Oberstes Einstellungskriterium: Schwindelfreiheit

Hinauf aufs Glück: Industriekletterer

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Wenn Kräne zu sperrig und Hubschrauber zu teuer sind, müssen die ran, die nicht nur als Hobby mit Achterknoten, Expressen und Co. hantieren: die Industriekletterer

Erst vor wenigen Tagen zeigten wir, wie episch der Blick aus den obersten Etagen des Großkraftwerks Mannheim aussehen kann. Und wie der Rest unserer ‚Hoch hinaus‘-Reihe beweist, gibt es noch eine Menge anderer Gebäude mit ähnlich „weitsichtigen“ Vorteilen. Doch haben Sie sich nicht mal gefragt, wer an solchen Bauwerken die Wartungsarbeiten durchführt? Das alles übernimmt eine Berufsgruppe, deren Mitglieder nur zwei Grundvoraussetzungen mitbringen müssen: Handwerkliche Flexibilität und Schindelfreiheit.

Universaltalente am Seil 

Doch was genau macht eigentlich ein Industrie- oder Berufskletterer? Kurz gesagt „alles“. Denn in der Tat ist es so, dass die Kletterer alle Arbeiten in Personalunion machen müssen, für die es am Boden spezialisierte Berufsgruppen gibt. Sie befestigen dort oben Rohre wie ein Heizungs-Installateur, schwingen den Pinsel wie ein Anstreicher oder arbeiten mit Traufel und Kelle wie ein Verputzer. 

Man muss ein geschicktes Multitalent sein, das vielfältige Aufgaben so souverän erledigt, wie jemand, der den Beruf erlernt hat. Dabei ist Berufskletterer kein Ausbildungsberuf, sondern ein Talent, das man sich nur durch den Besuch spezieller Berufs-Kletterschulen aneignen kann. Eine vorherige Ausbildung ist zwar nicht notwendig, in der Praxis sind die meisten Industriekletterer allerdings gelernte Handwerker. Wenige sind auch Quereinsteiger anderer Felder. 

Allerdings muss nicht jeder Berufskletterer buchstäblich „alles“ können. Manche Kletterunternehmen bieten auch nur sehr eng umfasste Arbeiten an. Etwa Reinigungsarbeiten – etwa die Scheiben des Mannheimer Fernsehturms müssen von solchen Profi-Kletterern regelmäßig geputzt werden. Andere Firmen bieten indes die volle Bandbreite an und verlangen deshalb von ihrem Personal, dass es tatsächlich viele Talente mitbringt.

Die günstige, flexible Alternative 

Ein Job für Querdenker mit Köpfchen und ohne Zwang zu modernster Technik – da ist es eigentlich ziemlich verwunderlich, dass der Industriekletterer-Beruf noch nicht allzu lange existiert. Genauer gesagt nämlich erst seit den 1970ern, als britische Bohrplattform-Betreiber händeringend nach Amateur-Kletterern suchten, welche an den Giganten Wartungsarbeiten durchführen konnten. 

Viel geändert hat sich seitdem nicht. Bloß dass die Kletterer nun auf Normen und berufsgenossenschaftliche Unterstützung vertrauen können – wodurch der Beruf gerade hierzulande extrem sicher und risikoarm wurde. 

Ausbildung für Profis 

Viele Hintergründe, viele Tätigkeiten. Da ist es klar, dass es an einem Punkt eine felsenfeste Kontinuität geben muss, damit einheitliche Standards gewährleistet werden. In Deutschland sind das die Ausbildungs- bzw. Arbeitsgrundlagen der Seilunterstützten Zugangstechniken (SZT). Diese Normen stellen sicher, dass an jeder Ausbildungsstätte für Berufskletterer ein einheitliches Wissen vermittelt wird. 

Aufgeteilt werden die SZT in drei aufeinander aufbauende Level: 

  • Level 1 Grundkurs SZT: Dieser Kurs vermittelt die „Basics“ also Kletter- und Knotentechniken, sowie das Abschätzen von Zugangsstellen, Abseilen usw. Am Ende des Kurses ist man in der Lage, die Kletterausrüstung richtig einzusetzen, zu kontrollieren und zu warten.
  • Level 2 Höhenarbeiter: Der nächste Kursus vermittelt das „Arbeiten im Seil“ ebenso, wie vertikale und horizontale Bewegungen. Zusätzlich werden weitere Knoten und Arbeitsplatzabsicherung gelehrt.
  • Level Aufsichtsführender: Dies ist ein Zusatzkurs, der frühestens ein Jahr nach Abschluss von Level 2 absolviert werden kann. Darin wird zusätzliches Wissen vermittelt, das benötigt wird, um Aufsicht über mehrere Kletterer zu übernehmen. Etwa fortgeschrittene Rettungstechniken.

Alle Kurze können zwar zwar privatwirtschaftlich bei den 37 FISA-zertifizierten Ausbildungsbetrieben absolviert werden, die Prüfung erfolgt jedoch immer durch Profis des Fach- und Interessenverbandes für seilunterstützte Arbeitstechniken. Und damit kommen wir zu den Kosten: Für jeden Lehrgang müssen zirka 1000 Euro eingeplant werden. Die Kurse dauern jeweils fünf Tage in Vollzeit.

Berufskletterer in der Praxis 

Die Scheine der Levels 1 und 2 in der Tasche sind nicht nur die Möglichkeit, sich als Berufskletterer selbstständig zu machen, sondern auch, eine der immer verbreiteter werdenden Festanstellungen zu ergattern. 

Hoch auf dem Windrad 

Windkraft boomt extrem – auch in unserer Region. So sollen unter anderem im Käfertaler Wald mehrere Windräder gebaut werden. Goldrausch-Stimmung für Industriekletterer, denn ohne diese Profis geht hier nichts. Dazu muss man verstehen, wie Windräder erbaut werden, nämlich vor Ort in einzelnen Stücken. Zwar werden die Einzelteile von Kränen hochgehoben, oben müssen aber immer Techniker alles verschrauben und verschweißen. Genau das machen Berufskletterer, die auch nach Abschluss der Bauarbeiten bei Wartungs- und Reparaturarbeiten benötigt werden. 

Farbe für den Strommast 

Das deutsche Stromnetz basiert auf insgesamt sieben Ebenen angefangen von der 380/220kV Höchstspannungs-Ebene bis zu den lokalen Verteilernetzen mit 0,4kV – insgesamt gigantische 1,8 Millionen Leitungskilometer. Und auf praktisch jeder Ebene existieren Freileitungen, bei denen die Kabel an Masten geführt werden.

Summa summarum 350000 „Strommasten“ sind das deutschlandweit. Der größte Teil davon besteht aus Stahl – der rasend schnell rosten würde, wenn er nicht durch eine Farbschicht geschützt wäre. Auch das machen Industriekletterer. Und zwar mit mehreren hundert Kilo Farbe pro Mast, was die Profis mehrere Tage beschäftigt.

Checkup für die Brücke 

Alleine in Berlin gibt es zirka 2100 Brücken aller Größen – wie viele es in ganz Deutschland sind, lässt sich nur schätzen. Und nur die größten verfügen über Geländer und Schächte, über die man auch die Unterseiten kontrollieren kann. Da eine sich selbst überlassene Brücke aber schon nach wenigen Jahrzehnten akut einsturzgefährdet wäre, benötigt es einmal mehr Höhenarbeiter, die sich an Seilen an die unzugänglichen Stellen der Brücke hängen und dort nicht nur dokumentieren, sondern im Zweifelsfall auch reparieren. Und wer weiß, wie marode nicht wenige Brücken sind, kann sich auch ausrechnen, dass hier noch lange viel Arbeit vorhanden sein wird. 

Kosmetisches für den Altbau 

Doch es müssen nicht einmal die spektakulären Kletteraktionen sein, die die Profis auf den Plan rufen. Es reicht auch schon ein „normales“ mehrstöckiges Gebäude, an dem aus irgendwelchen Gründen kein Gerüst zum Einsatz kommen kann. Denn diese müssen praktisch zwingend ab einer bestimmten Höhe durch Bohrungen mit der Wand verbunden werden. Schon bei einem denkmalgeschützten Haus kann das zur Unmöglichkeit werden. Und was macht man dann, wenn dennoch Stuck ausgebessert werden muss? Genau, man ruft Industriekletterer. 

Model-Gesichter in XXXXL 

Schon mal gefragt, wer die gigantischen Werbebanner an Hausfassaden befestigt, von denen einen Models oft mit zwei Meter durchmessenden Augen auch aus Kilometern Entfernung anlächeln? Auch das machen Industriekletterer. Denn die Banner werden nicht einfach nur oben befestigt und dann wie eine überdimensionierte Fahne hängen gelassen, sondern benötigen ein Gerüst als Unterbau – und je nach Dimensionen müssen sie auch aus mehreren „Streifen“ zusammengesetzt werden. All das muss vom Klettergeschirr aus geschehen und ist eine der Königsdisziplinen des Jobs. 

Keine Seil-Rambos, bitte 

Wer nun auf den Geschmack gekommen ist, fragt sich sicherlich, ob er für den Job geeignet ist. Keine Sorge, es sind keine großen Vorkenntnisse vonnöten. Beispielsweise ist vorherige Kletter-Erfahrung keine Grundvoraussetzung.

Man sollte kein Übergewicht haben, jedoch „normale“ Fitness reicht völlig aus. Viel wichtiger ist da ein gesundes Sicherheitsempfinden. Der Job lebt nicht davon, dass man überflüssige Risiken eingeht, sondern unter den gegebenen Umständen so vorsichtig agiert, wie es nur möglich ist. „Seil-Rambos“ braucht es nicht, sondern echte Profis, die das Gebäude „lesen“ können und zu allererst ihre Sicherheit und die ihrer Kollegen im Auge haben. 

Allerdings ist viel Geschick vonnöten. Nicht nur, weil es nur am Seil hängend schon wesentlich schwieriger ist, etwas Einfaches wie einen Schraubenschlüssel zu bedienen (weil man ja keinen festen Standpunkt hat), sondern weil in der Höhe oft kein Spielraum für mehrere Versuche ist.

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