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Heidelberg: Paketbomben an Lidl, Capri Sun & Hipp ‒ „Da war die Hölle los“

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Von: Florian Römer

Heidelberg - Wegen Paket- und Briefbomben an Lidl, Hipp und ADM Wild muss sich ein Rentner vor dem Landgericht verantworten. Ein Zeuge berichtet von den Folgen der Explosion:

Das Paket, das ihm zum Verhängnis werden sollte, hatte der Mann erst einmal beiseitegelegt. Es war nur allgemein an die Getränkefirma ADM Wild (Capri Sun) adressiert. Als der Mitarbeiter der Poststelle die restlichen Sendungen sortiert hatte, öffnete er das Päckchen. So groß wie eine Büchersendung. Es explodierte. „Da war die Hölle los“, sagt der 44-Jährige am Mittwoch (8. September) vor dem Landgericht Heidelberg ‒ rund sieben Monate später. Es sei alles schwarz und voller Rauch gewesen. Bis er sich zur Aussage durchringen kann, muss er mehrmals tief einatmen, sich Tränen aus den Augen wischen.

Noch heute ist er gezeichnet von den Folgen der Paketbombe, geht zum Psychologen, bekommt Medikamente. Er berichtet von einer Panikattacke, Rauschen im Ohr, Schwindel, Schlafstörungen. Fotos aus dem Krankenhaus direkt nach dem Vorfall zeigen Wunden an Kopf und Händen, Fotos der Kriminaltechnik das teilweise zerfetzte Paket. Metallteile und Spülschwämme schauen heraus. Das Kartonteil mit dem Adressaufkleber habe man erst Tage später bei einer Nachuntersuchung gefunden, sagt ein Polizeibeamter als Zeuge aus.

StadtHeidelberg
Fläche108,8 km²
Einwohnerzahl161.485 (2020)
OberbürgermeisterProf. Dr. Eckart Würzner (parteilos)

Heidelberg: Mutmaßlicher Bombenbauer bestreitet Tat

Für die Tat verantwortlich sein soll ein 66-jähriger Rentner. Den Vorwürfen zufolge hat er zwei weitere selbstgebaute Pakete an die Lidl-Zentrale in Neckarsulm und an den oberbayerischen Babynahrungshersteller Hipp in Pfaffenhofen an der Ilm adressiert. Drei Menschen wurden bei Lidl verletzt, als der Sprengsatz dort detonierte. Das Paket an Hipp wurde rechtzeitig abgefangen.

Der Angeklagte (M) kommt zu seinem Anwalt Steffen Lindberg (r) in den Gerichtssaal des Landgerichts Heidelberg. Der Angeklagte soll für eine Serie von explosiven Postsendungen verantwortlich sein.
Der mutmaßliche Bombenbauer kommt in den Gerichtssaal. © Uwe Anspach/picture alliance/dpa

Doch beim Prozessauftakt am Landgericht in Heidelberg bestreitet der gelernte Elektriker jeden Zusammenhang mit der explosiven Post. „Ich bin nicht die von Ihnen gesuchte Person“, sagt der Deutsche. Er sei nicht derjenige, der in einem Video aus einer Ulmer Postfiliale zu sehen ist, in der die drei Sendungen aufgegeben worden waren. Zu dem Zeitpunkt sei er zu Hause gewesen. Er habe auch noch nie anderen Menschen Schaden zugefügt, beteuert der Mann, der zwischen seinen Verteidigern noch kleiner wirkt, als er ohnehin ist.

Heidelberg: Bombenbauer-Prozess am Landgericht - Angeklagter schweigt

Während der Wild-Mitarbeiter aussagt, starrt er nur auf den Boden, würdigt den Mann keines Blickes. Die Haare grau, oben lichter, hinten länger. Der Justiz wirft der 66-Jährige vor, ihn mit großem Aufwand „zerstören“ zu wollen. „Ich hoffe auf Gerechtigkeit.“ Darüber hinaus äußert sich der Rentner nur zu seinem Werdegang und betont dabei vor allem sein soziales Engagement ‒ worüber er auch seine Frau kennenlernte. Sie kauften ein Reihenhaus. Fragen werde er keine beantworten, kündigt ein Anwalt an.

Die Staatsanwaltschaft wirft dem Mann das Herbeiführen einer Sprengstoffexplosion, gefährliche Körperverletzung und versuchte
schwere Körperverletzung vor. Er habe in Kauf genommen, dass Menschen schwer verletzt werden, sagt der Oberstaatsanwalt. Dass sie Gliedmaßen, Sehvermögen und Gehör verlieren. Bei dem Mann zu Hause sei Munition gefunden worden, die er nicht besitzen durfte. Die Pakete sollen mit Drohungen weiterer Gewalttaten gegen Mitarbeiter und/oder Kunden versehen gewesen sein. Das alles, um von den Firmen Geld zu erpressen?

Heidelberg: Mutmaßlichem Paketbomber drohen 15 Jahre Haft

Bis zu 15 Jahre Haft drohen dem Rentner. Beim Getränkehersteller Wild in Eppelheim fragte die Polizei am 16. Februar auch nach früheren Drohungen, nach frustrierten und gefeuerten Mitarbeitern, erläutert ein Beamter vor Gericht. Kein Zusammenhang. Einen Tag später kommt die Meldung über den Sprengsatz bei Lidl. Da ahnen sie: Es handelt sich nicht um einen Einzelfall. Über Sendungsnummern gelangen die Ermittler an Fotos von den Paketen aus einem Verteilzentrum, wie einer von ihnen berichtet. Darauf zu sehen als Absender: Namen von Frauen, gut leserlich gedruckt. Doch die Genannten gibt es nicht. Die Adressen hingegen schon. Sie gehören den Angaben nach zu Studentenwohnheimen in Ulm, Augsburg und München.

Dominikus Konheiser (l-r), Richter am Landgericht, Markus Krumme, Vorsitzender Richter am Landgericht, und Sebastian Untersteller, Richter am Landgericht, kommen in den Gerichtssaal des Landgerichts. Der Angeklagte soll für eine Serie von explosiven Postsendungen verantwortlich sein. | Aktuell
Prozess gegen mutmaßlichen Bombenattentäter. © Uwe Anspach/picture alliaance/dpa

Auf diesem Wege finden die Polizisten auch heraus, dass nicht nur die zwei Pakete aufgegeben wurden, sondern auch das dritte an Hipp. „Das war dann das zweite Mal, wo das Adrenalin so richtig hochgegangen ist“, sagt einer der Beamten im Zeugenstand. Dank Verzögerungen beim Postdienstleister hatte es sein Ziel noch nicht erreicht. Es wird im Paketverteilzentrum am Flughafen München abgefangen und entschärft.

Für das aktuelle Verfahren sind elf Fortsetzungstermine bis Mitte November geplant. 47 Zeugen und 3 Sachverständige sind geladen. (dpa/rmx)

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