Sofortprogramm

P&R-Platz und Bus-Shuttle „nicht provisorisch“: Gärtner sorgen sich ums Feld

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Die Handschuhsheimer Gärtner sorgen sich um ‚ihr‘ Feld.

Heidelberg-Handschuhsheim - Park&Ride-Parkplatz, Bus-Shuttle durchs Feld und weitere Maßnahmen - wieso die Handschuhsheimer Gärtner an die Gemeinderäte appellieren:

Ein Gespenst geht um im Handschuhsheimer Feld: das Wort „Nordzubringer“.

In einem Brief, der HEIDELBERG24 vorliegt, rufen die Handschuhsheimer Gärtner dazu auf, die Landschaft zwischen Autobahnzubringer bei Dossenheim und der Nordgrenze des Neuenheimer Feldes nicht ‚anzufassen‘. Auch dann nicht, wenn die Maßnahmen als „vorübergehend“ deklariert werden.

Die Planungen zum Bus-Shuttle und Park&Ride-Parkplatz sind aus unserer Sicht nicht provisorisch, aufgrund der Kosten sowie der Folgen für die Landwirtschaft und die Umwelt“, heißt es in dem Schreiben, das Hans Hornig, 1. Vorsitzender der Gärtnervereinigung Handschuhsheim in dieser Woche an die Gemeinderäte senden will.

Sofortprogramm gegen Verkehrskollaps

Am Donnerstag (23. Januar, 17 Uhr) soll der Stadtentwicklungs- und Verkehrsausschuss (SEVA) erstmals über das Sofortprogramm diskutieren, mit dem die Stadt die angespannte Verkehrssituation im Neuenheimer Feld entzerren will. 

Wir brauchen dringend Lösungen zur Entlastung der Verkehrssituation. Die Geduld von Patienten, Mitarbeitern und Besuchern der Kliniken und Forschungseinrichtungen ist überstrapaziert“, sagen die Leitende Ärztliche Direktorin Prof. Dr. Annette Grüters-Kieslich und die Kaufmännische Direktorin Dipl.-Volksw. Irmtraut Gürkan von der Uniklinik Heidelberg. „Insofern begrüßen wir die Aktivitäten und Bereitstellung von Geldern der Stadt Heidelberg. Dies kann allerdings nur ein erster sinnhafter Schritt sein: Die Lösung der Verkehrsproblematik ist ein sehr komplexes Thema mit vielen Facetten, für das alle Betroffenen ein tragfähiges Gesamtkonzept benötigen. Für eine nachhaltige Lösung wäre unserer Ansicht nach eine erhebliche Entlastung nur möglich, wenn die Verkehrsströme aus allen Richtungen optimiert werden.

In der letzten Sitzung des Jahres 2018 hatte der Gemeinderat über sechs Millionen Euro für entsprechende Maßnahmen in den Doppelhaushalt 2019/20 eingestellt.

Diese sehen u.a. die Einrichtung eines dritten Fahrstreifens am Mathematikon, das Anlegen einer separaten Busspur an der Auffahrt von der Kirschnerstraße zur Berliner Straße oder die Aufhebung des kostenfreien Parkens auf dem gesamten Campus-Areal vor. 

Gärtner, Landwirte und viele Heidelberger, die das Handschuhsheimer Feld zum Radfahren oder spazieren gehen nutzen, treibt aber vor allem die Einrichtung eines geschotterten Park&Ride-Parkplatzes auf den Farrwiesenäckern samt Bus-Shuttle ins Neuenheimer Feld um.

Diese Maßnahme stelle „den Masterplanprozess Neuenheimer Feld in Frage, in dem über 80 Organisationen unter Beteiligung der Öffentlichkeit mit vier Planungsteams und hohem Aufwand Lösungen der Probleme, auch der verkehrlichen Anbindung, entwickeln sollen“, heißt es in dem Schreiben. In den ersten Planungsentwürfen habe keines der acht Planungsteams einen P&R-Parkplatz gehabt, nur zwei arbeiteten mit einem Nordzubringer.

Verlust wertvoller Ackerflächen

Auch wenn die Schotterung des P&R-Platzes den provisorischen Charakter unterstreichen soll, gehen aus Sicht der Gärtnervereinigung „1 bis 1,2 Hektar Ackerland verloren.“ Wegen Verdichtungen, Verunreinigungen durch Steine und potentielle Verschmutzungen durch Öle oder Kraftstoff könne die Fläche mittelfristig nicht mehr für landwirtschaftliche oder gärtnerische Zwecke genutzt werden, schreibt Hornig. 

Dabei gelte es, gerade das Handschuhsheimer Feld in seiner Kleinteiligkeit zu erhalten: Es werde „zum einen zur regionalen Nahrungsmittelproduktion in nachhaltiger Wirtschaftsweise von Gartenbaubetrieben, Landwirten und Freizeitgärtnern benötigt. Zum anderen sind zur Erhaltung und Förderung einer ökologisch wertvollen Kulturlandschaft mit hoher Biodiversität naturnahe Flächen als Rückzugsorte für Tiere und Pflanzen von großer Bedeutung.“ 

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Die Bedeutung des Felds unterstreiche auch eine Umweltverträglichkeitsprüfung des Münchner Büro für Umweltforschung, Stadt- und Regionalentwicklung aus dem Jahr 2005, das noch heute aktuell sei. Viele Gärtner befürchten, dass der im letzten Jahrzehnt abgelehnte „kleine Nordzubringer“ mit der Einrichtung eines Bus-Shuttle nun doch ‚durch die Hintertür‘ realisiert werden könnte. 

Ausbau von Feldwegen

Die bestehenden Wirtschaftswege (Allmendpfad und die Verlängerung der Tiergartenstraße), auf denen die Shuttle-Busse verkehren sollen, sind „hinsichtlich Belastbarkeit und Breite von ca. 2,50 bis 2,80 Meter nicht für regelmäßigen Busverkehr im Begegnungsverkehr mit landwirtschaftlichen Nutzfahrzeugen, aber auch Radfahrern und Fußgängern ausgelegt“, kritisieren die Gärtner. Es sei zu befürchten, dass die Wege nicht nur in Kurvenbereichen verbreitert werden müssten, was wiederum zusätzliche Flächenverluste, sowie weitere Emissionsbelastungen und Anschlusskosten zur Folge hätte.

Fotos: Stadt plant P&R-Platz und Bus-Shuttle durch das Handschuhsheimer Feld 

Auch wird die mangelnde Effizienz eines P&R-Platzes mit 400 Stellplätzen angeprangert: Dieter Teufel vom Umwelt- und Prognoseinstitut hatte Ende 2018 errechnet, dass die Maßnahme den von Norden kommenden Verkehr ins Neuenheimer Feld lediglich um zwei Prozent reduzieren würde (über die Ernst-Walz-Brücke nur um 0,1 Prozent). 

Zudem könnte ein P&R-Parkplatz in der Nähe des Neuenheimer Felds viele Einpendler aus dem Norden dazu verleiten, mit dem Auto dorthin zu fahren, statt P&R-Gelegenheiten an der Bergstraße zu nutzen. Diese müssen bislang mit dem ÖPNV drei Mal umsteigen, am möglichen Provisorium an der A5 bei Dossenheim dann nur noch ein Mal. Die Folge: Eine Schwächung des ÖPNV und steigende Emissionen. 

Aus Sicht der Gärtnervereinigung steht das in krassem Widerspruch zum Masterplan „100 % Klimaschutz“, dem sich Heidelberg als „Modellkommune“ verschrieben hat. Mit dem Ziel, eine „klimaneutrale Kommune“ zu werden, will die Stadt u.a. „Anreize für klimafreundliches Alltagsverhalten“ bieten. Etwa über Carsharing-Modelle, Förderung und Vermietung von Lastenrädern, Anreize zur ÖPNV-Nutzung statt des eigenen Autos oder Informationsangebote zu saisonaler und regionaler Ernährung.

Appell an Stadträte

Der Erhalt fruchtbaren Ackerlandes ist die Basis für die regionale Lebensmittelproduktion. Die Sicherung stadtnaher Flächen mit hoher Biodiversität in einer erfahrenswerten Erholungslandschaft, der Bodenschutz und der Klimaschutz sind für alle Heidelberger Bürger von großer Bedeutung“, schließt Hornig im Namen der Gärtnervereinigung.

An die Gemeinderäte ergeht die Bitte, ihre Entscheidungen „sorgsam und zukunftsgerichtet abzuwägen, inwieweit Investitionen in provisorische Straßen und Individualverkehr den Zielen einer nachhaltigen, resilienten Stadtgesellschaft entsprechen.

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Inwieweit der Aufruf bei den Stadträten Gehör findet, zeigt sich kommende Woche erstmals im SEVA. Das Thema wird am 30. Januar (17 Uhr) auch im Haupt- und Finanzausschuss (HAFA) diskutiert, abschließend berät der Gemeinderat am 14. Februar (16:30 Uhr).

rmx

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