Sicherheitsaudit

Verkehrssicherheit in Heidelberg: Weniger Unfälle durch weniger Parkplätze? 

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In der Landfriedstraße ist Parken nur noch auf einer Straßenseite erlaubt.

Heidelberg - Seit Frühjahr 2016 widmet sich ein Experte den für Kinder, Schüler und Senioren riskanten Stellen im Stadtverkehr. Wie das Sicherheitsaudit Risikozonen entschärft:

„Sicht, Sicht, Sicht!“

Wenn Jens Leven, der mit seinem Büro ‚bueffee‘ seit Frühjahr 2016 das Sicherheitsaudit in den 15 Heidelberger Stadtteilen durchführt, über das Thema Verkehrssicherheit spricht, fallen oft Sätze wie dieser: „Der ruhende Verkehr ist häufig ein Problem.“ In Kommunen entstehen 80 Prozent der Unfälle aus mangelhaften Sichtbeziehungen, deshalb müssten aus Verkehrssicherheitsaspekten „konsequent Sichtfelder“ hergestellt werden, folgert Leven.   

Spätestens mit dem tragischen Unfall-Tod eines neunjährigen Jungen in der Theaterstraße legt die Stadtverwaltung ein noch höheren Fokus auf das Thema Sicherheit für Kinder, Schüler und Senioren im Straßenverkehr

Maßnahmen für mehr Sicherheit

Seit fast drei Jahren untersucht Leven Stadtteil für Stadtteil potenzielle Gefahrenquellen rund um Kindergärten, Schulen, Spielplätze und Senioreneinrichtungen. „An die 100 Maßnahmen hat die Stadt seitdem schon umgesetzt“, berichtet Leven am Mittwoch (28. November) im Stadtentwicklungs- und Verkehrsausschuss.

Neun Stadtteile (Altstadt, Weststadt, Bergheim, Neuenheim, Handschuhsheim, Pfaffengrund, Rohrbach, Kirchheim, Wieblingen) hat das Team inzwischen abgearbeitet, allein rund um Schulen sind durch Eltern und Onlinebefragungen über 3.000 Hinweise zu potenziellen Gefahrenstellen eingegangen. Aus Hinweisen, Ortsbegehung und Audit ergibt sich eine Vielzahl an Maßnahmen, die kurz-, mittel- und langfristig umgesetzt werden können, erklärt Leven. 

Über 1.700 solcher Maßnahmen hat ‚bueffee‘ bislang aufgelistet, viele betreffen die Verbesserung von Fußwegen (412), Beschilderungen (301) oder Sichtbeziehungen (185). 70 Prozent der Maßnahmen seien allerdings mit geringen Mitteln und kurzfristig umsetzbar.

Oft könne man schon mit vergleichsweise wenig Aufwand brenzlige Situationen entschärfen, etwa durch das Rückschneiden von Hecken und Bäumen, um Sichtbeziehungen zu ermöglichen oder Verkehrsschilder überhaupt wieder sichtbar zu machen. Oder durch Aufstellen von Pollern am Straßenrand, um das regelwidrige Parken an Kreuzungen zu verhindern. Auch eine provisorische Verkehrsinsel, wo Querungswege zu lang sind, hilft Unfälle zu vermeiden, so Leven, schließlich brauchen Kinder bei komplexen Straßensituationen eine lange Orientierungsphase.

Sichtbeziehungen werden immer öfter auch „baulich gesichert“ - wie hier an der Ecke Mönchhof-/Werderstraße in Neuenheim.

Verkehrsplanung abseits von Paragraphen

Früher hat man stark auf die Straßenverkehrsordnung und das Regelwerk geachtet. Dabei ist es wichtig, bei der Verkehrsplanung die Kompetenzorientierung einzubeziehen. Da ist Heidelberg schon fast vorbildlich, dennoch gibt es noch viel zu tun!“, stellt Leven fest.

Leven und sein Büro aktualisieren derzeit den digitalen Kinderwegeplan, mit dessen Hilfe Verkehrsplaner den Schulweg zukünftig noch sicherer machen wollen. Eine (teilweise unbeliebte) Maßnahme hat die Stadt bereits zur Jahresmitte umgesetzt: Die Neuordnung des Parkens in der Landfriedstraße, in der seither nur noch auf der Südseite geparkt werden darf. „Ein mutiger Schritt, der bundesweit wahrgenommen wird“, stellt Leven fest. Wo möglich sei es sinnvoll, „im Sinne der Verkehrssicherheit den einen oder anderen Parkplatz zu opfern.

Auch der Gemeindevollzugsdienst (GVD) könne in Sachen Verkehrssicherheit auch bei der Verkehrsplanung eine wichtige Rolle spielen, findet Leven. Schließlich sind die GVD-Mitarbeiter täglich auf den Straßen unterwegs. Ihre Einblicke könnten in die Planung einfließen, deshalb habe man mit den 25 GVD-Mitarbeitern einen Workshop gemacht und sie ermutigt, Vorschläge an die Ämter zu machen, erzählt Leven.

Grundschüler gehen noch zu Fuß - Elterntaxi (eher) verpönt 

Eine interessante Zahl weist der „Modal Split“ auf, eine Statistik mit der die Verteilung auf verschiedene Verkehrsmittel dargestellt wird: Nur rund 20 Prozent der Heidelberger Grundschüler kommen bei schlechtem Wetter mit dem ‚Elterntaxi‘ zur Schule, über die Hälfte (56,7 %) geht selbst im Winter zu Fuß. Bundesweit liegt der Elterntaxi-Schnitt bei 33 Prozent. Weitaus ‚schlechter‘ schneiden Grundschüler an Heidelberger Privatschulen ab: Hier werden immerhin 67 Prozent (Sommer: 63 Prozent) der Kinder von Mama oder Papa zur Schule gefahren.   

Zudem ist der Radfahreranteil der Schüler in Heidelberg „extrem hoch“, analysiert Leven. Immerhin fast 30 Prozent der Schüler an weiterführenden Schulen nutzen im Sommer das Rad, beinahe 20 Prozent im Winter. Um die 50 Prozent nutzen für den Schulweg den öffentlichen Nahverkehr, nur rund 10 Prozent das Auto.  

rmx

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