„Sie sind entlassen“

Arbeitslos – und jetzt? Ein Ratgeber Step by Step

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Symbolbild

Wer seinen Job verliert, bekommt naturgemäß Panik, schon bald vor dem Nichts zu stehen. Mit den richtigen Verhaltensmustern kann man jedoch alle Risiken maximal abfedern

„Sie sind entlassen“. Für die meisten trifft dieser Satz, ob mündlich oder schriftlich ausgesprochen, so schwer, wie ein Fausthieb in die Magengrube. „Sie sind entlassen“. Mit diesen Worten beginnt die Angst um die Existenz. Und genau dieser Mix aus Urplötzlichkeit und Panik lässt viele Menschen kopflos handeln. Der folgende Artikel ist deshalb nicht nur ein Ratgeber für tatsächlich Betroffene, sondern jeden – denn selbst sicher geglaubte Arbeitsplätze können heute im Nu wegbrechen.

1. Kündigungsfrist

Das deutsche Arbeitsrecht kennt bei Kündigungen nur in seltenen, absoluten Ausnahmefällen eine Möglichkeit, von den Kündigungsfristen abzuweichen, etwa:

- Diebstahl

- Beleidigung

- Sexuelle Belästigung

- Rufschädigung

- Betriebsspionage

Wer sich solche schwerwiegenden Dinge nicht zuschulden kommen lässt, muss auch nicht befürchten, fristlos entlassen werden. Und dann greifen, sofern kein abweichender Tarifvertrag besteht, die normalen Kündigungsfristen, die sich daran orientieren, wie lange der Mitarbeiter im Unternehmen beschäftigt war:

- Bis 5 Jahre: 1 Monat

- Ab 5 Jahren: 2 Monate

- Ab 8 Jahren: 3 Monate

- Ab 10 Jahren: 4 Monate

- Ab 12 Jahren: 5 Monate

- Ab 15 Jahren: 6 Monate

- Ab 20 Jahren: 7 Monate

Selbst in der Probezeit gelten noch zweiwöchige Fristen. Man hat also in jedem Fall etwas Luft, um sich auf das Kommende vorzubereiten. Und das sollte man auch tun.

2. Arbeitslos melden

Kündigungen müssen schriftlich mitgeteilt werden. Doch selbst wenn der Chef diese Worte nur ausgesprochen hat, sollte man sich sofort mit seiner Arbeitsagentur in Verbindung setzen.

Denn: Für Arbeitssuchende besteht eine Meldungspflicht, die spätestens am ersten Tag der Arbeitslosigkeit beginnt. Wer sich erst mit Sperrfristen rechnen – er bekommt also für einen Zeitraum von bis zu drei Monaten kein Arbeitslosengeld. Zudem ist jeder Tag, den man nicht in den Listen der Agentur steht, ein verlorener bei der Jobsuche.

Obendrein ist eine rechtzeitige Meldung auch die absolut einzige Möglichkeit, weiterhin krankenversichert zu bleiben. Wer bislang gesetzlich krankenversichert war, für den bleibt im Prinzip alles beim Alten, die Arbeitsagentur übernimmt dann künftig die Kosten. Wer jedoch privat versichert war, muss sich binnen zwei Wochen nach Ende der Kündigungsfrist bei einer gesetzlichen Kasse anmelden. Sein Privatversicherer muss dann den Vertrag aufheben. Ganz ohne Meldung bleiben die Zahlungen bei der Kasse aus und es kann Probleme geben. Und wie lange wird Arbeitslosengeld 1 ausbezahlt? Das richtet sich nach mehreren Gesichtspunkten, nämlich der Dauer der versicherungspflichtigen Beschäftigung innerhalb der vergangenen fünf Jahre und dem Lebensalter. Für unter 50-jährige ergibt sich daraus:

Einzahlungsdauer (in Monaten)

ALG-1 Bezugszeit (in Monaten)

12

6

16

8

20

10

24

12 (Höchstgrenze)

Wer das 50. Lebensjahr vollendet hat, der hat nach 30 Monaten Einzahlungszeit 15 Monate Anspruchsdauer. Wichtig: Sperrzeiten verringern die Höchstanspruchsdauer um die jeweilige Anzahl von Wochen. Man muss zwar nicht mit dem Schock der Kündigung gleich am selben Tag zur Agentur fahren. Doch spätestens innerhalb der nächsten Tage sollte man diesen Weg auf sich nehmen und dabei den Personalausweis, das Kündigungsschreiben (falls bereits vorhanden) und die Rentenversicherungsnummer vorlegen können.

3. Resturlaub berechnen

Kündigungen bedeuten nicht, dass sämtlicher verbliebener Anspruch auf Urlaub verfällt –im Gegenteil. Allerdings ist es wichtig, zu welchem Zeitpunkt sie ausgesprochen wurde: 

- Erfolgt die Kündigung vor dem 30. Juni, steht der Resturlaub nur anteilig zur Verfügung, sprich: Für jeden Monat 1/12 des Jahresurlaubs 

- Nach dem 1. Juli muss der Arbeitgeber den vollen gesetzlichen (nicht den vertraglich vereinbarten) Mindesturlaubsanspruch gewähren. 

Die einfachste Variante wäre es beispielsweise, wenn ein Arbeitgeber, der noch 14 Tage Urlaub zu bekommen und eine Kündigungsfrist von zwei Monaten hat, diese an das Ende der Frist legt und somit ab dem Tag der Kündigung noch 1 ½ Monate zu arbeiten hat. Anders sieht es jedoch aus, wenn er für die verbliebene Zeit freigestellt wird, denn Freistellung gilt nicht per se als Urlaub. Die übriggebliebenen Tage dann erstattet werden. Die Höhe dieses Entgelts richtet sich dabei nach dem Gehalt sowie der Arbeitsdauer.

4. Den Kopf freibekommen

Der letzte Arbeitstag ist beendet, man ist, soweit eben möglich, „Im Guten“ aus dem Unternehmen ausgeschieden. Jetzt beginnt für viele ein großes „Loch“, denn von einem auf den anderen Tag nichts zu tun zu haben, kann einen seit Jahren in der Routine steckenden Geist durcheinanderbringen. 

Die erste Regel, die man sich selbst auferlegen sollte, lautet „Keine Panik“. Vor allem in den Resturlaubstagen und selbst den ersten Wochen der Arbeitslosigkeit würde es zu nichts führen, sich andauernd vorzurechnen, wie viele Monate ALG-1 noch verbleiben und was danach kommt. Denn: Die durchschnittliche Bezugsdauer für ALG-1 beträgt derzeit fast 160 Tage. Man muss also damit rechnen, es sich zuhause für mehrere Monate bequem machen zu müssen, doch dazu später mehr. Zunächst sollte man in den ersten Wochen folgendes analysieren:

- Wie zufrieden war ich in der Firma? 

- Will ich in einen ähnlich großen Betrieb zurück oder mich umorientieren? 

- Welche Chancen habe ich, mit meiner Ausbildung in einem anderen Beruf Karriere zu machen?

Denn schließlich ist der Jobverlust, so schmerzlich er auch ist, immer auch die Chance auf einen Neubeginn und bei vielen, die vielleicht seit Jahren innerlich gekündigt hatten, der Schubs, der notwendig war. Daneben empfiehlt es sich jedoch, das Thema Arbeit in den Anfangstagen der Arbeitslosigkeit soweit wie möglich beiseite zu schieben –zumindest für den Großteil des Tages – und sich erst einmal Dingen zu widmen, für die man in den vergangenen Jahren keine Zeit hatte.

5. Neuanfang Schritt für Schritt

Mit der Meldung bei der Arbeitsagentur geht immer auch die Pflicht einher, deren Bewerbungsangebote wahrzunehmen. Wer dies nicht tut, dem drohen abermals Sperrfristen. Was man also zügig tun sollte, ist, seinen Lebenslauf auf Vordermann zu bringen. 

Ein schwerer Knackpunkt sind die sich ständig ändernden Bewerbungstrends: Soll man sich schriftlich bewerben oder per E-Mail? Mit oder ohne üppige Mappe? Trocken oder forsch formuliert? Für solche Fragen ist ebenfalls die Arbeitsagentur Ansprechpartner und man sollte sich, falls der letzte Jobwechsel mehr als zwei Jahre zurück liegt sofort bei der Arbeitslos-Meldung einen Termin geben lassen, bei dem das Portfolio anhand solcher Trends aktualisiert wird.

Und dann gilt es, sich einen Bewerbungsrhythmus aufzuerlegen und ihn mit Disziplin zu verfolgen. Beispielsweise kann es so aussehen, dass man sich zunächst Accounts bei den einschlägigen Job-Portalen anlegt und sich selbst verpflichtet, jeden Morgen nach dem Frühstück dort zu suchen. Je nach Branche kommt dabei zwar nicht täglich Neues heraus, aber man sollte diese Fahndung an die Selbstverpflichtung knüpfen, am Ende jeder Woche wenigstens zwei Bewerbungen zusätzlich zu den Agentur-Vorschlägen abgesendet zu haben. Die Agentur wird überdies auch verlangen, dass man „Bewerbungsnachweise“ erbringt. In welcher Form das geschieht, unterscheidet sich zwar von Agentur zu Agentur, meist reicht aber eine formlose Computertabelle mit Absendedatum, Firmennamen und Status.

6. Nicht verwahrlosen

Schon im vorherigen Abschnitt war über einen täglichen Rhythmus zu lesen. Doch dieser immens wichtige Punkt soll noch mehr Raum bekommen. Der Volksmund kennt die Regel „wer sich äußerlich verwahrlosen lässt, verwahrlost auch innerlich“. Auf Arbeitslosigkeit umgelegt bedeutet das, dass das eigene Äußere viel dazu beiträgt, die Disziplin zur weiteren Jobsuche nicht schleifen zu lassen. Und Studien zum Verhalten von Langzeitarbeitslosen geben dieser These Recht: je stärker man sich durch den mangelnden Termindruck einer geregelten Arbeit schleifen lässt, desto schwieriger wird es, am Ende der Arbeitslosigkeit wieder den „Weg zurück“ zu finden und sich wieder in Alltag, Kleiderordnung und Stress einzuleben. 

Um solches Verwahrlosen zu verhindern, ist es ratsam, gleich nach Ende der ersten arbeitslosen Wochen einen arbeitsähnlichen Tagesrhythmus zu beginnen. Erst recht, wenn man mit einem Partner oder gar Kindern zusammenlebt, die ja weiterhin ihren Pflichten nachkommen müssen. Dazu gehört es:

- Zur gleichen Zeit ins Bett zu gehen und aufzustehen, wie während der Arbeit 

- Jeden Tag das „volle Programm“ aus Dusche, Rasur, Schminken usw. einzuhalten

- Keine „Gammelklamotten“ zu tragen, sondern sich normal kleiden 

- Zwischen 8 und 17 Uhr sinnvolle Tätigkeiten zu übernehmen, auch um den Partner zu entlasten. Auf keinen Fall nur im Web surfen oder vor dem Fernseher sitzen. 

Praktisch kann es beispielsweise so aussehen, dass man morgens mit dem arbeitenden Partner aufsteht, gemeinsam frühstückt und anschließend die Küche aufräumt. Es folgt eine Runde Jobsuche im Internet, gefolgt von Einkäufen.

Die Summe dieser Maßnahmen ist mehr als ihr Selbstzweck, sondern seinem Geist ein straffes Korsett zu geben. Man arbeitet zwar nicht wie gewohnt, benimmt sich aber darüber hinaus ganz exakt so – und wenn man einen Job bekommt, braucht es keine Umstellungsphase, sondern man ist sofort wieder mit neuer Disziplin am Ball.

7. Bereit sein für Unangenehmes 

Der letzte Punkt dieser Liste ist für die allermeisten Arbeitslosen nur von theoretischer Natur, denn bevor er eintritt, sind sie bereits wieder in Lohn und Brot. Wenn jedoch das letzte Viertel der ALG-1-Zeit angebrochen ist und man noch immer nichts gefunden hat, wird es Zeit, sich intensiv mit den Nachteilen von ALG-2, etwa für Eigenheimbesitzer, auseinanderzusetzen. Denn bevor dieses bezahlt wird, ist es mehr oder weniger notwendig, bis auf einen geringen Restbetrag seine Ersparnisse aufzuzehren – wenn man angesichts eines arbeitenden Partners überhaupt anspruchsberechtigt ist. Das muss man mit aller Kraft vermeiden. Und: Wer über eine Berufsausbildung verfügt, kann dies in der Regel auch.

Dazu muss man allerdings bereit sein, sich von seinen bisherigen Jobvorstellungen zu verabschieden. Die Losung muss dann lauten „Hauptsache Gehalt“. Und ob nun Lagerjob, Erntehelfer oder Schichtarbeit, kein Arbeitsplatz sollte einem zu gering sein. Hauptsache, er ist sozialversicherungspflichtig.

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