Corona-Krise

Heidelberger Gastro im Lockdown: „Da hat mir das Herz geblutet“

Peter Filsinger steht am 12. Februar 2021 vor dem P11 (Café am Römerkreis) in der Heidelberger Weststadt.
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Peter Filsinger vor dem P11.

Heidelberg - Im November sollten Lokale temporär schließen. Mittlerweile ist der ursprüngliche „Lockdown light“ im vierten Monat angekommen. Wie geht es Gastwirten aktuell?

  • Restaurants, Bars, Kneipen und Cafés sind mittlerweile im vierten Monat des Corona-Lockdowns.
  • Viele Gastronomen sorgen sich um ihre Existenz.
  • Wie geht es Wirten in Heidelberg aktuell, welche Perspektiven sehen sie für 2021?

Seit dem 2. November 2020 sind Restaurants, Bars, Kneipen und Cafés bundesweit wieder geschlossen. Was zunächst als „Lockdown light“ verkauft wurde, ist mittlerweile ein Shutdown, der bereits über drei Monate währt. „Grundsätzlich ist die Situation für die Gastronomie schwierig“, sagt Marco Panzini, der in der Steingasse in der Altstadt das Joe Molese betreibt. „Seit März 2020 schaut man, wie man über die Runden kommt.“ Dieses Stimmungsbild teilen aktuell die meisten Gastwirte in Heidelberg.

Marco Panzini vor dem Joe Molese.

Gastronomen in Heidelberg: Lockdown ein „herber Schlag“

Laut Melanie von Görtz vom Branchenverband des Hotel- und Gaststättengewerbes Dehoga ist die Stimmung unter Gastronomenschlecht. Unsere Unternehmer vermissen ihre Gäste, haben Angst, ihre Betriebe und ihre Mitarbeiter zu verlieren und sehnen sich nach einer Perspektive.“ Die Besitzer des Essighaus beschreiben die aktuelle Situation als „niederschmetternd.“ Mit zwei großen Luftfiltertürmen hatte man im Traditionslokal in der Plöck hygienetechnische Voraussetzungen geschaffen, die viele Räumlichkeiten nicht haben ‒ „etwa Schulen, Büros oder manche Praxen.“ Trotzdem ist das Essighaus seit über drei Monaten dicht. Als „gedrückt“ beschreibt Fritz Ueberle seine Gefühlslage. Ueberle betreibt in Bergheim das Bootshaus und wartet als Pächter des Berghotels am Königstuhl, dass es endlich wieder losgehen kann: „Wir würden gerne wieder arbeiten und vor allem haben unsere Angestellten durch wegfallende Zuschläge und Trinkgelder große Verdienstausfälle.

StadtHeidelberg
Einwohner160.355 (2019/Eurostat)
OberbürgermeisterProf. Dr. Eckart Würzner
SehenswürdigkeitenSchloss, Alte Brücke, Philosophenweg, Altstadt
Anzahl Beherbungsbetriebe91 (2019)
Anzahl Gastronomie-Betriebe558 (2018)

Grundsätzlich habe die Gastronomie nach dem ersten Lockdown in vielen Bereichen investiert ‒ in Aufnahme von Kontaktdaten, verbesserte Hygienemaßnahmen oder eben Luftfilteranlagen, ergänzt Jimmy Kneipp. Kneipp betreibt in Rohrbach das Bistro Fandango und wurde jüngst zu Heidelbergs erstem Nachtbürgermeister gewählt. Der „Lockdown light“ im November sei ein „herber Schlag“ gewesen, den einige Wirte als ungerecht empfunden hätten, da beispielsweise Frisöre oder Einzelhändler zunächst weiter geöffnet blieben. Auch wenn alle Gastronomen „grundsätzliches Verständnis für die ergriffenen Maßnahmen haben“, so wie die Besitzer des Essighaus, monieren einige eine problematische Kommunikation seitens der Politik ‒ ein „Hangeln von Ministerpräsidentenkonferenz zu Ministerpräsidentenkonferenz“, wie Kneipp es formuliert. „Vielen würde ein grober Fahrplan helfen“, findet Marco Panzini.

Heidelberg: P11 zum Jahreswechsel kurz vor der Pleite

Und wie ist die wirtschaftliche Situation im Gastgewerbe? „Die finanzielle Lage der Betriebe ist vielfach sehr prekär, da die Reserven nach mehr als vier Monaten Lockdown in 2020 in den meisten Fällen aufgebraucht sind“, sagt die Heidelberger Dehoga-Geschäftsführerin von Görtz. Zwischen Januar und November 2020 seien die Umsätze im Gastgewerbe um 35 Prozent gegenüber dem Vorjahr eingebrochen, rechnet von Görtz vor. Im Vergleich zum Vorjahres-November sank der Umsatz sogar um 68 Prozent. Zwar flössen die angekündigten November- und Dezemberhilfen in Abschlagszahlungen, etliche Betriebe haben aber noch kein Geld erhalten, so von Görtz.

Im P11 am Römerkreis in der Weststadt kam die Novemberhilfe beispielsweise gar nicht. „Zum Jahreswechsel standen wir kurz vor der Pleite“, erzählt Peter Filsinger, der das „Café am Römerkreis“ (P11) seit 15 Jahren gemeinsam mit Holger Inhülsen betreibt. Wäre die Dezemberhilfe eine Woche später gekommen, wäre es „schwierig geworden“. Jetzt hangele man sich „von Woche zu Woche“. Umgekehrt lief es bei Jimmy Kneipp: Er erhielt die Abschlagszahlung auf die Novemberhilfe, für Dezember kam nichts ‒ auch die Zahlungen für Januar und Februar stünden noch aus. „Das geht finanziell an die Substanz“, sagt Kneipp, der von einigen Kollegen weiß, die ihre Mitarbeiter und Mieten nicht mehr zahlen können. Filsinger berichtet, dass er alle Minijobber habe entlassen müssen: „Da hat mir das Herz geblutet. In der Situation war ich noch nie.“ Das P11 hat seit einem Monat wieder geöffnet, bietet seinen Gästen einen Mittagstisch zum Mitnehmen an.

Peter Filsinger vor dem P11.

Trotz der Verzögerungen bei den Hilfen ist Panzini glücklich über die Unterstützung vom Bund. Das gebe es in diesem Umfang wohl nirgendwo: „Wir leben im derzeit besten Land der Welt, um diese Pandemie zu überstehen.“ Ihm gehe es allerdings auch besser als einem Großteil des Kollegen, schätzt Panzini, da es einfach sei, Gästen einen Burger einzupacken und mitzugeben. Das könnten andere Restaurants oder Kneipen nicht so leicht. Ohnehin kompensieren Liefer- und Abholdiensteauch im günstigen Fall selten mehr als 15 Prozent des normalen Umsatzes“, erläutert von Görtz. Das sei gut für die Kundenbindung, „retten“ können sie die angeschlagenen Betriebe nicht.

Heidelberger Wirte peilen Öffnungen an Ostern an

Wann dürfen Restaurants, Bars, Kneipen und Cafés endlich wieder öffnen? Diese Frage stellen sich angesichts sinkender Corona-Zahlen nicht nur viele Heidelberger, auch die Gastronomen bewegt naturgemäß die Öffnungsperspektive. Ihre Prognosen sind eher zurückhaltend: Vermutlich um Ostern herum könnte es erste vorsichtige Öffnungen geben, darin sind sich die Gastwirte einig. Voraussichtlich wird zunächst Außenbewirtschaftung erlaubt. „Das wird sich hauptsächlich draußen abspielen“, meint etwa Jimmy Kneipp. Auch am P11 wird der Umsatz vornehmlich „auf der Terrasse“ gemacht werden, meint Filsinger: „Ich habe keine Zweifel, dass viele Leute kommen werden“.

Fritz Ueberle hofft, dass die Stadt die Regelungen zur Außenbestuhlung so liberal belässt wie im vergangenen Jahr. Wenn man jetzt mit den Impfungen „aus dem Quark“ kommt, könne 2021 noch ein sehr gutes Jahr werden, meint Ueberle: „Die Menschen sind so ungewohnt ausgehungert nach allem, was die ganze Zeit nicht möglich war, dass das wahrscheinlich fast hedonistische Züge annehmen wird nach der Pandemie.

Heidelberger Gastronom: „Wenn im Oktober wieder alles zu macht, schließe ich alles“

Und wenn im Herbst ein erneuter Lockdown droht? „Wenn im Oktober wieder alles zu macht, schließe ich alles. Endgültig. Das mach ich emotional nicht mehr mit“, sagt Marco Panzini, der wie Filsinger und Kneipp für das Fotoprojekt „Wirte im Lockdown“ abgelichtet wurde. „Ich habe noch nie so viel gearbeitet wie 2020.“ Der Gastronom glaubt, dass 2021 ein „crazy“ Jahr werden könnte, und hofft, dass vielen der gesellschaftliche Stellenwert des Gastgewerbes jetzt bewusst geworden ist. „Vielen Menschen fehlt einfach eine Anlaufstelle“, analysiert Filsinger.

Marco Panzini vor dem Joe Molese.

Wie er bei einem dritten Shutdown vorgehen würde, wisse er nicht, antwortet Jimmy Kneipp, immerhin habe er auch eine soziale Verantwortung seinen Gästen gegenüber. Und Peter Filsinger? Er habe „keine Zukunftssorgen.“ Das P11 würde er niemals aufgeben, dazu „liebe er es zu sehr.“ Das Café am Römerkreis sei immer sein „Motor“ gewesen. Dennoch frage er sich, so Filsinger, „was passiert, wenn man dauerhaft nur bei Null rauskommt?“ (rmx)

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