Das sagen die Nachbarn 

Nach Familiendrama mit drei Toten: „Und plötzlich wird die Welt aus den Fugen gerissen!“

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Einzig die Kerzen vor der Eingangstür des Wohnblocks am Otto-Hahn-Platz erinnern an die schrecklichen Szenen des 19. Dezembers.

Heidelberg - Drei Tage nach dem schrecklichen Familiendrama mit drei Toten am Otto-Hahn-Platz: Wie gehen die Nachbarn mit dieser Tragödie um? Wie sicher fühlt man sich jetzt noch im Emmertsgrund?

Der Anstrich des Hochhauses in der Otto-Hahn-Straße ist hell und freundlich. Unschuldig drehen sich auf den Balkonen bunte Plastikwindräder in den Blumenkübeln. Einzig die Kerzen vor der Eingangstür erinnern an die schreckliche Tat, die sich am Abend des 19. Dezembers im 15. Stock ereignet hat. 

Es ist Dienstagabend, 0:30 Uhr. Spezialeinsatzkräfte stürmen eine Wohnung im Emmertsgrund. Ihnen bietet sich ein Bild des Schreckens: Ein 71-Jähriger Mann hat mit einer Pistole seine Ehefrau erschossen, dann seinen Sohn und sich schließlich selbst das Leben genommen. Bei dem Familienvater wird ein Abschiedsbrief gefunden. Darin gibt er wohl seine schwere Erkrankung als Tatmotiv an. Welche Erkrankung das war – psychisch oder physisch – kann ein Sprecher der Polizei auf HEIDELBERG24-Anfrage nicht beantworten.

Nachbarn haben Blumen vor die Eingangstür gelegt

Zurückhaltend und unauffällig

Nachbarn beschreiben das Ehepaar aus dem 15. Stock als ruhig, zurückhaltend und unauffällig. Nachbarin Lydia G. sah den 71-Jährigen noch vor Kurzem bei der Eigentümerversammlung: „Das hätte ich nicht erwartet, aber man steckt eben in keinem drin.“ G. lebt seit 34 Jahren auf dem Emmertsgrund und fühlt sich hier sicher. „Für die Kinder war es toll hier aufzuwachsen!“ Dass der Heidelberger Stadtteil von den Medien häufig als sozialer Brennpunkt dargestellt wird, findet sie traurig. „Wir haben den Wald direkt vor der Haustür, Spielplätze und ruhig ist es auch!“ 

Drei Tote bei dem Familiendrama auf dem Emmertsgrund

Todesschütze kaufte sich vor kurzem neues Auto 

Drei Tage nach der Tragödie ist es grau und verregnet. Trotzdem lässt sich erahnen, wie schön die Gegend rund um den Otto-Hahn-Platz sein kann. Im Fahrstuhl nach oben treffen wir auf Angelika N.. Sie lebt seit über 20 Jahren in dem Hochhaus. Ihr Mann habe den 71-jährigen Nachbarn noch vor wenigen Wochen in der Garage getroffen. Er habe sich vor Kurzem ein neues Auto und einen Fernseher gekauft. „Das verstehe ich nicht, nach so einer Anschaffung macht man doch nicht sowas!“,erzählt N. fassungslos. 

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Andere Nachbarn erzählen, der 43-jährige Sohn der Familie habe in einer Einrichtung in Rohrbach gewohnt, seit vielen Jahren mit Depressionen gekämpft. Angelika N. vermutet: „Vielleicht hatte der Vater einfach keine Kraft mehr!“


Sozialer Brennpunkt mit toller Aussicht?

Ganz oben auf dem Hochhaus im Emmertsgrund ist die Aussicht atemberaubend. Der Wind pfeift einem kalt um die Ohren. Im 15. Stock hat die Polizei die Haustür der toten Familie mit Flatterband abgesperrt. Davor liegen Blumen, warmes Licht leuchtet im Flur. Die Anteilnahme der Nachbarschaft scheint groß. 

Ein toller Ausblick aus dem 15. Stock

Ein Bewohner der Etage öffnet die Tür. „Ich hatte mit der Familie nicht besonders viel zu tun.“ Sicher fühle er sich – trotz der schrecklichen Tat. Wir fragen direkt nach: Ist der Emmertsgrund ein sozialer Brennpunkt? „Es hat sich in den letzten Jahren verbessert, viele Asoziale sind weggezogen“, erklärt der Nachbar. Auf dem Weg nach unten treffen wir einen Handwerker. Er wohnt nicht hier, ist aber oft in diesem Bezirk unterwegs. „Wenns dunkel ist, würde ich hier nicht alleine herumlaufen!“

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Ein Vorurteil? Im Eingangsbereich des Mehrfamilienhauses treffen wir auf zwei Damen. Eine 21-Jährige aus dem 11. Stock erzählt: „Ich finde es schlimm, wie der Emmertsgrund von den Medien dargestellt wird. Dass man immer mit Vorurteilen zu kämpfen hat, wenn man hier wohnt. Natürlich wohnen hier viele einkommensschwache Familien. Aber es gibt nie Probleme mit der Nachbarschaft, viele kennen sich und halten zusammen.“ 

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„Plötzlich wird die Welt aus den Fugen gerissen“

Die junge Frau ist an dem verhängnisvollen Dienstag gerade auf dem Weg nach Hause, als sie – wie viele andere Bewohner – vor dem Hauseingang gestoppt wird. „Wir durften nicht herein und die Polizei hat uns nur auf die Informationen durch die Presse verwiesen.“ Ihr Eltern hätten nichts von den Schüssen gehört. Erst als die Polizei die Blendgranate wirft, hätten sie bemerkt, dass etwas nicht stimmt. „Wir waren ganz gemütlich zu Hause und plötzlich wird die Welt aus den Fugen gerissen.“ 

Anwohnerin Ursula H. erfährt von dem Familiendrama erst viel später – sie hat ihr Hörgerät nicht aktiviert. Den 71-jährigen Todesschützen beschreibt sie als schönen, höflichen Mann. Sie mutmaßt: „Der Sohn hatte ja psychische Probleme, vielleicht dachte der Schütze, es sei eine Befreiung!“ Auch sie empfindet den Emmertsgrund nicht als sozialen Brennpunkt. „In anderen Stadtteilen passieren ja auch Straftaten.“

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jmb

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