Risikogruppe hat Angst um Gesundheit

Kitas in Heidelberg öffnen – Kinderbetreuung päd-aktiv geht drastischen Schritt 

Kitas in Heidelberg: Ab Mitte Juni soll es wieder für alle Kinder eine Nachmittagsbetreuung geben. Eltern und Kinder freuen sich – ganz im Gegensatz zu einigen Erziehern:

  • In Heidelberg kümmert sich der Verein päd-aktiv um die Nachmittagsbetreuung vieler Kinder.
  • Während der Corona-Krise durften viele Mitarbeiter, die zur Risikogruppe gehören, Zuhause bleiben.
  • Am 15. Juni sollen jedoch alle Mitarbeiter wieder zur Arbeit bei päd-aktiv erscheinen, was vielen Angst und Sorge bereitet.
Die Coronavirus-Pandemie hat Teile unserer Gesellschaft über Wochen hinweg lahmgelegt. Doch seit dem Abflachen der Infektionszahlen kehrt für Viele so etwas wie ein Alltag ein: Die Hauptstraßen sind wieder belebt, die Bundesliga läuft und ein kühles Blondes im Biergarten ist auch wieder erlaubt. Für Eltern, Kinder und Lehrer ist die aktuelle Situation allerdings noch weit von einem erträglichen Alltag entfernt, denn in puncto Schule und Bildung herrscht noch viel Unklarheit. Doch zumindest bei der Kinderbetreuung sollen Eltern in Heidelberg schon bald entlastet werden: Ab dem 15. Juni soll nämlich wieder die Betreuung von päd-aktiv den regulären Betrieb aufnehmen und Nachmittagsbetreuung für alle Kinder anbieten.

Für Eltern, Kinder und auch für viele Mitarbeiter von päd-aktiv ist dies eine sehr erfreuliche Nachricht: Eltern werden entlastet, Kinder dürfen Gleichaltrige sehen und Erzieher können wieder arbeiten. Allerdings blicken einige Mitarbeiter mit großer Sorge auf den 15. Juni. Denn für die 75 päd-aktiv-Mitarbeiter, die zur Risikogruppe gehören, bedeutet die Arbeit ein erhöhtes Infektionsrisiko.

Stadt

Heidelberg

Bundesland

Baden-Württemberg

Einwohnerzahl

160.355 (Stand 31. Dezember 2018)

Fläche

108,84 Quadratkilometer

Oberbürgermeister

Eckart Würzner (parteilos)

Hochschulen und Universitäten

Ruprecht-Karls-Universität, Pädagogische Hochschule Heidelberg, Hochschule für Jüdische Studien Heidelberg, SRH Hochschule Heidelberg

Kinder-Notbetreuung in Heidelberg: Päd-aktiv kümmert sich um 380 Kinder

Die Kinderbetreuung päd-aktiv beschäftigt in Heidelberg 350 Mitarbeiter und bietet ihre Kinderbetreuung direkt an den Schulen Heidelbergs an. Kinder können nach der Schulzeit direkt in die Nachmittagsbetreuung gehen und dort mit Gleichaltrigen spielen, lernen und Zeit verbringen. Seit dem Ausbruch des Coronavirus kümmert sich päd-aktiv um die Notbetreuung von Kindern, deren Eltern systemrelevante Berufe ausüben.

In Heidelberg betreut päd-aktiv rund 380 Kinder im Alter von 6 bis 10 Jahren im Rahmen der Notbetreuung. Im Gespräch mit HEIDELBERG24 erklärt Jens Katzenberger, Vorstand des Vereins, dass es „nicht immer einfach“ gewesen sei, aber päd-aktiv trotzdem „dynamisch“ auf die Situation reagiert habe und vielen Familien geholfen hätte. Zwar gebe es kein gemeinsames Kochen und ein eingeschränktes Bewegungsangebot, um Kinder und Mitarbeiter von einer möglichen Infektion mit dem Coronavirus zu schützen, dennoch gibt sich Katzenberger zufrieden.

Päd-aktiv in Heidelberg: Risiko-Mitarbeiter bald wieder gebraucht

Doch nach den ersten Schritten in der „neuen Normalität“ wagt das Land Baden-Württemberg jetzt auch die schrittweise Öffnung der Schulen und der Kinderbetreuung. Wegen der Schließung der Schulen betreute päd-aktiv in den vergangenen Monaten nur ein Bruchteil der Kinder. Dementsprechend wurden deutlich weniger Mitarbeiter benötigt und ältere und kranke Beschäftigte konnten daheim bleiben.

Heidelberg: Kinderbetreuung päd-aktiv im Dilemma: Muss die Risikogruppe arbeiten?

Katzenberger erklärt, dass Mitarbeiter, die zur Risikogruppe gehören „von Tag 1 nachrangig eingesetzt wurden“, um sie vor einer möglichen Infektion zu schützen. Päd-aktiv habe sich stets um die Gesundheit ihrer Mitarbeiter gekümmert und habe alle erforderlichen Hygienemaßnahmen erfüllt. Wenn päd-aktiv am 15. Juni wieder den regulären Betrieb aufnimmt, müssten allerdings alle Mitarbeiter wieder zur Arbeit erscheinen, da der Verein auf jeden einzelnen der 350 Mitarbeiter angewiesen sei.

„Kündigen oder das eigene Leben riskieren“: Päd-aktiv-Mitarbeiterin hat Angst

Diesem Tag blicken einige Mitarbeiter von päd-aktiv mit großer Sorge entgegen. Insgesamt 75 von ihnen sind schon über 60 Jahre alt oder haben Vorerkrankungen, die einen schweren Verlauf einer Covid-19-Erkrankung wahrscheinlicher machen. Seitdem sie erfuhren, dass sie trotzdem am 15. Juni zur Arbeit erscheinen sollen, sehen sich nun einige vor der Wahl: „kündigen oder das eigene Leben riskieren“. Eine päd-aktiv-Mitarbeiterin, die namentlich nicht erwähnt werden möchte, sagt gegenüber HEIDELBERG24, dass sie sich vom Vorstand nicht gehört fühlt und Angst um ihre Gesundheit habe, wenn sie in zwei Wochen wieder arbeiten soll: „Das bei einer Erkrankung mit COVID19 das Leben der Mitarbeiter die zur Risikogruppe gehören aufs Spiel gesetzt wird, ist zweitrangig“, sagt sie.

Kinderbetreuung in Heidelberg: Keine Alternative für gefährdete päd-aktiv-Erzieher

Auf Anfrage von HEIDELBERG24 gibt der Vorstand von päd-aktiv an, dass er Verständnis für die Sorgen seiner Mitarbeiter habe. Allerdings könne er nicht auf sie verzichten, wenn der reguläre Betrieb wieder beginnt. Zahlreiche Eltern würden auf die Kinderbetreuung von päd-aktiv zählen – außerdem würde päd-aktiv mit den Eltern in rechtsverbindlichen Verhältnissen stehen, weshalb sie ihnen die Kinderbetreuung nicht einfach verwehren könnten. Katzenberger bezieht sich auch auf die Heidelberger Studie, die besagt, dass Kinder eine „untergeordnete Rolle“ bei der Verbreitung des Coronavirus spielen und versichert, dass päd-aktiv alle erforderlichen Hygienemaßnahmen zum Schutz der Mitarbeiter erfüllen würde.

Momentan sei der Vorstand in Beratungsgesprächen mit dem Betriebsrat und dem Betriebsarzt, um „besondere Schutzmaßnahmen“ zu koordinieren, erklärt Katzenberger. Allerdings sieht er momentan keine Alternativen für die Risiko-Mitarbeiter, als zur Arbeit mit den Kindern zu erscheinen – denn Home-Office sei bei der Kinderbetreuung eben nicht möglich.

Päd-aktiv in Heidelberg: Stadt Heidelberg bleibt unparteiisch

Doch müssen nun wirklich gefährdete Personen solchen Risiken ausgesetzt werden? Die Stadt Heidelberg jedenfalls hält sich aus der Angelegenheit heraus. Auf Anfrage von HEIDELBERG24 gibt die Stadt Heidelberg an, dass sie mit der Zusammenarbeit mit päd-aktiv sehr zufrieden sei und sich keine Sorgen machen würden: „Wir sind sicher, dass päd-aktiv im Dialog mit seinen Beschäftigten gute Lösungen finden wird und freuen uns, einen so verlässlichen Partner zu haben“.

Im Gespräch mit dem Vorstand und mit den Beschäftigten klingt es momentan allerdings nicht so, als stünde man vor einer zufriedenstellende Lösung: Der Arbeitgeber braucht eben seine Mitarbeiter und die Mitarbeiter sehen sich bei der Arbeit in Gefahr.

Päd-aktiv in Heidelberg: Als Risikogruppe arbeiten? Das sagt ver.di

Der Frust und die Sorge der Mitarbeiter von päd-aktiv ist keineswegs auf Heidelberg beschränkt. Im gesamten Bundesgebiet stehen viele vor diesem Dilemma und eine gute Lösung wurde noch nicht gefunden.

Auch bei der Gewerkschaft ver.di bekräftigt der Ansprechpartner für So­zial- und Er­zie­hungs­dienst, Michael Dehmlow, auf Anfrage von HEIDELBERG24, dass es „keine pauschale Lösung“ gibt. Zwar müsste der Arbeitgeber für den Gesundheitsschutz seiner Mitarbeiter aufkommen, doch wie das genau auszusehen habe, sei gesetzlich noch nicht geregelt. Abgesehen von den üblichen Hygienemaßnahmen befürworte ver.di regelmäßige Viren- und Antikörpertests der gesamten Belegschaft und der Kinder. Die Kosten hierfür sollten vollständig vom Arbeitgeber übernommen werden.

mw

Rubriklistenbild: © Bernd Thissen/dpa

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