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Heidelberg: Bürgermeister Erichson erklärt Aussagen zu Krawall-Touristen

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Von: Florian Römer

Heidelberg - „Krawall-Touristen“ halten die Stadt seit Wochen in Atem. Bei einem Treffen zwischen Stadt und Altstadt-Gastronomen fallen harte Worte von Bürgermeister Wolfgang Erichson:

Seit Pfingsten ist Heidelberg immer wieder wegen Randale, Pöbeleien und massiven Polizeieinsätzen in den Schlagzeilen. Um die „Krawall-Touristen“ abzuschrecken, bleibt die Neckarwiese an Wochenenden nachts gesperrt. Dadurch verlagert sich das nächtliche Treiben in die Altstadt ‒ der Bereich um die Alte Brücke ist davon besonders betroffen. Aber wie kann Heidelberg der ausufernden Situation Herr werden? Am Donnerstag (8. Juli) veröffentlicht die Stadt Heidelberg ein Maßnahmenpaket, das Verwaltung, Altstadt-Wirte und Polizei „gemeinsam“ geschnürt haben: es enthält mehr Befugnisse für Türsteher vor der eigenen Kneipe, verstärkte Kontrollen von „Krawall-Touristen“, ein Alkohol-Verkaufs- und Verzehrverbot für den öffentlichen Raum, und eine Notfall-Nummer, unter der Wirte schnell die Polizei zur Hilfe rufen können.

StadtHeidelberg
Einwohner160.355 (2019, Eurostat)
Fläche108,8 km²
OberbürgermeisterProf. Dr. Eckart Würzner (parteilos)

Heidelberg: Härtere Maßnahmen gegen Krawall-Tourismus

Besprochen wurden die Maßnahmen am Mittwoch (7. Juli) bei einem Gespräch zwischen rund 40 Altstadt-Gastronomen, Vertretern der Stadtverwaltung und der Polizei. „Die Stadt ist aufgrund der aktuellen Situation sehr besorgt“, resümiert Alexander Beck, der an der Alten Brücke das „Hotel Nepomuk“ führt. Als Hauptproblem für die angespannte Lage macht Beck „Krawall-Tourismus“ aus, der von außen nach Heidelberg hereingetragen werde. Insofern seien härtere Schritte richtig. Auf Online-Plattformen wie TikTok hatten Nutzer zu Randale in Heidelberg aufgerufen, erklärt Beck im Gespräch mit HEIDELBERG24.

Die Situation sei schlimm, darin seien sich alle einig, findet auch Marco Panzini. Panzini betreibt unweit der Alten Brücke das „Joe Molese“. Mit den neuen Maßnahmen, die bereits ab diesem Wochenende greifen werden, will er sich dennoch nicht ausnahmslos anfreunden: „Verbote helfen nicht, wenn es keine Freiflächen gibt.“ Genau die hatten die Altstadt-Gastronomen der Stadtverwaltung vorgeschlagen, bestätigt Nachtbürgermeister Jimmy Kneipp. Früher habe man mit dem Schwimmbad-Club, der Nachtschicht, der Halle02 und anderen Institutionen, Orte gehabt, an die junge Menschen ausweichen konnten, so Kneipp. Das falle jetzt alles weg. „Durch die Sperre der Neckarwiese bekommen wir die Situation nicht gelöst“, meint der Nachtbürgermeister. „Dadurch fokussiert alles noch mehr auf die Altstadt.

Heidelberg: Rassistische Äußerung von Bürgermeister Erichson?

Um die Situation in der Altstadt zu befrieden, wird immer wieder eine „Awareness-Kampagne“ ins Spiel gebracht. Deeskalations-Teams sollen Feiernde in der Altstadt auf die unterschiedlichen Interessen von Anwohnern, Wirten und Gästen aufmerksam machen, so die Idee. „Awareness, Awareness ‒ ich kann es nicht mehr hören!“, antwortete Kultur- und Ordnungsbürgermeister Wolfgang Erichson (Grüne) am Mittwoch, als die Wirte erneut eine „Awareness-Kampagne“ ins Spiel brachten, erzählt Panzini.

Wolfgang Erichson wird als Bürgermeister im Dezernat 4 wiedergewählt.
Wolfgang Erichson ist Kultur- und Ordnungsbürgermeister (Archivbild). © Stadt Heidelberg/Buck

An die Krawall-Macher komme man eh nicht ran, so der Tenor von Erichson: „Machen wir uns nichts vor: Das sind zu 99 Prozent Deutsche mit Migrationshintergrund.“ Panzini hatte über Instagram auf die Aussage aufmerksam gemacht, die von mehreren Wirten und Nachtbürgermeister Kneipp bestätigt wird. „Das war vollkommen daneben“, sagt Panzini. „Und keiner in der ‚weltoffenen‘ Stadt Heidelberg sagt was, nicht mal Oberbürgermeister Würzner“. Als einziger Stadtangestellter habe Nachtbürgermeister Kneipp schockiert gefragt, was die Nationalität mit dem Thema zu tun habe, erzählt Panzini. Einen Erklärungsansatz, was Herkunft und Nationalitäten mit der Randale zu tun haben, lieferte die Stadt bislang nicht.

Heidelberg: Nicht genug Freiflächen für junge Menschen?

Erichson liege ohnehin nichts an einer Lösung der Randale-Situation: Mehr Freiflächen für junge Menschen hätten laut Erichson „noch nie was gebracht“, soll der Ordnungsbürgermeister laut Anwesenden gesagt haben. „Dabei haben wir das doch noch nie ausprobiert“, wundert sich Kneipp: Gebe es in Heidelberg mehr nicht-kommerzielle Angebote für junge Menschen, würde es sich mehr verteilen und die Lage sich dementsprechend entspannen.

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Bei der Stadtverwaltung verweist man hinsichtlich Freiflächen auf „konkrete, kostenlose Ausgehalternativen“: neben den vier Neckarorten, auch das Rote Haus am Neckar und zehn Tage lang Konzerte im Tiergartenbad im Rahmen des Kulturfestivals „Lust4Live“. Weitere Angebote werden die Stadt mit anderen Partnern „weiter verfolgen“. Das sei nicht Aufgabe der Wirte und auch nicht Gegenstand des gemeinsamen Maßnahmenpaketes von Stadt, Polizei und Gastronomen.

Heidelberg: Bürgermeister Erichson nach Aussagen über Randalierer unter Druck

Für die CDU passen die jüngsten Aussagen des grünen Ordnungsbürgermeisters ins Bild: Man habe seit Jahren den Eindruck, dass Erichson „nicht wirklich an Lösungen, sondern an Eskalation interessiert“ sei, heißt es in einem Facebook-Post der Heidelberger Christdemokraten. Was beim Thema Untere Straße/Altstadt begann, setze sich bei der Neckarwiese fort. Die CDU sei für konsequentes Vorgehen, klare Regeln und auch notwendige Härte. „Was aber gar nicht geht sind Pauschalverurteilungen einzelner Gruppen ohne konkrete Belege. Bürgermeister Erichson sollte sich dringend überlegen, ob er unter solchen Vorzeichen noch der Richtige für die Aufgabe ist.“ Die Grünen müssten jetzt zu den „wiederholten Ausfällen“ deutlich Farbe bekennen.

Für die ‚Masche Palmer‘ ist in Heidelberg kein Platz“, schreibt der Daniel Al-Kayal (SPD). Er sei „wütend weil es „gute Deutsche“ gegen „böse migrantische Deutsche“ gegenüberstellt. Wütend, weil anscheinend niemand aus der Heidelberger Stadtspitze widersprochen hat, nicht mal sein vorgesetzter Oberbürgermeister Würzner.“ Dabei schmücke sich die Stadt mit den Federn des Antirassismus. „Offensichtlich“ wolle die Stadt nicht lernen, sondern suche „Sündenböcke“ und finde diese „im vermeintlichen Migrationshintergrund der Akteure“, so Al-Kayal. Er hoffe, dass der Vorfall aufgeklärt wird und bei entsprechenden Ausgang auch politische Konsequenzen gezogen würden: „Die vielen Menschen in Heidelberg verdienen es zu wissen wie die Stadtspitze bei elementaren Fragen wie die unseres Zusammenlebens und unserem gemeinsamen Miteinander in der Stadt tickt. Vor allem bei der Person, die das Ordnungsdezernat führt.

Aussagen zu Krawall-Touristen: Das sagt Bürgermeister Erichson

Und was sagt Wolfgang Erichson zu seinen Äußerungen? Heidelbergs Ordnungs- und Kultur-Bürgermeister erklärt die Aussagen gegenüber HEIDELBERG24 so: „Ich wollte mit meiner Anmerkung verdeutlichen, dass es sich eben gerade nicht um ein Problem durch Ausländer handelt, wie zuvor ein Gesprächsteilnehmer behauptet hatte. Die Herkunft einer Person spielt für mich keine Rolle. Die „99 Prozent“ sind natürlich nicht wörtlich zu nehmen. Gemeint war: Die Erklärung, Ausländer sind schuld, ist Quatsch.“ 

Er finde es schade, dass aus einem „langen und konstruktiven Treffen“ mit rund fünfzig Teilnehmern eine „sehr selektive Ansicht in den Mittelpunkt gerückt“ werde, so Erichson weiter. Das Gros der Wirte habe die Stadt um Ordnungs-Maßnahmen gebeten, viele Gastronomen hätten ihre Unterstützung zugesagt. „Niedrigschwellige Ansprachen“, mit denen man Ordnungsmaßnahmen möglichst schnell wieder überflüssig machen könne, seien „nur im Schulterschluss“ möglich. (rmx)

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