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Heidelberg – psychologisches Profil des Amokläufers: „Hass gegen sich selbst“

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Von: Peter Kiefer

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Heidelberg - Rund sieben Wochen nach dem Amoklauf in einem Uni-Hörsaal sind die Ermittlungen von Polizei und Staatsanwaltschaft quasi abgeschlossen. Die neuesten Erkenntnisse:

Der Schock über den schrecklichen Amoklauf in Heidelberg sitzt noch immer tief! Am 24. Januar hatte Nikolai G. (18) einen Hörsaal der Uni Heidelberg im Neuenheimer Feld betreten und dort das Feuer mit zwei Gewehren eröffnet. Dabei tötete er eine 23-jährige Studentin und verletzte acht weitere Studierende leicht. Im Anschluss hat er noch in Tatortnähe Selbstmord begangen.

Stadt\t\tHeidelberg (Baden-Württemberg)
Einwohnerzahl158.741 (31. Dez. 2020)
Fläche108,8 km²
OberbürgermeisterProf. Dr. Eckart Würzner (parteilos)

Amoklauf in Heidelberg: Staatsanwaltschaft nennt Ermittlungsergebnisse

Jetzt nähert sich das Todesermittlungsverfahren der Staatsanwaltschaft Heidelberg dem Abschluss, wie die Behörde am Donnerstag (17. März) in einer gemeinsamen Erklärung mit dem Polizeipräsidium Mannheim mitteilt. Demnach seien die Amoktat und deren Hintergründe dank der „akribischen und aufwendigen Ermittlungen“ der 32-köpfigen Ermittlungsgruppe „Botanik“ der Kriminalpolizeidirektion Heidelberg und der Staatsanwaltschaft Heidelberg „so weit wie möglich aufgeklärt“.

Die Ermittler sind sich sicher, dass der 18-jährige Amokläufer ein Einzelgänger ohne soziale Bindungen zu seinen Mitstudierenden war. Es gab keine Mittäter, bewussten Helfer oder Anstifter. Hinweise für sonstige Mitwisser, die der Verstorbene in seinen Tatplan eingeweiht hätte, fanden sich ebenfalls keine. Die Tat eines Einzeltäters also, der wohl keinerlei persönlichen Bezug zu seinen Opfern hatte.

Polizei
Der Tatort des Amoklaufs: Polizei am Eingang zum Gebäude auf dem Gelände der Heidelberger Universität. © R.Priebe/Pr-Video/dpa

Amoklauf von Heidelberg: Rache für angebliche Kränkungen?

Am Tag seiner Bluttat sei Nikolai G. mit einem Taxi mit zwei Langwaffen in einer Sporttasche von seiner Wohnung in der Mannheimer Schwetzingerstadt ins Neuenheimer Feld nach Heidelberg gefahren. Sein Tatmotiv konnte nicht mit letzter Sicherheit geklärt werden. Jedoch spricht einiges dafür, dass der Täter sich mit der Amoktat für eine in seiner Vorstellungswelt erlittene Kränkung rächen wollte!

Hintergrund: Von 2018 bis Anfang 2020 war Nikolai G. in ambulanter psychiatrischer und psychotherapeutischer Behandlung. Er ist in der zweiten Jahreshälfte 2018 sogar für mehrere Wochen und Anfang 2019 für einige Tage stationär psychiatrisch behandelt worden.

Die Schwetzingerstraße in Mannheim
In der Schwetzingerstraße in Mannheim lebte Amokläufer Nikolai G. (18). © privat

Amokläufer wegen Selbstmord-Gedanken bereits in Klinik

Für die Aufnahme ins Krankenhaus hatten jeweils akute Suizid-Gedanken oder sogar -versuche des Täters eine Rolle gespielt. Bei den Entlassungen waren dem Täter unterschiedliche psychiatrische Störungen bescheinigt worden. Auch eine narzisstische Persönlichkeitsstörung habe eine Rolle gespielt.

Nach Einschätzung seiner Behandler ging diese mit einer starken Verminderung des Selbstwertgefühls und der Fähigkeit, Kritik zu akzeptieren einher. Dadurch war der damals erst 15-Jährige besonders anfällig für eine starke Steigerung der Kränkbarkeit.

„Hass gegen beliebige andere Personen“ als Motiv?

Nach der ersten Einschätzung eines durch die Staatsanwaltschaft hinzugezogenen erfahrenen forensischen Psychiaters spricht Vieles dafür, dass diese narzisstische Persönlichkeitsproblematik, die mit einer gesteigerten Kränkbarkeit, einem „Hass gegen sich selbst“ sowie einem sich hieraus entwickelndem Hass gegen beliebige andere Personen einhergehen kann, überdauerte und als maßgeblicher Grund für die Tat angesehen werden kann.

Es erscheint den Ermittlern plausibel, dass sich der Täter im Verlauf seines ersten Studiensemesters der Biowissenschaften an der Universität Heidelberg ab Herbst 2021, für das er im Juli 2021 nach Mannheim gezogen war, stark gekränkt und grundlegend missverstanden gefühlt haben könnte. Möglicherweise könnte in dieser – krankheitsbedingt übersteigert wahrgenommenen – Kränkung ein Motiv für die spätere Amoktat zu sehen sein. 

Blumen und Kerzen am Unigebäude INF 360, in dem die tödlichen Schüsse fielen.
Blumen und Kerzen am Unigebäude INF 360 in Heidelberg, in dem die tödlichen Schüsse fielen. © Florian Römer/HEIDELBERG24

Was haben „Egoshooter“-Videospiele mit Amoktat zu tun?

Beweismittel, die bei der Durchsuchung der Wohnung des Täters aufgefunden wurden, lassen auf dessen intensive Befassung mit Videospielen des Typs „Egoshooter“ schließen. In den Monaten vor der Amoktat fertigte er zunehmend Screenshots aus seinen Videospielen an, die realistisch aussehende getötete Menschen zeigen. 

Bis zuletzt keine belastbaren Anhaltspunkte haben sich für ein politisches, namentlich rechtsradikales Tatmotiv ergeben. Nach Abschluss der Ermittlungen ist davon auszugehen, dass sich der Täter im Jahr 2019 einmalig für eine Fördermitgliedschaft in der Partei „Der III. Weg“ interessiert, eine solche aber nie erhalten hatte, und darüber hinaus weder zu dieser Partei noch sonst in die rechtsradikale Szene Kontakte pflegte.

Auch wenn sich noch weitere Hinweise dafür ergeben haben, dass der Täter als 15- bis 16-Jähriger zeitweilig mit rechtsextremen Ideologien sympathisiert haben könnte, sind keine Tatsachen bekannt geworden, die für die Annahme sprächen, dass diese Sympathie Anlass der Amoktat gewesen sein könnte.

Hat der Schütze den Amoklauf schon Wochen vorher geplant?

Verschiedene Indizien legen nahe, dass der Teenager seine Tat spätestens seit Dezember 2021 geplant hatte. Aller Wahrscheinlichkeit nach stand bereits am Beginn der Planungen der Entschluss, sich zur Tatausführung Schusswaffen zu beschaffen. 

Zunächst erwog der Täter wohl, einen Jagdschein zu erwerben, und erkundigte sich Mitte Dezember im Internet bei einem Anbieter von Jagdausbildung nach dessen Konditionen. Inwieweit dieses Interesse tatsächlich zeitweise bestand oder ausschließlich vorgetäuscht wurde, um Waffen zu erwerben, lässt sich nicht mit letzter Sicherheit sagen.

Polizisten untersuchen eine Waffe am Gelände der Heidelberger Universität, wo es einen Amoklauf gegeben.
Polizisten untersuchen eine Waffe am Gelände der Heidelberger Universität, wo es einen Amoklauf gegeben. © Sebastian Gollnow/picture alliance/dpa

Tödliche Waffen mit Studienkredit bezahlt

Ende Dezember 2021 beantragte der Täter einen Studienkredit in Höhe von rund 7.500 Euro, der ihm in der Folge auch gewährt wurde. Mit diesem Geld hat er in der Folge alle für den Waffenkauf anfallenden Kosten bezahlt. Auf den Erwerb von konkreten Waffen gerichtete Bemühungen unternahm der Täter erstmals Anfang Januar 2022, als er einen privaten Waffenverkäufer aus Wien per E-Mail kontaktierte.

Dieser hatte im Internet eine Jagdwaffe zum Verkauf inseriert, teilte dem Täter allerdings mit, dass sie längst verkauft sei. Gleichzeitig bot er ihm eine andere Jagdwaffe aus seinem Bestand zum Kauf an. Im Verlauf der ersten Januarhälfte wurden die Beteiligten handelseinig. Vereinbart wurde auf Betreiben des Verkäufers, dass die Übergabe der Waffe in den Geschäftsräumen eines Waffengeschäfts in Wien erfolgen sollte, in dem der Privatverkäufer Stammkunde war.

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So täuschte Amokläufer den Wiener Waffenhändler

Auch gegenüber den Personen in Österreich, die der Täter wegen des Erwerbes von Waffen kontaktierte, verschleierte er seine wahren Absichten dadurch, dass er sich als angehender Jäger ausgab, der Jagdwaffen erwerben wolle.

Zur vereinbarten Übergabe der von dem Privatverkäufer erworbenen Waffe an den Täter kam es am Nachmittag des 18. Januar in den Räumen des von dem Verkäufer vorgeschlagenen Waffengeschäfts in Wien. Dort hatte der Täter am Mittag desselben Tags – unmittelbar von dem Waffenhändler – noch eine weitere Waffe erworben, nämlich die Schrotflinte, mit der der Täter im Anschluss an die Tat Suizid beging.

Diese Schrotflinte wurde ihm am 21. Januar im Waffengeschäft übergeben, wo er auch noch das Unterhebelrepetiergewehr, mit dem die Schüsse im Hörsaal abgegeben wurden. Dieses Gewehr wurde ihm zusätzlich zu der Schrotflinte dann sofort ausgehändigt. Die von dem Privatverkäufer erworbene Waffe beließ der Täter in dem von ihm angemieteten Hotelzimmer in Wien.

Amokläufer Nikolai G. hat Waffen in Österreich gekauft

Der Kauf von Schusswaffen der waffenrechtlichen Kategorie C, welcher alle drei der vom Täter erworbenen Waffen angehören, ist in Österreich unter einfacheren Voraussetzungen möglich als in Deutschland. Die nach österreichischem Waffenrecht geltenden formalen persönlichen Voraussetzungen des Erwerbers wurden vom Täter erfüllt.

Bei der Durchführung des Waffengeschäftes selbst verlangt das österreichische Recht allerdings auch den Ablauf einer sogenannten „Abkühlphase“ von drei Tagen, die zwischen dem Abschluss des Kaufvertrages über die Waffe und deren Übergabe an den Käufer liegen muss. 

Die Staatsanwaltschaft Heidelberg geht davon aus, dass diese „Abkühlphase“ in Bezug auf das Unterhebelrepetiergewehr nicht und in Bezug auf die Schrotflinte nicht vollständig eingehalten wurde. Das österreichische Waffenrecht sieht allerdings keine Sanktion im Falle eines solchen Verstoßes vor. 

Staatsanwaltschaft Heidelberg: Ermittlungsverfahren gegen Waffenhändler

Die Staatsanwaltschaft Heidelberg sieht hingegen einen strafrechtlichen Anfangsverdacht der fahrlässigen Tötung und der fahrlässigen Körperverletzung gegen den Inhaber des Wiener Waffengeschäftes und seinem Mitarbeiter, der den jungen Täter bediente.

Denn bei korrekter Einhaltung der „Abkühlphase“ wäre der Täter zum Tatzeitpunkt noch nicht im Besitz der beiden Waffen gewesen und hätte die Amoktat - jedenfalls zur gegebenen Zeit und in der gegebenen Art und Weise - nicht ausführen können.

Nach dem Amoklauf in Heidelberg
Polizisten untersuchen eine Waffe auf dem Gelände der Heidelberger Universität. © Sebastian Gollnow/dpa

Die Staatsanwaltschaft hat daher förmliche Ermittlungsverfahren gegen diese beiden in Österreich wohnhaften Personen eingeleitet. Ob die insoweit noch andauernden Ermittlungen zu einem für eine Anklageerhebung hinreichenden Straftatverdacht führen werden, erscheint derzeit offen. Derzeit gelten die beiden Personen als unschuldig.

„Fakenews“ nach Amoklauf in sozialen Medien – nur ein Verfahren eingeleitet

Rund um die Amoktat und die möglichen Tatabläufe kursierten in verschiedenen sozialen Medien falsche Nachrichten. Insgesamt wurden elf dieser „Fakenews“ registriert. Keine dieser Nachrichten ist dem Phänomen „Hate-Speech“ zuzuordnen.

Es wurde lediglich ein Verfahren wegen des Verdachts der Verleumdung eingeleitet, nachdem eine Person des öffentlichen Lebens als Amokläufer denunziert wurde. (PM/pek)

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