Prozess erhellt Hintergründe

Wer ist Amokfahrer Mathias K.? 

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Mathias K. lehnt bislang Medikamente und Therapieangebote ab.

Heidelberg - „Tat eines psychisch schwer kranken Mannes“ – Richter Edgar Gramlich zeichnet in seiner Urteilsbegründung ein genaueres Bild der Amokfahrt vom Bismarckplatz.

Es ist der Albtraum unserer Zeit: Ein Fahrzeug wird in eine Menschenmenge gesteuert. Eine Situation, vor der man sich kaum schützen kann. Schnell dachte man auch an einen terroristischen Akt. Aber es war die Tat eines psychisch schwer kranken Mannes.“ 

Mit diesen deutlichen Worten beginnt Edgar Gramlich, Vorsitzender Richter am Heidelberger Landgericht, am Freitag (25. August) die Urteilsbegründung, genau sechs Monate nach der Amokfahrt vom Bismarckplatz: „Ein Vorfall, der Heidelberg sprichwörtlich ins Herz getroffen hat“, so Gramlich.

In seinem Urteil hat das Gericht angeordnet, die Unterbringung von Mathias K. im PZN in Wiesloch aufrecht zu erhalten. Die Richter werteten die Taten des 36-Jährigen zwar als Mord, versuchten Mord in zwei Fällen und versuchten Totschlag. Aufgrund einer schweren psychischen Erkrankung sei K. allerdings schuldunfähig (§ 20 StGB).

Gramlich zeichnet anschließend ein Bild eines Mannes, dessen Lebensweg bis 2016 unauffällig verläuft: Schule, Zivildienst, Ausbildung, erfolgreich abgeschlossenes Studium an der Uni Heidelberg (Master mit 1,3). Das berufliche Ziel ist klar – K. strebt eine wissenschaftliche Laufbahn und die Promotion an. 

Trotz des guten Abschlusses führt der Weg aber zunächst in eine etwa einjährige Arbeitslosigkeit. Das Selbstbild bekommt erste Risse, beschreibt der Vorsitzende Richter. Der 36-Jährige bekommt dann eine Hiwi-Stelle am Institut. 

Verfolgungserleben mündet in Amokfahrt

Aber ab 2016 bilden sich auch Vorstufen einer paranoiden Schizophrenie heraus. K. fühlt sich im Kollegenkreis gemobbt, immer stärker wird das Gefühl, verfolgt zu werden. Nach einem Suizidversuch kommt er in eine Klinik, aus der K. mehrfach flüchtet. Er fühlt sich inzwischen auch von Ärzten bedroht.

Um den Jahreswechsel 2016/17 wird das „Verfolgungserleben“ für K. immer intensiver, schildert Gramlich. Der Beschuldigte legt sich mehrere Messer und andere Werkzeuge zu, um sich „gegen vermeintliche Verfolger zu wappnen“, so der Vorsitzende Richter. In seiner Wohnung schiebt K. regelmäßig einen Schrank vor die Eingangstür, um möglichen Angreifern das Eindringen zu erschweren. 

Am 24. Februar, einen Tag vor der Amokfahrt, setzt sich K. in einen gemieteten Opel Astra und fährt in die Schweiz. Sein Verfolgungsempfinden ist derart gesteigert, dass er in der russischen Botschaft Schutz sucht. Sein Anliegen wird abgelehnt.

Attentat auf Polizeirevier-Mitte geplant

Am Folgetag steuert K. den Mietwagen nach Stuttgart – auch hier gibt es für ihn kein Entrinnen aus der gefühlten Verfolgungssituation. Am späten Nachmittag kehrt K. nach Heidelberg zurück. Inzwischen hat er den Entschluss gefasst, ein Attentat auf das Polizeirevier-Mitte zu verüben. Dann kommt er doch von seinem Plan ab.

Am Ende der Bergheimer Straße, gegenüber des Bismarckplatzes, biegt er nicht nach rechts in die Rohrbacher Straße ab. Stattdessen fasst er den spontanen Entschluss, seinen Wagen geradeaus in die Menschenmenge vor dem Kaufhof zu steuern. Zur Tatzeit befinden sich rund 20 bis 30 Personen in dem Areal zwischen Blumenladen, Bäckerei und Aufzug, rekapituliert Gramlich.

Mit 20-25 Stundenkilometern trifft K. mit seinem Astra den Rentner Albert F. (†73) von hinten. F. wird zunächst auf dei Motorhaube und gegen die Windschutzscheibe des Fahrzeugs, dann gegen einen Betonpfosten des Kaufhauses geschleudert. Er stirbt kurze Zeit später an seinen schweren Verletzungen. Zwei weitere Personen werden glücklicherweise „nur“ leicht verletzt – wohl auch, weil das Auto gegen eine Steinsäule prallt und zum Stehen kommt.

Dramatische Szenen vor Hotel Bergheim 41

K. bleibt wenige Sekunden sitzen, greift sich dann ein langes Messer (Klingenlänge 15 Zentimeter) aus einer Tasche auf dem Beifahrersitz und steigt aus. Er hält das Messer vor sich, unternimmt aber keinen Angriffsversuch auf die Umstehenden. 

K. geht in die Bergheimer Straße, erneut scheint der Anschlagsversuch auf das Polizeirevier eine Rolle zu spielen. Mehrere Zeugen des Geschehens vom Bismarckplatz folgen K. in gebotenem Abstand, halten kurz darauf eine Polizeistreife an und machen die Polizisten auf K. aufmerksam. K. hat das Messer inzwischen in der Kleidung versteckt.

Die Beamten stellen den Angeklagten vor dem Hotel Bergheim 41. Daraufhin zückt K. das Messer, stellt sich mit ausgebreiteten Armen auf, das Messer in der rechten Hand. Auf die Forderung der Polizisten, das Messer wegzulegen, reagiert K. nicht.

Ein Polizist warnt die Gäste im Café des Hotels vor der Gefahrensituation, bedeutet ihnen, sie sollen sich in Sicherheit bringen. Weitere Polizisten kommen hinzu.

Mann nach Amokfahrt niedergeschossen!

K. will das Messer nicht fallen lassen, einen „suicide by cop“ habe er aber auch nicht provozieren wollen, führt Gramlich weiter aus. K. zeichnet sich mit dem Finger ein Kreuz auf die Stirn – wie sich in der Verhandlung herausstellt, will er den Polizisten damit zu verstehen geben, dass er kein islamistischer Terrorist ist, sondern Christ.

Drei Versuche der Polizisten, K. mit Pfefferspray kampfunfähig zu machen, scheitern. Sie treffen K. nicht richtig oder gar nicht. Als K. die linke Hand vor dem Gesicht und mit dem Messer auf Brusthöhe auf einen der Polizisten zustürmt, „springt dieser zwei, drei Meter zurück und gibt dabei einen Schuss in Richtung des Bauchbereichs des Beschuldigten ab“, schildert Richter Gramlich die dramatische Situation. 

K. wollte den Polizisten mit dem Messer verletzen, gegebenenfalls töten“, erklärt Gramlich. Das Gericht habe keinen Zweifel daran, dass der Polizist in Notwehr geschossen habe. K. bricht zusammen, erleidet einen Bauchdurchschuss. 

Angeklagter ohne Einsicht in psychische Erkrankung

Richter Gramlich schildert auch die abweichenden Sichtweisen, die K. in der Verhandlung geäußert hat: Geht es nach dem Angeklagten, ist dieser nicht von der Bergheimer Straße in Richtung Bismarckplatz gekommen, sondern über die Theodor-Heuss-Brücke und die Bismarckstraße. Das Fahrzeug habe dann selbständig nach links gelenkt und beschleunigt. Zudem sei K. nicht gegen den Betonpfosten gekracht, sondern habe das Auto in das Geländer beim Aufzug gesteuert.

Den Anschlag auf die Polizei habe er deshalb geplant, weil diese zu einem Netzwerk von Verfolgern gehöre, das es sich zum Ziel gesetzt habe, K. in die Psychiatrie zu bringen. 

Bislang habe K. noch keinen Zugang dazu gefunden, dass er psychisch krank sei, resümiert der Vorsitzende Richter: „Das lässt sich mit seinem Selbstbild nicht vereinbaren“, so Gramlich. In der Verhandlungsoll der Angeklagte auch geäußert haben, „lieber lebenslang ins Gefängnis zu gehen, als in die Psychiatrie.“

Sowohl die behandelnde Ärztin im PZN, als auch der Gerichtssachverständige Dr. Pleines haben bei K. eine paranoide Schizophrenie diagnostiziert, die das Handeln des Angeklagten auch jetzt noch bestimme, erklärt Gramlich. Die Einnahme von Medikamenten und begleitende Therapieangebote lehne K. bislang ab, ergänzte der Richter.

Da von K. weiterhin eine Gefährdung für die Allgemeinheit ausgehe, gebe es keine Alternative zur „einstweiligen Unterbringung“ im PZN, schließt Gramlich in der Urteilsbegründung.

OB Würzner und Bürger trauern um Opfer

>>> Alles zur Amokfahrt am Bismarckplatz findest Du auf unserer Themenseite. <<<

rmx

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