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PHV Heidelberg: Ukraine-Flüchtlinge „sehr traurig, aber auch sehr wütend“

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Von: Florian Römer

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Markus Rothfuß und Regierungspräsidentin Sylvia M. Felder im Ankunftszentrum im Patrick-Henry-Village (PHV) in Heidelberg.
Markus Rothfuß und Regierungspräsidentin Sylvia M. Felder im Ankunftszentrum in Heidelberg. © Florian Römer/HEIDELBERG24

Heidelberg - Inzwischen kommen auch erste Kriegsflüchtlinge aus der Ukraine bei uns an. Wie ist die Situation im Ankunftszentrum in Patrick-Henry-Village?

Bereits wenige Tage nach dem Angriff Russlands auf die Ukraine haben nach ersten Schätzungen des UN-Flüchtlingshilfswerks mehr als 870.000 Menschen (Stand 1. März) ihre Heimat verlassen – teils nur mit einem Rucksack voller Hab und Gut. Bis zu vier Millionen Menschen könnten aus der Ukraine flüchten, prognostiziert das UNHCR. Noch kommt der Großteil der Kriegsflüchtlinge in den direkten Nachbarländern unter. Polen hat bislang mehr als die Hälfte der Geflüchteten aufgenommen. Aber auch in Deutschland wird die Zahl der Ukraine-Flüchtlinge in den kommenden Wochen ansteigen. Bislang sind nach Schätzungen des Bundesinnenministeriums knapp über 5.000 Menschen aus der Ukraine in der Bundesrepublik angekommen.

Krieg in der Ukraine: Ankunftszentrum in PHV rechnet mit mehr Flüchtlingen

Auch in Baden-Württemberg bereitet man sich auf einen Zuwachs an Menschen vor, die vor dem Krieg in der Ukraine flüchten. Das berichten Regierungspräsidentin Sylvia M. Felder und Markus Rothfuß, Leiter des Ankunftszentrums in Heidelberg. „Aktuell ist die Lage im Ankunftszentrum noch moderat“, so Rothfuß. „Wir rechnen aber mit erheblichen Zuwächsen.“ Rund 1.400 Menschen sind derzeit in PHV untergebracht, 40 von ihnen kommen aus der Ukraine. In den vier Erstaufnahmeeinrichtungen des Landes in Freiburg, Karlsruhe, Ellwangen und Sigmaringen wurden weitere 40 Kriegsflüchtlinge aufgenommen. Am Vormittag sind 60 Ukrainer angekündigt worden, die ab Donnerstag (3. März) im PHV erwartet werden, berichtet Rothfuß.

Heidelberg: Ukraine-Flüchtlinge „wollen schnellstmöglich in Heimat zurück“

Die Kapazitäten im Ankunftszentrum liegen bei rund 2.000 Plätzen. Mit der Stadt Heidelberg ist man bereits aber in Gesprächen über eine mögliche Aufstockung. Es geht um die Schaffung von rund 500 zusätzlichen Plätzen. Neue Gebäude will man laut Rothfuß dazu aber nicht ertüchtigen. Im Gegensatz zu anderen Flüchtlingen müssen ukrainische Staatsbürger sich nicht registrieren oder Asyl beantragen: Sie dürfen sich 90 Tage ohne Visum im Schengenraum aufhalten. „Deshalb müssen sie auch nicht ins Ankunftszentrum kommen“, erklärt Regierungspräsidentin Felder. Wer nicht bei Familienangehörigen oder Bekannten unterkommt, kann sich zur vorläufigen Unterbringung auch direkt bei einem Kreis oder einer Kommune melden. Heidelberg hat dafür auf dem ehemaligen NATO-Gelände in der Rudolf-Diesel-Straße eine Anlaufstelle eingerichtet.

„Die Situation heute ist anders als 2015“, sagt Felder. „Die Menschen, die aus der Ukraine kommen, wollen schnellstmöglich wieder in ihre Heimat zurückkehren.“ Die ukrainischen Geflüchteten seien in guter körperlicher Verfassung, ergänzt Ankunftszentrumsleiter Rothfuß. Es handele sich größtenteils um Frauen und Kinder, die aus Kiew und Umgebung oder anderen Großstädten vor den Kriegshandlungen geflohen seien. Auch einige ältere Männer sind unter den Flüchtlingen. „Drei bis vier Wochen“ werden die Flüchtlinge aus der Ukraine in PHV bleiben, ehe sie auf Kommunen und Kreise verteilt werden, erklärt Felder.

Kriegsflüchtlinge „sehr traurig, aber auch sehr wütend“

In den vergangenen Jahren habe man Erfahrungen mit Kriegsflüchtlingen gesammelt. „Für uns ist die Situation insofern eine neue“, sagt Rothfuß, „dass jetzt in Europa ein Krieg ausbricht.“ Die Stimmung der der Geflüchteten beschreibt Rothfuß als „sehr traurig, aber auch sehr wütend“. Für die Frauen sei das Schlimmste, dass sie ihre Männer zurücklassen mussten. Alle männlichen Ukrainer zwischen 18 und 60 Jahren wurden zur Landesverteidigung zu den Waffen gerufen.

Markus Rothfuß leitet das Ankunftszentrum für Flüchtlinge in Heidelberg.
Markus Rothfuß leitet das Ankunftszentrum für Flüchtlinge in Heidelberg. © Florian Römer/HEIDELBERG24

Bei der Ankunft im Ankunftszentrum müssen die Geflüchteten aus der Ukraine einen obligatorischen PCR-Test ablegen. Wenn sie keinen Impfschutz haben, müssen die Flüchtlinge für zehn Tage in Quarantäne. Landesweit seien ersten Erhebungen zufolge rund 30 Prozent der ukrainischen Geflüchteten geimpft. In Heidelberg erfasse das Gesundheitsamt aktuell den Impfstatus der Kriegsflüchtlinge. Teilweise wurden die Menschen mit Impfstoffen immunisiert, die bislang nicht in der EU zugelassen sind.

Heidelberg: Große Hilfsbereitschaft in der Bevölkerung

Indes hat sich bei der Stadt „nur eine Handvoll“ ukrainischer Geflüchtete wegen einer Unterkunft gemeldet, erklärt ein Stadtsprecher. Anfragen kommen aktuell von Ukrainern, die bereits in Deutschland leben, deren Verwandte oder Freunde auf dem Weg seien. Derweil sei die Hilfsbereitschaft der Bevölkerung so groß, dass Spendenaktionen teils schon nach wenigen Stunden wieder von der dazu eingerichteten Website genommen werden müssen, weil der Zuspruch sehr groß sei. (rmx)

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