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Nach Automaten-Sprengungen – Sparkasse verkündet drastischen Schritt

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Von: Florian Römer

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Heidelberg - Sieben ihrer Geldautomaten wurden seit Anfang 2021 gesprengt. Jetzt reagiert die Sparkasse: Fast ein Drittel der Maschinen in Heidelberg und Umgebung wird abgebaut.

Der Sparkasse Heidelberg reicht es: Seit Anfang 2021 wurden sieben ihrer Geldautomaten gesprengt. Dabei gingen die Täter mit äußerster Rücksichtslosigkeit vor. Deshalb will das Geldinstitut, das in Heidelberg und im Rhein-Neckar-Kreis 78 Geschäftsstellen betreibt, das Netz der Bankgeräte stark reduzieren.

GeldinstitutSparkasse Heidelberg
SitzHeidelberg
Geschäftsstellen78 (Geschäftsdaten 2020)
Mitarbeiter1.163 (Geschäftsdaten 2020)
Bilanzsumme8,116 Mrd. Euro (Geschäftsdaten 2020)

Gesprengte Sparkassen-Automaten: „Täter gehen mit äußerster Brutalität vor“

Im November, Dezember und Januar wurde die Sparkasse von Tresor-Knackern heimgesucht. Betroffen waren zumeist Geldautomaten in Gewerbegebieten, wie in Rohrbach-Süd oder in Walldorf. Dort jagten die Täter jeweils frei stehende Geldautomaten mit ihren Umbauungen in die Luft.

Im Februar sprengten die Täter allerdings einen Geldautomaten in einem Wohnhaus im bei jungen Familien mit Kindern beliebten Stadtteil Bahnstadt. Das bereite der Bank „große Sorge“. „Die Täter gehen dabei mit äußerster Brutalität vor und nehmen immer mehr auch die Gefährdung von Leib und Leben in Kauf“, heißt es in einer Mitteilung.

Gesprengter Geldautomat in Sparkasse in der Schwetzinger Terrasse in der Heidelberger Bahnstadt.
Gesprengter Geldautomat in Sparkasse in der Bahnstadt. © PR-Video/Priebe/HEIDELBERG24

Sparkasse Heidelberg wird ein fast ein Drittel der Geldautomaten abbauen

Nach „umfassender Gefährdungsanalyse“ zieht das Geldinstitut „zum Schutz der Bevölkerung und auf Empfehlung der Kriminalpolizei“ Konsequenzen: Wegen der gestiegenen Bedrohungslage durch die Automaten-Knacker wird die Sparkasse Heidelberg jetzt Geräte an fast einem Drittel seiner Standorte in Heidelberg und dem Rhein-Neckar-Kreis abbauen. Aufgrund „höchster Gefährdungslage“ sind Maschinen an neun von 24 Standorten betroffen:

41 Automatensprengungen in 2020

Die Heidelberger Banker sind nicht die einzigen, denen organisierte Banden übel mitgespielt haben. Im ganzen Land wurden 41
Automatensprengungen im Jahr 2020 registriert, davon schlugen 25 fehl. Das ist der höchste Wert seit 2017.

Damals waren es noch 18 Fälle, davon acht Versuche. Die Aufklärungsquote beträgt nach Angaben des Landeskriminalamtes (LKA) 36,6 Prozent. Im vergangenen Jahr fiel die Zahl mit 21 geringer als 2020 aus ‒ vermutlich wegen der Corona-Einschränkungen.

Automatenknacker erbeuten über 7 Millionen Euro

Baden-Württemberg ist regional sehr unterschiedlich betroffen. Von den 136 Fällen der vergangenen fünf Jahre entfielen 22 auf das Polizeipräsidium Mannheim, gefolgt von Heilbronn (21) und Freiburg und Karlsruhe (je 18). In Aalen und Ulm wollten Kriminelle in nur jeweils drei Fällen mit einem Gasgemisch oder Festsprengstoff Tresore knacken.

Diese Delikte verursachen Schäden in Millionenhöhe. Laut LKA summierte sich die Beute in den vergangenen fünf Jahren auf 7,5 Millionen Euro, der Sachschaden auf etwa 6,8 Millionen Euro. Im Durchschnitt werden pro Fall rund 55 000 Euro erbeutet. Die Beschädigungen belaufen sich auf knapp 50.000 Euro.

In der Nacht auf Freitag (14. Januar 2022) sprengen Unbekannte in der Walzrute in Walldorf einen Geldautomaten der Sparkasse.
Gesprengter Geldautomat in der Walzrute in Walldorf. © PR-Video/Priebe/HEIDELBERG24

Experte: „Sprengung für Anwohner ein Riesenschreck“

Bundesweit wird mehr als einmal am Tag einer von rund 60.000 Geldautomaten angegriffen, weiß Oliver Klempa, Experte für Sicherheitsfragen beim Sparkassenverband Baden-Württemberg. Dass noch keine Menschen zu Schaden gekommen sind, sei ein glücklicher Zufall. Die Kriminellen achten nicht immer darauf, ob ein Wohngebäude in der Nähe ist oder sie wissen nicht, wie weit die Teile fliegen können, ist Klempa überzeugt. „Für Anwohner ist so eine Sprengung ein Riesenschreck und nicht leicht zu verdauen, wenn es rumst.“

Nicht nur die Kreditinstitute sind Opfer von kriminellen Banden, die laut LKA oft aus Osteuropa oder den Niederlanden kommen, sondern auch deren Kunden. „Das ist ein Verlust an Service“, meint der Bankenexperte Hans-Peter Burghof von der Uni Hohenheim mit Blick auf das immer dünnere Automatennetz. „Bargeld kann nicht mehr so spontan abgehoben werden, Wege verlängern sich.“

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Sparkasse Heidelberg bedauert Abbau von Geldautomaten

Auch die Heidelberger Sparkasse bedauert den Schritt. „Aber alle bisherigen umfassenden Maßnahmen und hohen Investitionen in die Sicherheit der Geldautomaten waren nicht von Erfolg gekrönt“, begründet ein Sprecher den drastischen Schritt. Außerdem sei von den bisherigen Standorten in einem Umkreis zwischen ein und drei Kilometern auch eine der 42 mit Selbst-Abhebe-Service ausgestatteten Filialen zu erreichen.

Burghof moniert, die deutschen Behörden nähmen das Problem zu wenig ernst. „Wir haben lang untätig zugesehen, obwohl es um Gewaltkriminalität geht.“ Menschenleben seien nicht nur durch womöglich falsch dosierten Sprengstoff bedroht, sondern bei Fluchtfahrten der Täter mit Tempo 300 über die Autobahn.

Wie Banken sich gegen Automaten-Knacker wehren können

Den Vorwurf der Ignoranz will die Polizei nicht auf sich sitzen lassen. Das LKA verweist auf einen Maßnahmenkatalog zum Schutz von Geldautomaten, den die Polizeien der Länder und des Bundes gemeinsam mit den Spitzenverbänden der Deutschen Kreditwirtschaft und der Versicherungen entwickelt haben. „Aber zum Umsetzen kann man ja keinen zwingen“, sagt der Sprecher des LKA. Außerdem scheitere die Verfolgung der Täter oft an mangelnder Rechtshilfe im Ausland.

Dass die vorgeschlagenen Maßnahmen wirken, zeige das Beispiel einer lange stark betroffenen Bank, sagt der LKA-Sprecher. Diese habe sich mit einem Maßnahmenmix zur Wehr gesetzt. Dazu gehören nächtliche Schließzeiten, Alarmauslöser, Videoüberwachung, Vernebelung bei illegalem Betreten der Räumlichkeiten, mechanische Sicherungen in den Geldautomaten und Einfärben der Scheine beim Öffnen der Geld-Kassette. Und überall am Standort wurde darüber sichtbar informiert. Bisher mit Erfolg - in diesem Jahr wurden noch keine Automaten des besagten Instituts angegriffen. (dpa/rmx)

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