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Um Studis in Notlage kümmern sich jetzt „Referenten gegen Einsamkeit“

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Von: Florian Römer

Carola Kasimir und Raphael Wankelmuth sind als Referenten gegen Einsamkeit für ihre Kommilitonen an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg da.
Carola Kasimir und Raphael Wankelmuth sind als Referenten gegen Einsamkeit für ihre Kommilitonen da. © Studierendenwerk Heidelberg

Heidelberg - Vereinsamung und soziale Isolation treffen auch Studenten hart. Jetzt gibt es ein „Referat gegen Einsamkeit“, an das sich Studierende in Notlagen wenden können:  

Um die Ausbreitung des Coronavirus zu verhindern, sind in Baden-Württemberg Universitäten und Hochschulen seit geraumer Zeit geschlossen. Studierende trifft der zweite Shutdown besonders hart: eigentlich „normale“ soziale Kontakte während des Studiums fallen komplett weg. An Interaktionen mit Kommilitonen in Vorlesungen, Seminaren oder Bibliotheken, gemeinsame Essen in der Mensa oder persönliche Treffen in der Freizeit ist in Corona-Zeiten kaum zu denken. Lehrveranstaltungen finden fast ausschließlich digital statt, ebenso verhält es sich mit dem Sozialleben vieler Studierender.

NameStudierendenwerk Heidelberg
SitzMarstallhof 1, Heidelberg
GeschäftsführungTanja Modrow
Mitarbeiterca. 500

Uni Heidelberg richtet „Referat gegen Einsamkeit“ ein

Was bis vor Ausbruch der Pandemie die „aufregendste Zeit“ des Lebens war, hat sich jetzt grundlegend geändert. Die Lebenswelt der meisten jungen Menschen ist mittlerweile reduziert auf wenige Quadratmeter eines Zimmers in einer WG oder einem Wohnheim. Die Folge: soziale Isolation. Um den negativen Auswirkungen der Vereinsamung entgegenzuwirken hat das Studierendenwerk Heidelberg jetzt das „Referat gegen Einsamkeit“ eingerichtet. Das Studierendenwerk betreut und fördert rund 49.000 Studierende an der Ruprecht-Karls-Uni Heidelberg, der Pädagogischen Hochschule, der Hochschule für Jüdische Studien, der Hochschule für Kirchenmusik, der Hochschule für Rechtspflege Schwetzingen, der Hochschule Heilbronn, der Dualen Hochschule Mosbach, der Dualen Hochschule Heilbronn und der Dualen Hochschule Center for Advanced Studies (DHBW CAS). Es betreibt u.a. mehrere Mensen und Cafeterien, fast 70 Wohnheime, Kindertagesstätten, ein Infocenter oder eine Psychosoziale Beratungsstelle.

Carola Kasimir und Raphael Wankelmuth sind als Referenten gegen Einsamkeit für ihre Kommilitonen an der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg da.
Carola Kasimir und Raphael Wankelmuth sind als Referenten gegen Einsamkeit für ihre Kommilitonen da. © Studierendenwerk Heidelberg

Seit 8. Februar sind Carola Kasimir (27) und Raphael Wankelmuth Anlaufstelle für alle Studierenden, die sich in Corona-Zeiten einsam, unglücklich oder mit der Gesamtsituation überfordert fühlen. Von Montag bis Freitag (15-18 Uhr) können sich primär Wohnheimbewohner, aber auch alle anderen Studenten telefonisch an die Referenten wenden. In Notfällen sind Kasimir und Wankelmuth auch am Wochenende erreichbar. In Ausnahmefällen sind auch persönliche Gespräche möglich.

Referenten gegen Einsamkeit bringen Beratungs-Erfahrung mit

Bislang kam das Gros der Anfragen per E-Mail, berichtet Dr. Nora Gottbrath vom Studierendenwerk im Videocall mit HEIDELBERG24: „Da scheint wohl für den allerersten Schritt die Hemmschwelle noch ein wenig niedriger zu sein.“ Das „Referat gegen Einsamkeit“ sei ein „superneues Angebot“, ergänzt Sozialwissenschaftler Wankelmuth, der gerade eine Weiterbildung zum systemischen Therapeuten absolviert. Der 22-Jährige hofft, dass „die Leute es mitkriegen und sich irgendwann erinnern, dass es uns gibt: ‚‚Ah, da war ja das Plakat. Carola und Raphael. Da ruf ich jetzt an.‘“ Carola Kasimir studiert Germanistik und arbeitet als Coach.

Ein Plakat des „Referats gegen Einsamkeit“ vom Studierendenwerk der Ruprecht-Karls-Universität Heidelberg.
Plakat des „Referats gegen Einsamkeit“. © Studierendenwerk Heidelberg

Dass beide Referenten bereits Beratungserfahrung haben, war ein „ausschlaggebender Faktor“ bei der Stellenvergabe, erläutert Dr. Gottbrath. Man habe gezielt „Leute gesucht, die mit den Studis auf Augenhöhe sind“. Mit Kasimir und Wankelmuth habe das Studierendenwerk das „Referat gegen Einsamkeit“ mit „zwei Persönlichkeiten“ besetzt, „die per se schon ein starkes Feingefühl und eine hohe Sensibilität mitbringen“, weiß Dr. Gottbrath. Aktuell belegen beide Referenten ZI (Zentralinstitut für Seelische Gesundheit) einen „Mental Health First Aid“-Kurs, ergänzt Carola Kasimir. „So sind wir möglichst gut ausgestattet, Ersthilfe zu leisten.

Einschränkung der Sozialkontakte als Hauptbelastung in der Corona-Krise

Im erneuten Shutdown sind für Studierende „sehr eingeschränkte soziale Kontakte die Hauptbelastung“, sagt Raphael Wankelmuth. Besonders für Erst- und Zweitsemester sei der Unterschied zu Vor-Corona-Zeitenkrass“. Immerhin sind die ersten Studienmonate eine „Aufbruchsphase“: das erste Mal weg von Zuhause, neue Leute kennenlernen, selber Wäsche waschen, vielleicht sogar die erste große Liebe. Auch in den Wohnheimen sei die Situation eine andere: in manchen gab es Bars in Kellern, andere veranstalteten gemeinsame Spieleabende. „Das alles gibt es jetzt nicht“, resümiert Wankelmuth.

Viele „Erstis“ seien erst gar nicht nach Heidelberg gezogen, verfolgen Vorlesungen jetzt im Stream auf Youtube, weiß Wankelmuth: „Die versuchen vielleicht, ihre ‚Ersti-Phase‘ im dritten Semester nachzuholen.“ Mit Ausnahme der Online-Kurse und -Veranstaltungen „sind durch diese Pandemiesituation die ganzen Strukturen weggebrochen“, so Carola Kasimir. Zwar sei man als Student für die Organisation und Strukturierung des eigene Lebens selbst zuständig, dennoch fehlten die „kleinen Dinge ganz doll: Das macht natürlich auch einsam, wenn man sich die ganze Zeit allein organisieren muss, aber nicht mal Freunde zum Mittagessen in der Mensa treffen kann.

Referat gegen Einsamkeit

+49 (0)172/36 82 696 (Carola Kasimir)

+49 (0)172/370 20 59 (Raphael Wankelmuth)

Sprachen: Deutsch, Englisch

Sprechzeiten: Mo-Fr: 15-18 Uhr, in Notfällen auch am Wochenende (15-18 Uhr)

Außerhalb der Sprechzeiten: E-Mail an rge@stw.uni-heidelberg.de oder Discord („Referat gegen Einsamkeit“)

Nebenjobs in der Gastro weggebrochen ‒ Sorgen um finanzielle Situation

Neben Freundschaften, Unisport oder ehrenamtliche Tätigkeiten, die aktuell eingeschränkt sind, dürfe man einen für viele Studierende sehr wichtigen Aspekt nicht vergessen, betont Raphael Wankelmuth: „Nebenjobs, die es jetzt nicht mehr gibt.“ Ein klassischer Studentenjob ist das Kellnern in der Gastronomie ‒ Cafés, Bars und Restaurants sind auch in Heidelberg weiter geschlossen, viele Wirte mussten ihre Minijobber entlassen. „Für viele sind Geld und finanzielle Notlage immer noch eher schambehaftete Themen“, sagt Sozialwissenschaftler Wankelmuth. Das „Referat gegen Einsamkeit“ könne beispielsweise auf Hilfsangebote seitens des Studierendenwerks hinweisen. Vielen sei etwa gar nicht bekannt, dass das Bafög-Amt die vergangenen beiden Semester als „Corona-Semester“ angesetzt hat ‒ man werde also weiter finanziert, auch wenn man die Regelzeit überschritten hat.

Darüber hinaus haben die Referenten gegen Einsamkeit „jede Menge weitere Adressen an die Hand bekommen, an die wir verweisen können, wenn wir direkt mal keine Hilfestellung geben können“, ergänzt Carola Kasimir ‒ etwa zur Finanzhilfe des Studierendenwerks, zur Rechts- und Sozialberatung oder zu psycho-sozialen Beratungsstelle. Das „Referat gegen Einsamkeit“ versteht Wankelmuth deshalb auch nicht als Konkurrenz sondern als Ergänzung zu bestehenden Angeboten für Studierende.

Was sich die Referenten gegen Einsamkeit für die Zukunft wünschen

Und was wünschen sich die Referenten gegen Einsamkeit für die nahe Zukunft? Wankelmuths größter Wunsch ist, dass sein Referat möglichst bald „überflüssig ist, weil schnell wieder alles normal ist.“ Mit Schnelltests und einer breiteren Impfkampagne könne man hoffentlich wieder zu einem normaleren Sozialleben zurückkehren, so der 22-Jährige.

Carola Kasimir glaubt, „dass uns diese Pandemie ganz viel über Menschlichkeit lehrt und über die Dinge, die gerade wirklich wichtig sind.“ Eine Lehre sei, dass es Dinge gibt, die man nicht kontrollieren kann. Deshalb ist es für Kasimir wichtig, Dinge kontrollieren zu lernen, die kontrollierbar sind. Etwa eigene Gefühle zu verarbeiten oder über sie zu sprechen: „Nur wenn ich für mich selbst da bin, kann ich auch für andere da sein.“ (rmx)

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