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Feiern in Heidelberg: Mehr Verbote oder mehr Angebote?

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Von: Florian Römer

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Blick vom Philosophenweg auf den Neckar, die Altstadt und das Schloss in Heidelberg.
Blick auf die Altstadt und das Schloss in Heidelberg. © Florian Römer/HEIDELBERG24

Heidelberg - Alkoholverkaufsverbot oder mehr Party-Angebote für junge Menschen? Vertreter aus Politik, Jugend und Anwohnern diskutieren über die angespannte Feier-Lage in der Stadt:

Seit Monaten klagen Altstadt-Anwohner in Heidelberg über Lärm und Krawall. Besonders der Bereich um die Alte Brücke hat sich seit dem Sommer als „Problem-Hotspot“ etabliert, an dem sich an manchen Abenden mehrere hundert junge Menschen treffen, um zu trinken und zu feiern. Immer wieder gerät die Situation aber aus dem Ruder. Anwohner, Hoteliers und Ordnungskräfte berichten von lauter Musik bis in die Morgenstunden, gewalttätigen Auseinandersetzungen, Flaschenwürfen auf die B37, Beleidigungen und Sachbeschädigungen. Seit August mussten Kommunaler Ordnungsdienst (KOD) und Polizei den Bereich um die Alte Brücke bereits sieben Mal komplett räumen.

Um die Lage in Teilen der Altstadt in den Griff zu bekommen, lässt die Stadt Heidelberg das Innenministerium in Stuttgart ein Alkoholverkaufsverbot prüfen. Sogar ein Verweilverbot für den Bereich Alte Brücke steht im Raum. Zudem soll eine Reihe an Maßnahmen und zusätzlichen Angeboten für Jugendliche und junge Menschen die Lage in der Universitätsstadt entzerren helfen. Für die kommende Gemeinderatssitzung (10. November, 16:30 Uhr, Rathaus), die Bürger erstmals auch im Livestream verfolgen können, hat die Verwaltung kurzfristig ein Maßnahmenpaket auf die Tagesordnung gesetzt. Eine neue Website der Stadt soll einen Überblick über Partyorte, Jugendtreffs und weitere Kulturangebote für junge Menschen geben. Zudem ist eine Fortsetzung der Feierbad-Reihe in Planung, Jugendliche sollen stärker beteiligt werden. Für die Altstadt sind eine Awareness-Kampagne, „Konfliktmanager“ und der verstärkte Einsatz von KOD und Polizei an Brennpunkten angedacht.

Heidelberg: SPD spricht mit Vertretern von Jugend und Anwohnern über Situation

Von der jüngst eingeschobenen Beschlussvorlage waren einige Teilnehmer des Fachgesprächs überrascht, zu dem die SPD-Fraktion am Montag (8. November) Vertreter von Politik, Anwohnerschaft, Jugend und Verwaltung geladen hat. Mit den beiden Nachtbürgermeistern Daniel Adler und Jimmy Kneipp ging es um die aktuelle Situation in der Altstadt und das drohende Alkoholverkaufsverbot. Kneipp fühlte sich an die Sommermonate an der Neckarwiese zurück erinnert. Nach den gewalttätigen Ausschreitungen am Neckarvorland im Frühsommer reagierte die Stadt mit einem Aufenthaltsverbot. Daraufhin zogen die jungen Leute woanders hin. Ähnlich könne es jetzt mit dem Alkoholverkaufsverbot passieren, so Kneipp. Jetzt brauche es ein „nachhaltiges Konzept“ ‒ eben wie das „Feierbad“ im Sommer.

StadtHeidelberg (Baden-Württemberg)
Einwohnerzahl161.485 (Stand: 31. Dezember 2019)
Fläche108,8 km²
OberbürgermeisterProf. Dr. Eckart Würzner (parteilos)

Feiern gehöre zum berechtigten Interesse junger Menschen in einer Universitätsstadt, erklärt Fraktionsvorsitzende Prof. Dr. Anke Schuster: „Wir sollten konzeptionell agieren, nicht mit Verboten.“ Prinzipiell gebe es zwei Kategorien von jungen Menschen, die abends in die Altstadt unterwegs sind, so Schuster weiter: „Junge Menschen, die feiern und Randalierer“. Letztere kämen aber bereits mit einer „anderen Bedürfnislage“ nach Heidelberg. Eine Einschätzung, die Adrian Rehberger teilt. „Es gibt Feiernde. Und dann gibt es Leute, die kommen, um Krawall zu machen“, sagt der Polizist. Dieses Klientel erreiche man nicht mit einer Awareness-Kampagne. Deshalb könne ein Alkoholverkaufsverbot ein „temporärer Baustein“ sein, um Krawallmacher abzuschrecken.

Heidelberg braucht größere Party-Locations für junge Menschen

Für das „mehrschichtige Problem“ brauche es aber auch „mehrschichtige Lösungen“, betont Rehberger. Man müsse mehr Möglichkeiten und dezentrale Angebote für junge Menschen schaffen: „Das ‚Feierbad‘ war unfassbar erfolgreich und hat enorm zur Entzerrung der Situation beigetragen.“ Politik und Verwaltung müssen sich mehr mit den Betroffenen auseinandersetzen, fordert indes Malte Metzner von der Jugendgruppe, die das „Feierbad“ mit organisiert hat. Locations müssten nicht unbedingt zentral gelegen sein, so lange sie „gut angebunden“ sind, sagt Metzner und bringt das Airfield als Party-Location ins Spiel.

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Aktuell verhandelt die Stadt mit Betreibern von Veranstaltungshäusern wie Cave54, Karlstorbahnhof oder halle02 über Möglichkeiten einer Förderung für „ansonsten für die Club-Szene nicht kostendeckend zu veranstaltenden Partys“, heißt es in der Beschlussvorlage. Besonders interessant dürfte aus Sicht von Metzner und Nachtbürgermeister Kneipp die halle02 sein. Im Vergleich zu anderen Locations können dort auch mehr als 1.000 Menschen gemeinsam feiern. Ungeklärt ist derzeit noch die Kostenfrage. Prinzipiell wollen Jugendvertreter stärker in die Prozesse eingebunden werden. Nach Wochen der Funkstille soll es am Dienstag (9. November) wieder ein Gespräch zwischen Stadtverwaltung und „Feierbad“-Vertretern geben.

Heidelberg: Stadt will Maßnahmen durchbringen, SPD fordert Extrarunde  

Mit der Awareness-Kampagne soll auf die Ansprüche aller im öffentlichen Raum verwiesen werden, erklärt Nachtbürgermeister Kneipp. Sie soll über Banner, Bierdeckel, Kleidung, soziale Netzwerke und Videos laufen und wird von einer Heidelberger Agentur entwickelt. Auch zu den Konfliktmanagern äußert sich Kneipp: „Sie sollen in zwei bis drei Teams schon relativ früh auf der Straße unterwegs sein und als Kommunikatoren mit Feiernden fungieren.“ Rund 50 Jugendsozialarbeiter arbeiten demnach für die Stadt.

Ob der Gemeinderat das Maßnahmenpaket für junge Menschen am Mittwoch durchwinkt, ist allerdings fraglich. Für die SPD-Fraktion kommt die Beschlussvorlage jedenfalls zu kurzfristig. Da noch vollkommen unklar ist, welche Kosten konkret darin enthalten sind, wollen die Sozialdemokraten das Paket zumindest in den Haupt- und Finanzausschuss (23. November) verweisen. Ende des Jahres könnte der Gemeinderat dann über „eine ordentlich aufgesetzte Vorlage“ entscheiden, stellt Schuster klar. Auch Metzner wünscht sich eine Konkretisierung des Konzepts und vor allem einen Überblick über die Kosten, wenn man die „Feierbad“-Reihe beispielsweise in der halle02 durchführe. (rmx)

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