Prozess um getötete Julia B. (†26)

Totschlag: Staatsanwaltschaft fordert hohe Strafe für Johann N.

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Am Gericht halten die Anwälte ihr Plädoyer. (Symbolfoto)

Heidelberg - Im Prozess um die getötete Julia B. werden am Landgericht die Plädoyers gehalten. Die Meinungen zu Tat und Strafmaß gehen weit auseinander. Dafür meldet sich der Angeklagte zu Wort:

Vorletzter Prozesstag gegen Johann N. am Landgericht.

Im Gerichtsverfahren um den gewaltsamen Tod von Julia B. werden am Donnerstag (22. März) die Plädoyers gehalten. 

Wie sich an den vorangegangenen Verhandlungstagen bereits gezeigt hat, gehen die Beurteilungen des Falls weit auseinander: Während Oberstaatsanwältin Kerstin Anderson auf Totschlag plädiert und eine Haftstrafe von elf Jahren und sechs Monaten fordert, sei die Tat des Angeklagten lediglich als Körperverletzung mit Todesfolge zu beurteilen, meinen die Verteidiger von Johann N.. Sie halten vier Jahre und sechs Monate für eine angemessene Haftstrafe.

Erstmals ergreift auch der Angeklagte selbst das Wort, um sich bei den Hinterbliebenen zu entschuldigen!

Anklage: Johann N. hat Julia B. vorsätzlich getötet

Der Angeklagte habe seine Lebensgefährtin vorsätzlich getötet , nachdem er herausgefunden hat, dass Julia B. ihn verlassen wollte“, fasst Oberstaatsanwältin Anderson die Tat von Johann N. zusammen. Da die stark verweste Leiche des Opfers keine eindeutigen Schlüsse mehr zuließ, lief es bei der Beurteilung des Falls allerdings auf einen Indizienprozess hinaus, räumt die Anklägerin ein. 

In ihrem fast einstündigen Plädoyer beleuchtet Anderson noch einmal die zerrüttete Beziehung zwischen dem Angeklagten und seinem Opfer: Julia B. habe die Trennung schon längst geplant, sie habe die Aussicht gehabt, spätestens am 1. September 2017 in einen neue Wohnung in Nußloch zu ziehen. Zudem wollte sich B. mit einem anderen Mann treffen. 

Ein entsprechendes Telefonat seiner Lebensgefährtin mit einer Freundin am Vorabend der Tat habe N. belauscht und daraufhin nachts im Handy von B. spioniert. Als er seine Lebensgefährtin am nächsten Morgen mit den Erkenntnissen konfrontierte, sei es zu einem lauten Streit gekommen. N. sei wütend, eifersüchtig und verletzt gewesen, schließlich habe B. ihm auf Nachfrage immer wieder erklärt, alles sei okay, so Anderson. 

In einem „Ausnahmezustand emotionaler Aufwallung“ habe sich N. vergessen und B., die gerade die Wohnung verlassen wollte, um zur Arbeit zu fahren, getötet, schließt die Oberstaatsanwältin. Wie? Das sei nicht mit Sicherheit zu sagen. Da die Rechtsmedizin aber ausgeschlossen habe, dass B. erschlagen, erstochen oder vergiftet wurde, bliebe nur noch die Unterbrechung der Luftzufuhr“ als Todesursache - Julia B. wurde erwürgt!

Diesen Schluss ließen mehrere Zeugenaussagen zu, die zunächst ein Streitgespräch gefolgt von angsterfüllten Schreien einer Frau („Wie aus einem Horrorfilm“) gehört hatten, und schließlich einen dumpfen Schlag (vermutlich Julias lebloser Körper, der auf den Boden fällt). Der Version des Angeklagten, B. sei nach einem Schlag gegen einen Tisch oder Stuhl gefallen, und daran gestorben, schenkt die Staatsanwaltschaft keinen Glauben. 

Nebenkläger nimmt sich „Geständnis“ vor

Michael Harschneck, der die Mutter und Schwestern von Julia B. während der Verhandlung als Nebenkläger vertritt, beleuchtet in seinem Plädoyer das Statement, dass Johann N. am ersten Prozesstag von seiner Anwältin Inga Berg verlesen ließ. 

Harschneck sieht in der Einlassung des Angeklagten „den offensichtlichen Versuch, den Totschlagsvorwurf zu unterlaufen“: Den gesamten Tathergang habe N. minutiös dargelegt, einzig bei der Tat selbst täten sich „unplausible Erinnerungslücken“ auf. 

Auch die Ermittlungserkenntnisse, dass N. mit der Leiche von B. im Kofferraum nicht „ziellos umhergefahren sei“, wie der Angeklagte angibt, sondern geradlinig zu dem Ablageort bei Zwingenberg, spreche dafür, dass „der Entschluss, Julia umzubringen, nicht erst in der Tatnacht gefallen ist“, schließt Harschneck.

Verteidiger von N. sehen „Unglücksfall“

Inga Berg und Steffen Lindberg, die Anwälte von Johann N., beleuchten in ihren Plädoyers die Gesamtsituation des Paares, die schließlich in „einem Unglücksfall, einer Tragödie“ (Berg) endete. Die Beziehung zu Julia B. sei für ihren Mandanten eine „emotionale Achterbahnfahrt“ gewesen, ein „ständiges Hin und Her“. 

Die Indizien, die die Staatsanwaltschaft vorgelegt habe, seien eher „dünn. Zudem werfen die Verteidiger der Rechtsmedizin vor, die Version von N. partout diskreditieren zu wollen. Dabei spräche die Tatsache, dass nur an einem Arm des Angeklagten ein Bluterguss zu sehen war, gegen die Behauptung der Staatsanwaltschaft, N. habe Julia B. erwürgt - dann hätten sich durch die Gegenwehr des Opfers an beiden Unterarmen Hämatome bilden müssen. Zudem habe der Angeklagte keine Kratzspuren im Gesicht gehabt. 

Die Anwälte listen erneut mehrere medizinische Alternativen auf, wie B. durch einen Schlag gegen den Kopf zu Tode hätte kommen können. Der Fall könne lediglich als Körperverletzung mit Todesfolge zu bewerten sein und müsste entsprechend beurteilt werden.

Bei der Strafzumessung müsse auch das straffreie Vorleben von Johann N. eine Rolle spielen: „Es ist keine Selbstverständlichkeit, dass ein junger Mann vom Emmertsgrund straffrei ist“, argumentiert Lindberg. Zudem habe das Geständnis seines Mandanten das Verfahren vereinfacht.

Er hat Verantwortung übernommen“, führt Lindberg weiter aus, „und es damit sicher auch für die Nebenklage einfacher gemacht.Eine Mutmaßung, die die Mutter des Opfers mit einem energischen Kopfschütteln quittiert. 

Die Anwälte stellen N. als „hilfsbereiten, deeskalierenden und sozial gerechten Menschen“ dar, der sich in seiner Beziehung mit Julia B. immer auf „Offenheit und Ehrlichkeit“ verlassen habe.

N. habe trotz mehrfachen Nachfragens erst durch das belauschte Telefonat zufällig mitbekommen, dass er „in mehrfacher Hinsicht hintergangen“ wurde, so Lindberg. Auch die Eskalation des Streits habe sein Mandant nicht gewollt: „Ich koche doch keinem Menschen, den ich umbringen will, vorher noch einen Kaffee!“, sagt der Anwalt.

Vielmehr hätten Häme und höhnisches Lachen von seiner Lebensgefährtin im Streit zu einem „Augenblicksversagen und damit zu dem wuchtigen Schlag“ geführt, aus dem Julias Tod resultierte. Für den Tod seiner Freundin sei N. verantwortlich, aber für das Entstehen der Situation, die zu ihrem Tod führte, habe auch Julia B. eine Mitverantwortung, schließt Lindberg.

Scharfe Kritik an Verteidigern - Angeklagter mit Schlusswort

In scharfen Worten richtet sich Nebenklagevertreter Harschneck an Lindberg: Es sei eine Unverschämtheit, N. als „Opfer einer Beziehung zu Julia B.“ darzustellen. Auch das vermeintlich „sozial gerechte Verhalten“ des Angeklagten stieß Harschneck sauer auf: „Das Gegenteil ist der Fall! Ihr Mandant ist ein Oberschmarotzer, der sich von seiner Frau hat aushalten lassen! Eine Frau, die Tag und Nacht gearbeitet hat, um ihn und die Kinder durchzubringen!“, echauffiert sich Harschneck. 

Zum ersten Mal äußert sich schließlich auch Johann N. bei Gericht. Er könne sich nur bei allen für sein feiges Handeln entschuldigen, sagt der Angeklagte mit ruhiger Stimme: „Ich will mich auch bei Silke (Julias Mutter, d. Red.) zutiefst entschuldigen. Leider kann ich Julia nicht zurückbringen.

Das Urteil gegen Johann N. wird am Dienstag (27. März) um 13 Uhr verkündet.

Der Prozess im Überblick

Hintergrund

Julia B. wird am 13. August 2017 vermisst gemeldet. Beamte der Kripo finden am 1. September die Leiche der Heidelbergerin in stark verwesten Zustand in der Nähe der A5 bei Zwingenberg.

Großangelegte Suche nach Julia B.

Im Rahmen der Ermittlungen fällt der Verdacht schnell auf den Lebensgefährten der Toten, Johann N.. Seit August 2017 sitzt er in Untersuchungshaft.

rmx/dh

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