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Heidelberg: Kultur-Schock wegen Corona – „Heidelberger Frühling“ abgesagt

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Von: Peter Kiefer

Auch Star-Pianist Igor Levit (33) hätte beim 25. „Heidelberger Frühling“ auftreten sollen.
Auch Star-Pianist Igor Levit (33) hätte beim 25. „Heidelberger Frühling“ auftreten sollen. © Sony Classical: Felix Broede

Heidelberg - Riesen-Enttäuschung für alle Kultur-Freunde: Auch der 25. „Heidelberger Frühling“ (20. März bis 18. April) fällt der Corona-Pandemie zum Opfer.

Ausgerechnet der 25. Jubiläumsjahrgang des „Heidelberger Frühling“ unter dem Motto „FESTspiel“ von 20. März bis 18. April 2021 ist aufgrund unklarer Öffnungsperspektiven und fehlender Planungssicherheit abgesagt. Dies hat Festivalintendant Thorsten Schmidt gemeinsam mit der Heidelberger Stadtspitze heute entschieden. Mit den vier Hauptpartnern des Festivals – Baustoffhersteller HeidelbergCement AG (Gründungspartner), Finanzdienstleister MLP SE, dem pharmazeutischen Unternehmen Octapharma AG und Softwarekonzern SAP SE – ist die Festivalleitung in Gesprächen darüber, wie man gemeinsam mit der Situation umgehen wird.

Den Jubiläumsjahrgang eines Festivals abzusagen, das man vom ersten Jahr an mit aufgebaut hat, fällt schwer. Doch ohne eine verlässliche Perspektive auf realistische Öffnungsszenarien ist es für uns zwei Wochen vor Festivalbeginn aus organisatorischer, künstlerischer und betriebswirtschaftlicher Sicht unmöglich geworden, die 92 geplanten Veranstaltungen mit über 475 KünstlerInnen aus aller Welt umzusetzen. Die am 03. März 2021 in der Ministerpräsidentenkonferenz gefällten Beschlüsse sind in Bezug auf die kurz- und mittelfristige Umsetzbarkeit mit so vielen Unwägbarkeiten behaftet, dass uns keine andere Möglichkeit bleibt“, macht Festivalintendant Thorsten Schmidt deutlich.

Wegen Corona – „Heidelberger Frühling“ abgesagt

Auch Heidelbergs Oberbürgermeister Dr. Eckart Würzner (59, parteilos) zeigt sich enttäuscht: „Es ist bitter, dass Bund und Länder der Kultur immer noch keine verlässliche Perspektive bieten. Es reicht längst nicht mehr, nur Dinge zu verbieten. Gerade Kulturveranstaltungen könnte man mit engmaschigen Hygienekonzepten absichern – zum Beispiel in der Kombination aus Besucherregistrierung und freiwilliger Kontaktverfolgung per App. Wir stehen in Heidelberg für entsprechende Ansätze bis hin zu Modellprojekten sofort bereit, wenn Bund und Land uns den Spielraum dafür geben.

Thorsten Schmidt bekräftigt: „Es gibt immer noch keinerlei verlässliche Vorschläge und differenzierte Lösungen für die Öffnung von kulturellen Veranstaltungen seitens der überregionalen Politik, die eine solide Perspektive bieten. Stattdessen wird mit ständig wechselnden und damit willkürlichen Grenzwerten operiert. Teststrategien oder die Arbeit mit Registrierungs-Apps wurden bislang außer Acht gelassen. Ich frage mich, warum sie erst jetzt mit einbezogen werden. Es ist für alle KünstlerInnen und VeranstalterInnen eine niederschmetternde Erfahrung, stets als verzichtbar ans Ende von Öffnungsszenarien gesetzt zu werden. Man könnte meinen, Kultur sei gesundheitsgefährdend. Ich begrüße alle sinnvoll eingesetzten Maßnahmen zur Bekämpfung der Pandemie ausdrücklich. Bei der Formulierung von Öffnungsszenarien allerdings Studien zur Gefährdungssituation in Theatern und Konzerthäusern zu ignorieren, demaskiert Äußerungen auf der politischen Bühne zur Bedeutung von Kunst und Kultur für die Gesellschaft als reine Lippenbekenntnisse.

Wir haben nach der Absage des Heidelberger Frühling 2020 nun fast zwölf Monate hart darum gekämpft, unter schwersten Voraussetzungen ein Festival auf die Beine zu stellen, das unter pandemischen Bedingungen künstlerisch überzeugt und betriebswirtschaftlich solide durchgeführt werden kann. Für eine Institution, die 73 % ihrer Budgets über Ticketverkäufe und Sponsoring decken muss, stellt das eine besondere Herausforderung dar. Die Planungsunsicherheiten und die Unmöglichkeit, zu spielen und Einnahmen zu erwirtschaften, sind eine existenzielle Bedrohung. Denn als kommunale Institution fällt der ‚Heidelberger Frühling‘ bislang durch das Raster aller Hilfsprogramme des Bundes. Hier sind 25 Jahre Aufbauarbeit gefährdet. Wir haben eine Verantwortung gegenüber unseren KünstlerInnen, unserem Publikum, aber natürlich auch gegenüber den Mäzenen und Sponsoren. Zu dieser Verantwortung gehört es auch, einen ‚Point of no Return‘ festzulegen, der nun leider erreicht ist, da eine konkrete Festlegung für den Konzertbereich erst in der nächsten Ministerpräsidentenkonferenz am 22. März erfolgt. Ich bin tief dankbar für die große Solidarität und Partnerschaft, die uns in dieser schwierigen Phase durch unsere Gesellschafterin Stadt Heidelberg und die Hauptpartner entgegengebracht wird. Dieses Vertrauen und die leidenschaftliche Begleitung unserer Arbeit sind das Fundament, auf dem wir den ‚Heidelberger Frühling‘ in den letzten 25 Jahren erfolgreich aufbauen konnten.

Der österreichische Schlagzeuger und Multi-Perkussionist Martin Grubinger (37) ist einer von 475 Künstlern, die in Heidelberg hätten auftreten sollen.
Der österreichische Schlagzeuger und Multi-Perkussionist Martin Grubinger (37) ist einer von 475 Künstlern, die in Heidelberg hätten auftreten sollen. © Simon Pauly

Nach Absage von „Heidelberger Frühling“ – digitales Kulturangebot als Ersatz

Ebenso alternativlos wie die Absage ist für die Festivalmacher die Verpflichtung, Lösungen zu entwickeln, die Kunsterlebnisse unter allen Umständen möglich machen: Unter dem Motto „Lasst uns spielen!“ sind Digitalangebote geplant, die spielerisch und mit Experimentierfreude mit der aktuellen Situation umgehen. Diese werden Mitte März der Öffentlichkeit vorgestellt. Außerdem entsteht anlässlich des Jubiläumsjahres eine Ausstellungsinstallation mit interaktiven Elementen im öffentlichen Raum auf dem Universitätsplatz der Heidelberger Altstadt (20. März bis 18. April 2021). Große Teile des ausgefallenen Programms werden zudem auf das nächste Jahr verschoben. Das diesjährige Festivalthema „FESTspiel“ wird 2022 fortgeführt und das 25. Jubiläumsjahr bis nächstes Jahr verlängert.

Darüber hinaus arbeitet das Festival gemeinsam mit der Stadt Heidelberg an Lösungsansätzen, damit Live-Kulturerlebnisse vor Publikum zeitnah wieder angeboten werden können. „Wenn das Land Baden-Württemberg und die pandemische Gesamtlage es zulassen, möchten wir gemeinsam mit dem ‚Heidelberger Frühling‘ einen Versuch starten, mithilfe von Teststrategien und der klugen Nutzung von Apps zur Nachverfolgung Konzertangebote für unsere BürgerInnen zu schaffen“, so Kulturbürgermeister Wolfgang Erichson (65, Grüne).

Alle bereits erworbenen Tickets für die Veranstaltungen des „Heidelberger Frühling“ 2021 werden zurückerstattet oder können zugunsten des Festivals gespendet werden. Alle Informationen dazu unter www.heidelberger-fruehling.de. (PM/pek)

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