Vor Bürgerentscheid zu Betriebshof-Standort

Wird das Stadtklima auf der Ochsenkopf-Wiese gerettet?

+
Podiumsdiskussion zur Ochsenkopf-Wiese.

Heidelberg-Bergheim - Gut zwei Wochen vor den Kommunalwahlen liefern sich die Kandidaten eine teils hitzige Diskussion über den Erhalt der Ochsenkopf-Wiese. 

Update, 18:02 Uhr: Der Bürgerentscheid zur Ochsenkopfwiese soll am 21. Juli stattfinden, das hat der Gemeinderat Heidelberg mit 32 Stimmen (1 Enthaltung) am Donnerstag beschlossen. In der Sitzung haben die Vertreter der Bürgerinitiative die Beweggründe für das Begehren vorgetragen. Obwohl es rechtlich zulässig ist, haben fünf Stadträte von CDU und FDP gegen die Durchführung des Bürgerentscheids gestimmt.

In der gleichen Sitzung ruft Heidelbergs OB Eckart Würzner für Heidelberg den Klimanotstand aus – als „klares Signal“ für die Internationale Klimakonferenz, die am 22. und 23. Mai in der Universitätsstadt abgehalten wird. 

Oft gelesen: Betriebshof-Verlagerung: DIESES Bier ‚rettet‘ die Ochsenkopf-Wiese!

Wird das Stadtklima auf der Ochsenkopfwiese gerettet?

Braucht Bergheim die Grünfläche Großer Ochsenkopf?“ – über diese Frage debattieren Vertreter aller Parteien im Rahmen einer Podiumsdiskussion am Mittwoch (8. April) in der Stadtbücherei. Zur Veranstaltung eingeladen hat das Bündnis Bürgerentscheid Klimaschutz, das im Frühjahr 2019 ein Bürgerbegehren initiiert hat, um den Bau des rnv-Betriebshof auf der Ochsenkopf-Wiese zu verhindern. 

Vor über 50 Interessierten im Literaturcafé geben die zehn Teilnehmer mit Blick auf die Wiese am Großen Ochsenkopf ihre Einschätzungen zu den vier Themenblöcken StadtklimaBiodiversitätSoziale Stadt und Verkehr/ÖPNV ab.

Bioklimatische Bedeutung der Ochsenkopf-Wiese

Wie zu erwarten, gehen die Positionen zur klimatischen Bedeutung der Ochsenkopf-Wiese auf dem Podium (und im Publikum) weit auseinander: Zwar sei Bergheim-West klimatisch stark belastet, findet Alfred Schaller (FDP), die Wiese am Großen Ochsenkopf habe aber keinen klimatischen Einfluss auf Bergheim-West. Bergheim-Mitte solle durch mehr Parks und Grünflächen entlastet werden, fordert Schaller. 

Die bioklimatische Bedeutung der Ochsenkopf-Wiese sieht auch Alice Blanck (AfD) nicht: Heidelberg und besonders Bergheim bräuchten Ausgleichsflächen. Da der neue rnv-Betriebshof aber begrünt werde, sei „einiges für das Thema getan“, so Blanck. Marliese Heldner (Heidelberger) fordert, der Gemeinderat müsse die Öffentlichkeit aufklären. Im Sommer sei die Vegetation auf der Ochsenkopf-Wiese größtenteils verdorrt, unter der Vegetation liege viel Schotter, es bilde sich Hitze. Deshalb könne von dort keine kalte Luft in die Bahnstadt oder den Pfaffengrund gelangen. 

Die Ochsenkopf-Wiese trägt nicht dazu bei, Kaltluft nach Pfaffengrund oder Wieblingen zu lenken“, sagt auch Dr. Wolfgang Heindl (CDU) und kritisiert die im Klimaschutzgutachten getroffenen Einschätzungen. Die klimatische Bedeutung der Fläche im Gutachten sei abhängig von ihrem Nachbarn, erklärt Heindl: „Wenn eine Grünfläche neben einem Industriegebiet liegt, ist die klimatische Bedeutung automatisch hoch, neben einer Kleingartenanlage nicht so hoch.“          

Bernd Zieger (Linke) findet es „erstaunlich, wie das Klimaschutzgutachten interpretiert wird“, schließlich zähle das Gutachten die Ochsenkopf-Wiese zu den drei Prozent der im Stadtgebiet klimatisch besonders wichtigen Grünflächen. Seine Partei wolle im Gemeinderat ein Kleinklimagutachten für die Ochsenkopf-Wiese beantragen, sagt Zieger. Bergheim ist das im Sommer heißeste Gebiet der Stadt, ergänzt Dr. Arnulf Weiler-Lorentz (Bunte Linke): Es sei wichtig, die Leitbahnen für den „Neckartäler“ frei zu halten, der im Sommer kühlere Luft aus dem Odenwald in die Stadt transportiere. „Der erreicht über die Ochsenkopf-Wiese dann auch Bergheim-West, die Bahnstadt, Wieblingen und den Pfaffengrund“, sagt Weiler-Lorentz. 

Für Dr. Luitgard Nipp-Stolzenburg (B90/Grüne) ist „jede Grünfläche klimatisch wichtig, da sie als Kaltluftentstehungsgebiet in die Nachbarschaft ausstrahlt.“ Falls der Bürgerentscheid das Ergebnis bringen sollte, dass die Ochsenkopf-Wiese frei bleibt, müsse man unbedingt den Flächennutzungsplan ändern, so Nipp-Stolzenburg weiter. Dort ist die Ochsenkopf-Wiese derzeit als Gewerbegebiet ausgewiesen und könnte sonst dennoch bebaut werden.

In der Diskussion über den Betriebshof-Standort ging es mit Blick auf den Großen Ochsenkopf im Gemeinderat nie um Klima- sondern um Naturschutz, merken Hans-Martin Mumm (GAL) und Prof. Dr. Anke Schuster (SPD) an.  

Biologische und ökologische Bewertung der Ochsenkopf-Wiese

Dr. Heindl versteht nicht, wieso auch über Biodiversität diskutiert wird, schließlich rede man doch über Klimaschutz. Sonst hätte man doch über Naturschutz eine rechtliche Handhabe gehabt, die Bebauung des Ochsenkopf zu verhindern. „Außerdem soll der neue Betriebshof ja begrünt werden, damit bekommen wir auf der Fläche möglicherweise eine größere Biodiversität als jetzt“, mutmaßt Heindl. 

Unlängst hat der Weltartenschutzrat davor gewarnt, dass weltweit über eine Million Arten verschwinden könnten, kontert Weiler-Lorentz. Seit 1970 hätten sich am Großen Ochsenkopf auch seltene Arten angesiedelt, über 170 Pflanzen, 16 Vogelarten und viele Insekten seien hier zu finden. Die Wiese soll als „Naturerfahrungsraum“ erhalten bleiben, fordert Dr. Weiler-Lorentz. Auch die Kritik, die Wiese sei im Sommer nicht grün, hält Weiler-Lorentz für „Quatsch“, schließlich handele es sich um eine trockene bis halbtrockene Magerwiese. 

Ihre Fraktion habe immer für den Erhalt der Ochsenkopf-Wiese gekämpft, erinnert Prof. Dr. Schuster an die Diskussionen während der Standortfindung. Erst als eine politische Lösung gefunden werden musste, sei man umgeschwenkt. Mit der Begrünung des Betriebshofsdachs und dem Zugeständnis, dass 50 Prozent des alten Betriebshofsgeländes an der Bergheimer Straße in einen Stadtpark umgewandelt werden sollen, habe man Ersatzmaßnahmen ergriffen. Der Verlust der Ochsenkopf-Wiese könne nicht durch eine Dachbegrünung ersetzt werden, kontert Bernd Zieger. 

Wir haben in Heidelberg zu wenig nicht-bewirtschaftete Flächen auf denen sich Insekten ansiedeln können“, ergänzt Dr. Nipp-Stolzenburg. Wie die Linke setzen sich auch die Grünen für einen Erhalt der Grünfläche ein.

Soziale Aspekte in Diskussion um Ochsenkopf-Wiese

Betriebshof verlagern, günstigen Wohnraum schaffen und den Nahverkehr stärken – auf diese Formel brechen die Befürworter eines Umzugs das Thema herunter. Am jetzigen Standort ist der Betriebshof nicht zukunftsfähig, findet Dr. Heindl. Deshalb sei eine Verlagerung an den Großen Ochsenkopf notwendig, durch den man zudem an der Bergheimer Straße „12.500 Quadratmeter Grünfläche und 12.500 Quadratmeter bezahlbaren Wohnraum nach dem Hospital-Prinzip“ schaffen könne. 

Die gesamte Grünfläche des neuen Betriebshof mit begrüntem Dach sei mit eineinhalb Hektar immer noch größer als der Zollhofgarten und fast doppelt so groß wie der Grahampark in Handschuhsheim, rechnet Marliese Heldner vor. Der Große Ochsenkopf sei derzeit ohnehin keine Naherholungswiese, sondern ein Durchgangsort. „Nicht zumutbar“, empfindet Alice Blanck die Zustände im Betriebshof für die Mitarbeiter und sieht im Umzug gute Vorschläge in Sachen Wohnraum und Freifläche. „Wir wollen ein schönes, urbanes Zentrum in Bergheim-Mitte  und sind für einen leistungsfähigen Nahverkehr“, erklärt Alfred Schaller. Dafür brauche man einen Betriebshof in zentraler Lage.

„Esist zu kurz gegriffen, die Wohnungsprobleme der Stadt in Bergheim lösen zu wollen“, sagt Arnulf Weiler-Lorentz. Dafür wären die Konversionsflächen prädestiniert gewesen, stattdessen habe man dort aber auch Gewerbe angesiedelt. Wichtig für Bergheim sei es, den Verkehr zu reduzieren. Das sieht auch Bernd Zieger so, der durch die zusätzliche Bebauung in Bergheim-Mitte eine noch größere Verkehrsbelastung befürchtet. „Gegen die Verkehrsprobleme in Bergheim hilft nur eine Vergrößerung des ÖPNV“, findet auch Hans-Martin Mumm. Eine Verlagerung in die Peripherie, wie von den Grünen angeregt aufs Airfield oder an den Recyclinghof, sei nicht geeignet.   

Beschäftigte des Betriebshofs haben ein „Recht auf gute Arbeitsbedingungen“, betont Prof. Anke Schuster, für die eine Verlagerung an den Ochsenkopf immer die „zweitbeste Lösung war.“ Für Wohnraum gebe es genug andere Flächen, jetzt gelte es die „katastrophalen Arbeitsbedingungen“ für die RNV-Beschäftigten am Betriebshof zu verbessern. 

Zukunftsfähigkeit des RNV-Betriebshofs auf Ochsenkopf-Wiese

Auch wenn alle Teilnehmer über einen leistungsfähigen ÖPNV wollen, ist das Podium darüber uneins, ob die Verlagerung auf den Großen Ochsenkopf der richtige Schritt ist: Der neue Betriebshof am Ochsenkopf werde mit Abstellmöglichkeiten für 46 Straßenbahnen und 47 Busse genug Raum haben, um den Nahverkehr weiter auszubauen, sagt Dr. Heindl. Ohnehin gebe es laut Heindl nur zwei realistische Alternativen: die Ochsenkopf-Wiese oder ein Neubau an der Bergheimer Straße, die aber nur unter Einbeziehung der Alten Feuerwache möglich wäre. Konfliktpotential mit der geplanten Radverbindung zur Brücke ins Neuenheimer Feld sehen weder Christdemokraten noch Liberale.

Man solle sich auf Architekten und Stadtplaner verlassen, fordert Marliese Heldner für die Heidelberger. „Die RNV hat den neuen Betriebshof geplant, ich glaube nicht, dass der in fünf Jahren zu klein ist.“ Genau das befürchtet indes Waseem Butt: „Wir wollen jetzt eine spontane Lösung und brauchen in zehn Jahren wieder einen zusätzlichen Standort für die Busabstellung.“ Butt präferiert eine Verlagerung auf das Airfield.

Bei der jetzigen Planung fehlen am neuen Betriebshof elf Busabstellplätze“, ergänzt Dr. Nipp-Stolzenburg. Das hänge mit den größeren Sicherheitsabständen zusammen, die Brennstoffzellenbusse einhalten müssten. Ausbaumöglichkeiten gebe es am Ochsenkopf auch keine, so die Spitzenkandidatin der Grünen. Das Airfield als ausbaufähiger Standort wäre entgegen anders lautender Prognosen durchaus in acht Jahren umsetzbar. Zudem müsse man darüber nachdenken, dass man mit dem Patrick-Henry-Village mittelfristig einen neuen Stadtteil mit 10.000 Bewohnern an das Straßenbahnnetz anschließen müsse, gibt Dr. Nipp-Stolzenburg zu bedenken. 

Das Airfield ist bereits als Landwirtschaftspark verplant, stellt Prof. Anke Schuster klar – schon allein deshalb sei das Airfield keine Alternative. Zudem könne man an der Straßenbahn durch die Bahnstadt sehen, wie lange es realistisch dauert, bis die Bahn fährt: elf Jahre. Das könne man den RNV-Beschäftigten nicht antun. „Sollte der Bürgerentscheid für den Erhalt der Ochsenkopf-Wiese ausgehen, muss der Gemeinderat ein klares Commitment für den Betriebshof an der Bergheimer Straße eingehen“, fordert Schuster weiter. „Schon jetzt haben wir drei Millionen Euro an Planungsgeldern in die Standortfindung gesteckt!

Der Gemeinderat wir am Donnerstag (9. Mai) abschließend über den Bürgerentscheid zum Erhalt der Ochsenkopf-Wiese beraten. Der Bürgerentscheid soll am 21. Juli durchgeführt werden. 

Teilnehmer Podiumsdiskussion

  • Bernd Zieger (Linke)
  • Alice Blanck (AfD)
  • Dr. Arnulf Weiler-Lorentz (Bunte Linke)
  • Dr. Luitgard Nipp-Stolzenburg (B90/Grüne)
  • Waseem Butt (Heidelberg in Bewegung)
  • Dr. Wolfgang Heindl (CDU)
  • Alfred Schaller (FDP)
  • Hans-Martin Mumm (GAL)
  • Marliese Heldner (Heidelberger)
  • Prof. Dr. Anke Schuster (SPD)

Moderation: Prof. Dr. Lissy Jäkel, PH Heidelberg, Fachbereich Biologie

Am 15. Mai veranstaltet die CDU im Urban Kitchen eine Podiumsdiskussion zum Thema Betriebshof auf dem Ochsenkopf: Dabei stellt heraus, dass ein neugebauter Betriebshof lediglich für „zehn bis 20 Jahre zukunftssicher“ ist. 

rmx

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare