie ist die Resonanz auf Ihre Suche nach Testpersonen für die Studie?

Die Überraschung war, dass wir gar nicht hinterher kamen mit Telefonieren. Momentan haben wir noch rund 2.000 E-Mails, die wir bislang noch nicht abarbeiten konnten. Auch an den anderen Standorten ist die Resonanz riesengroß. Selbst aus Berlin, Brandenburg oder Schleswig-Holstein haben sich Menschen gemeldet, die bei der Studie mitmachen wollen. Wir brauchen aktuell keine weiteren Test-Paare. Allerdings würden wir uns darüber freuen, wenn sich noch Eltern melden, deren Kinder in der Notbetreuung sind. Diese können sich unter Iris.Schelletter@med.uni-heidelberg.de per Mail melden - am Besten mit „Notbetreuung“ im Betreff.  

Corona unter Kleinkindern - öffnet diese Studie Kitas und Grundschulen? (Symbolbild)

Wie läuft der Test ab und wie lange dauert er?

Der Test wird in der Kinderklinik durchgeführt. Zuerst gibt es ein Aufklärungsgespräch mit einem Arzt, anschließend werden zwei Proben genommen: ein Nasen-Rachen-Abstrich und eine Blutprobe. Momentan schaffen wir rund 60 Paar-Tests pro Tag. Ich glaube, in Ulm schaffen sie täglich sogar 70 Paar-Tests pro Tag. Im Schnitt brauchen wir für ein Test-Paar rund 20 Minuten. Wir arbeiten derzeit auch über die Feiertage und Wochenenden durch.

Studie zu Corona unter Kleinkindern - welche Proben genommen werden

Wieso nehmen sie sowohl Abstrich als auch Blutprobe?

Über den Abstrich können wir bestimmen, ob jemand akut mit dem Coronavirus infiziert ist. Mit den Bluttests lässt sich erkennen, ob eine Testperson bereits am Coronavirus erkrankt war. Das lässt sich über Antikörper nachweisen. Allerdings gibt es da im niedrigen Prozentbereich Menschen, die bereits Antikörper gegen ein Coronavirus haben, allerdings nicht gegen das aktuelle Sars-CoV-2. Dafür gibt es spezielle Nachtests, die eine überstandene Covid-19-Erkrankung nachweisen zu können.

Wann sind die Ergebnisse des Tests da?

Bei Abstrichen liegen die Ergebnisse nach ein bis zwei Tagen vor. Zu den Blutproben liegt nach zwei bis drei Tagen ein Serumergebnis vor. Bei positiven Fällen kann die endgültige Auswertung über diverse Nachtests aber bis zu zwei Wochen in Anspruch nehmen.

Studie zu Corona unter Kleinkindern - wann mit Ergebnissen gerechnet wird

Gab es schon positive Corona-Tests?

Bislang hatten wir in Heidelberg im Rahmen der Studie noch keinen positiven Corona-Abstrich. Im Rahmen des Lockdowns wird man da aber wahrscheinlich wenig finden, vielleicht zwei oder drei. Deshalb haben wir darum gebeten, dass gerade Kinder, die in Notbetreuungen sind, als Testpersonen kommen. Sie waren mit anderen Kindern zusammen und lassen uns etwas besser in die Zukunft projizieren, was passiert, wenn wir jetzt die Maßnahmen für Kitas, Kindergärten und Grundschulen wieder lockern.

Wann werden Ergebnisse zur Studie vorliegen?

In der kommenden Woche werden wir unsere 500 Paar-Tests in Heidelberg durchgeführt haben. An den anderen Standorten dürfte das auch bald beendet sein. Dennoch kann ich nicht genau sagen, wann Ergebnisse der Studie vorliegen - aber sicher in wenigen Wochen.

Kleinkinder wegen Corona nur selten im Krankenhaus

Unabhängig von der Studie - mussten an der Kinderklinik in Heidelberg schon Kinder wegen Corona behandelt werden?

Es ist ja bekannt, dass Kinder in der Regel nicht so schwer an Corona erkranken wie ältere Erwachsene. Bei uns musste noch kein Kind wegen Corona behandelt werden. Deutschlandweit waren es meines Wissens nach bislang etwas über 30 Kinder. Bei kleineren Kindern gibt es nur selten schwere Verläufe.

Welche Symptome treten bei Kindern auf?

Bei Kindern verhält es sich spiegelbildlich zu den Erwachsenen. Auch hier treten Kopfschmerzen, hohes Fieber, Verlust des Geruchs- und Geschmackssinns oder Husten auf.

Auch Uniklinik Mannheim untersucht Corona-Kinder 

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rmx

Rubriklistenbild: © picture alliance/dpa

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