Wettstreit der Worte

U20 Poetry Slam: „Ich bin Misanthrop. Das inspiriert mich“

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Die Heidelberger Raphael Skuza (l.), Naomi Scholl und Clemens Rother nehmen am U20 Poetry Slam im Kulturfenster teil.

Heidelberg-Bergheim – Die Jugend von heute ist oberflächlich, ungebildet und will nur Spaß? Ganz und gar nicht! Das beweisen neun junge Poeten beim U20-Poetry Slam im Kulturfenster.

Wer wissen will, was die Jugend bewegt, der sollte beim WORD UP! U20 Poetry Slam vorbeischauen. Dieser findet regelmäßig im Kulturfenster Heidelberg statt.

U20 Poetry Slam: Das sind die neun jungen Poeten

Da geht es um verlorene Liebe, Vergänglichkeit, Gesellschaftskritik, Hoffnungslosigkeit und Zeiten, in der man noch unbeschwert sein konnte. Und es wird noch düsterer: Auch von Selbstmord ist in einem Text die Rede. 

Doch nicht alles ist bierernst: Marcel Döring aus Viernheim begeistert das Publikum mit seinem Text über den „Krieg der kleinen Männchen" und entwickelt anhand eines „Transformers"-Filmzitats („Du hast nie recht, gewöhn dich dran!") eine erheiternde Momentaufnahme des Lebens. 

Moderiert wird der Abend von Kathrin Rabus und Frank Habrik. Beide stellen fest, dass beim U20-Poetry Slam die Themen tendenziell ernster sind als bei Slams mit älteren Poeten. „Das liegt wahrscheinlich zum einen an der Lebensphase, in der sich die Teilnehmer befinden", meint Frank Habrik. „Zum anderen erfordert es noch mehr schriftstellerische Erfahrung und Übung, um lustige Texte zu schreiben.“ 

Seit 2009 gibt es den Poetry Slam für unter 20-Jährige. Für viele junge Poeten ist er ein Sprungbrett in die Slam-Karriere.

Am Ende des Abends gewinnt Lisa Back aus Untergruppenbach – das Publikum entscheidet lautstark mit Klatschen und Jubeln. Mit ihren Texten über Vergänglichkeit, eine Zeit ohne Sorgen und Homer Simpson gewinnt sie die Herzen des Publikums – und einen Schokoladen-Pokal. 

Auch drei Teilnehmer aus Heidelberg sind beim Slam mit dabei. 

Der 20-jährige Raphael Skuza versetzt das Publikum mit einem Text über Liebe, Partnersuche und Oberflächlichkeiten in nachdenkliche Stimmung.

Clemens Rother (19) setzt auf der Bühne erstmal seine Sonnenbrille auf, begeistert mit einer exzentrischen Performance und trägt teilweise auf Englisch vor. Als er dann zu seiner eigenen Überraschung eine Runde weiterkommt, improvisiert er spontan. 

Die pinkhaarige Naomi Scholl (16) liest einen rätselhaft-poetischen Text über eine Person, die zwischen zwei Welten wandelt.

HEIDELBERG24 hat die drei jungen Poeten nach der Show getroffen.

Hattet Ihr großes Lampenfieber vor eurem Auftritt?

Naomi: Ich hatte schon großes Lampenfieber. Denn es war für mich der erste Poetry Slam.

Clemens: Ich war überhaupt nicht aufgeregt. Ich habe eine Sozialphobie, für mich ist jedes Rausgehen anstrengend. Das heißt, ich bin auf der Bühne nicht mehr aufgeregt als sonst.   

Raphael: Ich war schon bisschen aufgeregt, ich hatte aber kein krasses Lampenfieber. Ich hatte mit Voträgen nie ein großes Problem. Deshalb hat es sich in Grenzen gehalten.

Was inspiriert euch beim Schreiben?

Raphael:  Ich denke gern über das nach, was ich sehe. Auch über das, was ich in mir selbst finde und auch, was ich von anderen höre. Das versuche ich dann in meinen Gedichten abzubilden. Mir ist es auch wichtig, eine Message zu hinterlassen. 

Clemens: Ich höre viel Musik und ich versuche einfach, die Dinge, die ich dabei empfinde, aufzuschreiben.

Naomi: Ich bin Misanthrop. Das inspiriert mich.

Wann habt ihr begonnen zu schreiben?

Naomi: Ich habe erst vor wenigen Monaten begonnen zu schreiben.

Clemens: Ich habe mit 13 oder 14 begonnen zu schreiben.

Raphael: Bei mir hat es zwischen 12 und 13 Jahren angefangen.

Was bedeutet euch das Schreiben?

Clemens: Es ist einfach meine Art mich auszudrücken. Am Anfang habe ich mit meinen alten Nokia-Handy immer sehr lange Nachrichten geschrieben und an Leute verschickt und irgendwann meinten andere zu mir, dass das Poesie sei. Aber damit war ich am Anfang gar nicht einverstanden, aber so hat es sich dann entwickelt.

Raphael: Für mich bedeuten Gedichte und das Schreiben, dass ich viel darin verarbeiten kann, auch Dinge, die für mich und andere negativ sind. Viele meiner Freunde kommen mittlerweile zu mir und fragen mich um Rat: Was würdest du tun? Mir ist es auch wichtig, meinen Lesern eine Nachricht mit auf den Weg zu geben, auch wenn sie noch so klein sein mag.

Habt ihr literarische Vorbilder?

Clemens: Wenn es mir darum gehen würde, cool zu sein, würde ich sagen: Hemingway. (Schweigt) Aber wenn ich so darüber nachdenke, sind es wohl eher Songwriter, die mich inspirieren.

Naomi: Ich liebe das Buch „Der Alchimist“. 

Raphael: Für mich gibt es ein Buch, das mich sehr inspiriert hat, lyrisch und poetisch: Shakespeares „The tempest“. Es ist ein unfassbar komplexes Buch. Shakespeare hat hier so viele literarische Formen entwickelt. Es war teilweise so komplex, dass man nicht wusste, wie man es im Theater aufführen sollte und dann hat man es gelassen. Als ich das Buch gelesen habe, habe ich stark gespürt, was der Autor mir mit dem Buch sagen wollte – das war für mich eine Art Inspiration.

Wieviel Zeit verbringt ihr jeden Tag mit Schreiben?

Naomi Scholl: Mehrere Stunden pro Tag.

Skuza: Es schwankt. Durchs Studium fehlt mir manchmal die Zeit, aber ich versuche, mich am Wochenende einige Stunden hinzusetzen. Wenn ich schreibe, dann brauche ich eine kreative Phase, in der ich spüre, jetzt kannst du was Gutes schreiben. Sonst schreibe ich etwas, das nur aus halben Herzen kommt. Das möchte ich nicht. Dann kommt auch die Message nicht rüber.

Wollt ihr wieder an einem Slam teilnehmen?

Clemens: Ja, definitiv. Das nächste Mal bereite ich vielleicht drei Texte vor. (lacht) 

Naomi: Ja, auf jeden Fall. Ich möchte nochmal mit einer Freundin teilnehmen. 

Raphael: Ich möchte auch auf jeden Fall nochmal teilnehmen.

Poetry Slam in Heidelberg: 

>>> Poetry Slam im DAI: Angriff auf Herz und Hirn

>>> „Whatthefuckshallwedo“

jab

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