"fliehen - ankommen..."

Berührende Geschichten von Flucht und Ankunft

+
Von links: Pfarrer Florian Bath, Carola de Wit (Bürgeramt), Ali Reza Saeed Manesh, Arif Zeka, Wolfgang Erichson, Driton Xheladini

Heidelberg-Altstadt - Am Donnerstag lädt die evangelische Kapellengemeinde ganz besondere Gäste ein: Drei Männer erzählen über ihre Fluchterfahrungen und ihre Ankunft in Deutschland.

Am Donnerstagabend strömen viele Besucher in die Kapelle in der Plöck. Der Grund: Sie wollen die Geschichten von drei Flüchtlingen hören, die sich erfolgreich ein neues Leben in Deutschland aufgebaut haben und schon mehr erleben mussten, als ein Mensch sich vorstellen will.

Flucht und Ankunft - drei Männer erzählen

Florian Bath, Pfarrer der Gemeinde, führt gemeinsam mit Carola de Wit vom Heidelberger Bürgeramt durch den Abend. Für musikalische Begleitung sorgt Tine Wiechmann mit Klavier und Gesang.

Pfarrer Bath begrüßt die Ehrengäste herzlich. Über die aktuelle Diskussion zum Thema Flucht und Flüchtlinge hat er eine klare Meinung: „Es ist an der Zeit, es ist richtig, dass das diskutiert wird. Und es ist auch an der Zeit, dass die Menschen zu Wort kommen."

Er fragt seine Gäste: Was bewegte sie zur Flucht? Welche Erfahrungen mussten sie machen? Und wie war die Ankunft in Deutschland?

Auch Integrationsbürgermeister Wolfgang Erichson ist gekommen, um sich die Geschichten anzuhören. Es sei wichtig, betont er, eine Informationslücke zu schließen: „Wir reden über Flüchtlinge, aber nicht mit ihnen!“ Einzelschicksale müssten Beachtung finden und den Flüchtlingen müsse ein Gesicht gegeben werden, ihre Geschichten gehört werden. „Heidelberg signalisiert: Flüchtlinge sind willkommen!“, sagt er.

Als die drei Männer dann mit ihren Geschichten beginnen, hören alle gebannt zu:

„Der schlimmste Tag meines Lebens“

Driton Xheladini flüchtet im August 1992, mit 21 Jahren, aus dem Kosovo. Die Kriegszustände in seiner Heimat machen es für ihn unmöglich, zu bleiben. Jahrelang demonstriert er gegen diese Zustände, kommt deswegen sogar für neun Monate ins Gefängnis. Anschließend wird er gewungen, zwei Jahre im Krieg zu kämpfen und muss furchtbare Dinge miterleben. Als er endlich flüchten kann, sind seine Beine durch Granaten und Kugeln schwer verletzt.

Mit dem Pass seiner Schwester gelingt es ihm, die mazedonische Grenze zu überqueren. Von dort aus fliegt er nach Frankfurt. Da er keine Papiere hat, wird er noch am Flughafen von der Polizei festgehalten. Als er den Beamten seine geschundenen Beine zeigt, wird er jedoch sofort in ein Krankenhaus nach Karlsruhe gebracht, wo er die nötigen Operationen erhält.

Auf eigenen Wunsch kommt er nach seiner Genesung nach Schwetzingen und fragt sofort an einer Baustelle nach „Arbeit“ – das einzige deutsche Wort, dass er zu dieser Zeit kennt – und hat Glück.

Als sich die Zustände im Kosovo verschlechtern kehrt er 1999 noch einmal in die Heimat zurück, für die Erlaunbis hat er hart gekämpft.

In seinem Heimatort angekommen, muss er mit ansehen wie seine Mutter misshandelt und sein Vater hingerichtet wird. Er selbst kann fliehen und kehrt nach Deutschland zurück. 

Seine Aufenthaltserlaubnis bekommt er vier Jahre nach seiner Ankunft, ist heute verheiratet und eingebürgert. Xheladini ist stolz, dass er es geschafft hat. Mehrmals im Jahr reist er für ein paar Tage in die Heimat und besucht die Gräber seiner Angehörigen, die nicht so viel Glück hatten wie er.

13 Jahre Ungewissheit

Auch Arif Seka flüchtet 1993 aus dem Kosovo. Als Roma sind er und seine Familie eine Minderheit in der eigenen Heimat, ihm ist klar, dass sie im drohenden Krieg Schreckliches erwartet. 

Das Schwerste für ihn ist der Abschied von seinem Vater. Er sieht ihn das letzte Mal, nur zwei Jahre nach seiner Flucht erfährt er von seinem Tod.

Hilfe bei ihrer Flucht bekommen die Flüchtlinge von einem albanischen Landsmann, der sein Leben riskiert, um sie unter Beschuss über die Grenze zu bringen. „Wir haben es irgendwie geschafft nach Deutschland zu kommen“, so Seka.

In Deutschland angekommen absolviert Seka eine Ausbildung, macht sich anschließend sogar selbstständig. Dennoch muss die Familie 13 Jahre lang auf ihre endgültige Einbürgerung warten. 

Doch auch in dieser Zeit der Ungewissheit gab dem Familenvater ein Gedanke Kraft: „Wir haben es verdient hier zu bleiben!“

Über 500 Kilometer zu Fuß

Ali Reza Saeed Manesh sitzt zum Zeitpunkt seiner Flucht eigentlich im Iran im Gefängnis. Bei einer Demonstration auf der Straße, die gewaltsam aufgelöst wird, wird er festgenommen und muss in schlimmen Zuständen leben. 

Seine Gefängniszelle ist gerade einmal zwei auf zwei Meter groß, am Tag gibt es lediglich ein Brötchen und ein Glas Wasser. Schläge und Folter sind an der Tagesordnung.

Sein Vater erkauft ihm jedoch eine Woche Freiheit – diese nutzt der Iraner sofort und flüchtet.

Seine Flucht führt ihn über die Berge in die Türkei – ein gefährlicher Weg, den viele nicht überleben. Drei Monate lebt und arbeitet er illegal in der Türkei, kann aufgrund der erhöhten Kontrollen von Post- und Telefonverkehr seine Familie nicht informieren, dass es ihm gut geht.

Er beschließt dann, sich nach Deutschland durchzuschlagen, wo Verwandte von ihm wohnen. Insgesamt neun Monate braucht er bis er dort ankommt und läuft auf seinem Weg mehr als 500 Kilometer zu Fuß.

Nach sieben Jahren erhält er seine Aufenthaltserlaubnis, arbeitet heute als Altenpfleger. Die Angst vor der Abschiebung ist immernoch da, aber er macht weiter.

„Mein Glaube hat mich gerettet“, sagt er.

Jeder der drei Flüchtlinge gibt an, in Deutschland herzlich empfangen worden zu sein und viel Hilfe bekommen zu haben. Eines wünschen sie sich jedoch alle: Die Menschen sollen auf Flüchtlinge zugehen und ihre Geschichten anhören.

Am Ende des Abends äußert sich Pfarrer Bath voller Respekt und Bewunderung über die drei Männer: „Wir brauchen in Heidelberg mehr Menschen, die aus ihrem Holz geschnitzt sind.“

kab

Mehr zum Thema

Nach Crash: Peugeot kippt auf die Seite! 

Nach Crash: Peugeot kippt auf die Seite! 

Fotos: Bundestagswahl 2017: Die Kandidaten in Heidelberg

Fotos: Bundestagswahl 2017: Die Kandidaten in Heidelberg

Die Heidelberger Ballnacht in der Stadthalle

Die Heidelberger Ballnacht in der Stadthalle

Kommentare