Über 140 Porträts

Leere Tische in Heidelberg: Dieses Fotoprojekt zeigt „Wirte im Lockdown“

Jimmy Kneipp im Fandango in Heidelberg-Rohrbach. Das Porträt ist Teil des Fotoprojekts „Wirte im Lockdown“, in dem die Münchner Fotografin Helena Heilig Gastronomen in ihren leeren Lokalen ablichtet.
+
Jimmy Kneipp im Fandango in Rohrbach.

Heidelberg - Die Münchner Fotografin Helena Heilig porträtiert im Lockdown Wirte in ihren leeren Lokalen. Auch in Heidelberg hat sie Gastronomen abgelichtet: 

Hochgestellte Stühle auf blanken Tischen, Barhocker auf dem Tresen, leere Gasträume ‒ so dürfte es aktuell in den meisten Kneipen, Bars und Restaurants im Land aussehen. „Es ist kein schönes Gefühl, in seinem leeren Laden zu sein“, beschreibt Marco Panzini seine Gefühlslage im aktuellen Lockdown, der mittlerweile auch schon im vierten Monat angekommen ist. Der Ur-Heidelberger betreibt in der Steingasse in der Altstadt seit vielen Jahren das Imbisslokal „Joe Molese“. „Normalerweise sind mit Angestellten und Gästen 60 Leute im Molese“, sagt Panzini. „Jetzt hörst Du nur das Knattern vom Kühlschrank und die Stühle sind immer oben.“ Panzini ist einer von zehn Gastronomen in Heidelberg, die für ein außergewöhnliches Fotoprojekt abgelichtet wurden.

Marco Panzini im Joe Molese in der Steingasse.

Wirte im Lockdown: Fotos zeigen Gastronomen in leeren Locations

Für „Wirte im Lockdown“ fängt die Fotografin Helena Heilig in Schwarz-Weiß-Porträts dieses Gefühl von Menschenleere und Tristesse in der Gastronomie ein. Heilig hatte im ersten Corona-Lockdown im Frühjahr 2020 zunächst 26 Münchner Wirte in ihren leeren Lokalen abgelichtet. „Der Plan war, ein Stück Zeitgeschichte abzubilden“, erzählt die Fotografin im Gespräch mit HEIDELBERG24. „Es ging darum, Wirte in ihrer Location zu zeigen, in der keine Gäste sind.

Heilig ging im Frühjahr noch davon aus, dass es sich mit den flächendeckenden Schließungen von Geschäften und Gastronomie um ein einmaliges Ereignis handeln würde. Im November sollten die Fotos zusammen mit Texten von Autorin Susanne Fiedler im Rahmen einer Ausstellung präsentiert werden. „Dann kam der zweite Lockdown und plötzlich waren wir mit den Gastronomen in einem Boot.

Wirte im Lockdown: Zufall bringt Fotografin nach Heidelberg

Da sie sich die Zeit ohnehin schon freigenommen hatte, fotografierte Heilig zunächst in der bayrischen Hauptstadt weitere Gastronomen. 50 Aufnahmen entstanden bislang in München. Als klar war, dass die Gastro auch im neuen Jahr weiter geschlossen bleiben würde, nahm „Wirte im Lockdown“ größere Dimensionen an. Mittlerweile hatte sich das Projekt rumgesprochen: Zunächst fuhr Heilig zum Fotografieren nach Berlin und anschließend nach Hamburg. „Es gab so viele positive Resonanz“, erzählt Heilig, „viele Gastronomen fühlen sich durch unser Projekt vertreten.

Und wie kam es, dass auch Heidelberger Gastronomen von Heilig porträtiert wurden? In der Hansestadt habe man ihr vorgeschlagen, doch bei Robert Rädel in Heidelberg vorbeizuschauen, so Heilig. Rädel kocht im Gourmet-Restaurant „Oben“ auf dem Alten Kohlhof und schlug weitere Kneipen und Restaurants in der Universitätsstadt am Neckar für das Projekt vor. Auch in Weinheim, Frankfurt, Stuttgart und Reutlingen entstanden Porträt-Fotos, sagt Heilig.

Heidelberger Texterin interviewt Wirte im Lockdown

Mit Texterin Katrin Fischer machte sich Heilig im Januar auf, Fotos von Gastronomen in Heidelberg zu schießen. Während Heilig fotografierte, führte Fischer Interviews mit den Wirten. „Das war superschön, meine Heimatstadt neu kennenzulernen ‒ auch wenn der Anlass ein ernster ist“, verrät Fischer, die in Heidelberg aufwuchs, ehe sie vor gut 20 Jahren wegzog. Neben dem Joe Molese und dem Oben entstanden Porträts im Goldenen Anker, Nomad, Neo, Fandango, P11, OK Cool, Europäischen Hof und in der Linde. „Außer dem P11 kannte ich keinen der Läden“, gibt Fischer zu. Dazu sei sie einfach schon zu lange weg.

Holger Inhülsen (l.) und Peter Filsinger (r.) im P11 am Römerkreis.

Auffallend war für die Texterin, dass bei vielen Wirten der soziale Aspekt noch stärker zum Kern des eigenen Handelns wurde. „Mario Lehmann vom Anker geht oft in den Laden und macht die Fensterläden auf, um sich mit Nachbarn und Gästen zu unterhalten, die an dem Kultrestaurant in der Unteren Neckarstraße vorbeikommen“, berichtet Fischer. Das würden auch andere Gastwirte so handhaben. Marco Panzini erzählt, er habe beschlossen, das Molese wieder aufzumachen und Speisen zum Mitnehmen anzubieten. Dabei gehe es darum, den Menschen ein Stück „normales Leben zurückzugeben, auch wenn wir damit kein Geld verdienen.“ Und das liege manchmal schon einfach darin, sich einen Burger zu holen.

„Tausende Gastronomen kämpfen ums Überleben“

Wir haben uns sehr geehrt gefühlt, als wir bezüglich des Fotoprojekts angesprochen wurden“, sagt Peter Filsinger, der gemeinsam mit Holger Inhülsen seit 15 Jahren am Römerkreis das P11 betreibt. Denn: „‘Wirte im Lockdown‘ zeigt Einzelschicksale von Wirten in leeren Locations ‒ stellvertretend für tausende Gastronomen, die aktuell ums Überleben kämpfen.“ Alles, um was es in der Gastronomie gehe, sei gerade „tot“, findet Filsinger. „Unser Laden lebt von den Leuten, die zu uns kommen“ ‒ das dokumentiere das Fotoprojekt auf einfache aber prägnante Weise. „Das P11 ohne Gäste ist nicht das P11.“ Sein Laden ist seit 11. Januar wieder geöffnet, bietet unter anderem Mittagstisch zum Mitnehmen an, auch wenn es sich wirtschaftlich nicht rechnet, erzählt Filsinger. „Ich genieße es jedes Mal, wenn ich da bin. Da geht es auch um Kontaktpflege zu unsere Gästen.

Jimmy Kneipp im Fandango in Rohrbach.

Das Fotoprojekt schaffe Gehör für die aktuelle Situation in der Gastronomie, finden auch Marco Panzini und Jimmy Kneipp. Kneipp, der zusammen mit Daniel Adler zu Heidelbergs erstem Nachtbürgermeister-Tandem gewählt wurde, betreibt im Herzen Rohrbachs das „Fandango“, eine Eckkneipe, in der der „Querschnitt der Gesellschaft“ (Fischer) verkehrt. „Heilig transportiert in ihren Aufnahmen den Stillstand in der Gastro“, findet Kneipp. Zudem sei das Projekt gut, da es dabei hilft, die Gastwirte untereinander weiter zu vernetzen. Jetzt, da Restaurants, Bars, Kneipen und Cafés erneut seit vielen Monaten geschlossen sind, werde vielen Menschen die Funktion und der Stellenwert der Gastronomie für die Gesellschaft bewusst, hoffen Kneipp, Panzini und Filsinger.

Porträt-Fotos sollen in Bildband veröffentlicht werden

Und wie geht es mit „Wirte im Lockdown“ weiter? Im Februar stehen Foto-Sessions in Leipzig und Dresden an, sagt Helena Heilig. Mittlerweile sind über 140 Schwarz-Weiß-Porträts entstanden, die in einem Fotoband veröffentlicht werden sollen. Eine Ausstellung für den März 2021 ist in München geplant. Ob die dann wirklich stattfinden kann, hängt auch davon ab, wie sich die Pandemie entwickelt.

Ich fotografiere so lange weiter, bis die Gastro wieder aufmacht.

Helena Heilig

In anderen Städten sind bislang keine Ausstellungen des Fotoprojekts geplant, berichtet die Münchner Fotografin: „Eine Wanderausstellung ist utopisch.“ Wenn aber eine Stadt Interesse hat, die Fotos zu zeigen, könne man aber gern auf sie zukommen. Wie viele Aufnahmen von Gastwirten in ihren leeren Lokalen sie noch machen möchte, wollen wir zum Abschluss wissen: „Ich fotografiere so lange weiter, bis die Gastro wieder aufmacht“, sagt Helena Heilig. (rmx)

Das könnte Dich auch interessieren

Mehr zum Thema

Kommentare