Nach Sperrzeiten-Schock

„Danke, liebe Anwohner, für das Zerstören des Heidelberger Nachtlebens“

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Wird die Altstadt bald leer und still? 

Heidelberg-Altstadt - Neue Kneipen-Öffnungszeiten: Manche Anwohner atmen auf, viele Leser reagieren indes mit Unverständnis auf das Sperrzeiten-Urteil. Die Reaktionen aus dem Netz:

Die Nachricht verbreitet sich wie eine Schockwelle in Heidelberg. Das Verwaltungsgericht Karlsruhe gibt am Donnerstag (1. August) vier klagenden Altstadt-Bewohnern recht und regelt die Sperrzeiten neu: Künftig müssen alle Kneipen und Bars in der Kernaltstadt unter der Woche um Mitternacht schließen, in den Nächten auf Samstag und Sonntag um 2:30 Uhr. Das Urteil ist für den Gemeinderat bindend, das Stadtparlament hat aber die Möglichkeit in Berufung zu gehen. 

Die klagenden Anwohner nehmen die Entscheidung der Verwaltungsrichter mit „großer Erleichterung“ und mit „der Hoffnung auf etwas mehr Nachtruhe in der Zukunft“ auf. Derweil entladen sich in sozialen Netzwerken Unverständnis und Wut über die strikten Kneipen-Öffnungszeiten. 

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Sperrzeiten in Heidelberger Altstadt: Unverständnis in sozialen Netzen

Wie zu erwarten, lassen die meisten Nutzer auf der HEIDELBERG24-Facebook-Seite ihrem Ärger über das strenge Urteil freien Lauf: „Heidelberg stirbt aus!“, bemängelt User Chris in seinem Post: Dass es keine richtigen Möglichkeiten zum Weggehen mehr gebe, sei ein „Armutszeugnis für Heidelberg“. Nutzer Jeremy sieht in der Gerichtsentscheidung gar ein „Todesurteil für die Innenstadt“. Nutzer Marc erkennt in dem Urteil die „neue Verbotskultur“ in Deutschland. „Das ist der Hammer!“, ärgert sich auch Sigrid: „In einer Universitätsstadt so früh die Türen zu schließen.

Klasse, Heidelberg schafft sich selbst ab“, findet User Manuel, der wie ein Großteil der User den Schuldigen für die verfahrene Sperrzeiten-Situation auch gleich ausgemacht hat: „Die Leute ziehen mitten in die Altstadt, beschweren sich dann aber gerade im Bereich der Unteren Straße über den nächtlichen ‚Lärm‘.“ Ein Tenor, der sich in den Reaktionen vieler Nutzer widerspiegelt. „Danke, liebe Anwohner, für das Zerstören des Heidelberger Nachlebens“, kommentiert User Amine. „Unglaublich, jetzt zerstört man auch noch die tolle Kneipenszene in Heidelberg“, empört sich Nutzerin Janina. 

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Die Anwohner wüssten doch, worauf sie sich einlassen, wenn sie in der Stadt eine Wohnung oder ein Haus beziehen - da gebe es einfach Lärm, meinen viele User. „Lärmgeplagte Anwohner gehören nicht in Heidelbergs Altstadt! Sollen sie doch ins Sanatorium oder Altenheim oder in einen Kurort!“, sagt etwa Marc. Für ihn und viele weitere User die ‚einfache‘ Lösung für das Problem: „Wenn's Euch zu laut ist, zieht weg.

Nutzer Dennis fragt sich,wo „Studenten denn noch hingehen“ sollen und auch nach einer „modernen After-Work-Kultur“. Stadrat Alexander Föhr (CDU) sieht den Schwarzen Peter nicht beim Gemeinderat, der versucht habe, einen „Kompromiss auf Basis liberaler Sperrzeiten zu finden“. Die Entscheidung werde zu Verdrängungseffekten führen, die man heute noch nicht abschätzen könne, so Föhr. Das Urteil ist „einfach nur eine Schande für Heidelberg...“, sagt Userin Marion. „Denn das Nachtleben ist überregional bekannt und auch für die vielenjungen Menschen bleibt nun noch weniger Raum zum Ausgehen und Feiern.

Wie kann man seine eigene Stadt nur so ‚tot-klagen‘?“, wundert sich Nutzerin Melanie und hat dabei wie einige andere User auch die Gastronomie in der Altstadt im Blick: „Die Wirte/Betreiber der Kneipen tun mir jetzt schon leid.“ „Denkt auch mal jemand an die Kneipenbesitzer“, die mit großen Umsatzeinbußen rechnen müssten, sagt Jessica. Viele Nutzer wie Elisa fürchten, dass etliche Bars und Lokale in der Altstadt schließen könnten: „Wann macht denn eine Kneipe ihr Geld? Mittags oder was? Da wird die Hälfte schließen können, weil sie nix mehr einnehmen.“ 

Sperrzeiten in Heidelberg: Manche User können Anwohner verstehen

Es gibt aber auch Stimmen im Netz, die für die Situation der Anwohner Verständnis aufbringen. So wie Nutzer Florian, der gern selbst in der Altstadt „zu Gast ist und ein Kernproblem auf den Punkt bringt: „Aber leider verhält sich nicht jeder so. Meine Erfahrungen wenn es mich dann nachts nach Hause zieht: in und um die ‚Untere‘ extremer Lärm (grade bei schönem Wetter), statt Unterhaltungen nur Geschreie. Gefühlt zehn Mal Gläserbruch mit den zugehörigen Kommentaren [...] Hier fehlen grundlegende Dinge wie Rücksichtnahme und Toleranz, welche man dann aber ganz selbstverständlich für sich selbst einfordert. Diese Ich-Bezogenheit verbreitet sich in unserer Gesellschaft leider immer mehr.“   

Statt mit dem Finger auf die klagenden Anwohner zu zeigen, sollten sich Altstadtbesucher lieber an die eigene Nase fassen, findet User Harald: „Liebe Ballermänner, Eckenpisser/-scheisser/-kotzer, Schreihälse, Flaschenwerfer, Streitsuchende,... Ihr habt's verbockt. Der Rest muss nun die Konsequenzen tragen. Schuld sind weder Vollzugsdienste noch die Gerichte. Ihr habt's ganz einfach verbockt.“ 

Beide Seiten kann Leserin Kathrin verstehen: Unter den Anwohnern seien Leute, die seit ihrer Kindheit in der Altstadt wohnen. „Früher konnte die Jugend feiern gehen und ist dann ruhig nach Hause gegangen, aber das ist anscheinend heutzutage leider nicht mehr möglich.“ Andererseits habe Heidelberg „einfach für Jugendliche oder Studenten auch nix, wo sie sich aufhalten können, um zu Feiern.“ Da müsse die Stadt mehr Möglichkeiten schaffen, findet Kathrin. 

Aktuell diskutiert wird ebenfalls der Umzug des Betriebshofes - der Ruf nach Alternativstandorten wird immer lauter, jetzt ist der Messplatz in Kirchheim im Gespräch.

Ein originelles Foto begeistert die Facebook-Community: Zwei Studenten in Heidelberg transportieren ein Sofa, dass sie gerade über die Tauschbörse „Free your stuff“ bekommen haben, in einer Straßenbahn – Couchsurfing mal anders.

rmx

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