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Omikron-Angst wächst: China verhängt immer härtere Lockdowns – selbst bei wenigen Fällen

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Von: Christiane Kühl

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Ein Freiwilliger in einem weißen Schutzanzug trägt zwei Tüten mit frisch gekochte Speisen zu einem Apartmenthaus in Xi‘an.
Niemand darf seine Wohnung verlassen: Ein Freiwilliger bringt frisch gekochte Speisen zu einem Apartmenthaus in der abgeriegelten Stadt Xi‘an. © Zhang Bowen/Imago/Xinhua

China fürchtet Omikron und erlässt immer strengere Maßnahmen. Die Bewohner der 13-Millionenstadt Xi‘an sitzen in ihren Wohnungen fest. Weitere Städte folgten in den Lockdown.

Xi’an/München – Der Plastikbeutel voller Nahrungsmittel wandert eine scheinbar endlose Menschenkette entlang: In weiße Schutzanzüge gehüllte Helfer reichen die Tüte von einem Kleinlaster bis in den Eingang eines Wohnhauses durch. Dort hinein konnte der Amateurfilmer nicht folgen, dessen Handyvideo in ganz China* die Runde machte. Eine Szene von vielen aus der abgeriegelten Stadt Xi’an, deren Bewohner seit Ende Dezember praktisch nur für die regelmäßigen PCR-Tests ihre Wohnungen verlassen dürfen. Sechsmal wurden alle 13 Millionen Einwohner bereits getestet; diese Woche läuft die siebte Runde Massentests.

Ansonsten zeigen Bilder der amtlichen Nachrichtenagentur Xinhua eine ausgestorbene Stadt. Es erinnert an die Zeit Anfang 2020 in Wuhan – dem Ausgangsort der Corona-Pandemie*. Läden packen Lebensmittel ein, die Freiwillige und Beamte den Menschen in den abgeriegelten Wohntürmen bringen. Menschen laden Kartons aus Lastern. Fotos zeigen Personen, die zwischen sorgfältig angeordneten Plastiktüten sitzen. Freiwillige in weißen Anzügen schöpfen Suppe oder tragen Tüten mit frisch Gekochtem in die Häuser. Andere bringen Körbe mit Gemüse, Öl und Sojasauce in die Treppenhäuser und klopfen vor dem Abstellen oben an geschlossene Türen. Überall stehen die Teststationen mit Menschen, die im vorgeschriebenen Abstand warten, bis sie an der Reihe sind.

Insgesamt gab es mit Stand vom Donnerstag in Xi‘an knapp 1800 bekannte Infektionen. Nach Angaben der Behörden dominiert dabei die Delta-Variante - noch. Die täglichen Fallzahlen in Xi’an liegen inzwischen niedriger, schwankten aber zuletzt noch stark. Die Infektionsketten in Xian seien im Vergleich zu früheren Ausbrüchen in China nicht so offensichtlich, warnte derweil Zeng Guang, ehemaliger Chef-Epidemiologe am Centre for Disease Control and Prevention der Xi’an-Abendzeitung. „Was gerade in Xian passiert, könnte so auch in anderen chinesischen Städten passieren.“ 

China: Angst vor Omikron – wenige Wochen vor den Olympischen Winterspielen in Peking

Wenige Wochen vor den Olympischen Winterspielen von Peking* ist China in Angst vor Corona und speziell der Omikron-Variante. Seit Dezember sind Chinas Fallzahlen so hoch sie seit Anfang 2020 nicht mehr. Am 5. Januar gab es mit 207 erstmals wieder mehr als 200 Fälle an einem Tag. Das klingt wenig. Doch Omikron ist die große Unbekannte, auch in China. Zumal die lokalen Impfstoffe nach ersten Erkenntnissen nicht so gut gegen Omikron schützen* wie etwa die westlichen Vakzine von Biontech/Pfizer oder Moderna. Noch ist Omikron in der Volksrepublik zwar kaum verbreitet. Doch Peking will eine Ausbruchswelle der Variante vor Olympia unbedingt vermeiden.

Zugleich könnte ausgerechnet Olympia Chinas strikte Null-Covid-Politik* und damit den eigenen Erfolg bei der Pandemie-Bekämpfung zunichte machen. Zigtausende Sportler und Betreuer werden nach Peking reisen und könnten die hochansteckende Variante trotz aller Vorsichtsmaßnahmen nach China einschleppen. Bislang hatte das Land auf eine strenge Abschottung gesetzt; Visa für China sind schwer zu bekommen; die Einreise auch für die eigenen Bürger mit bis zu drei Wochen Quarantäne verbunden. Seit dem Auftauchen der Delta-Variante fuhren die Behörden selbst bei kleineren Ausbrüchen ganze Städte herunter.

Und nun droht mit Omikron eine noch ansteckendere Variante. Daher schotten die Planer schon jetzt schrittweise die Olympiastätten ab. In den kommenden Wochen sind Tausenden Organisationsmitarbeitenden, Reinigungskräften, Küchenpersonal, Fahrern und Freiwilligen sämtliche direkte Kontakte zur Außenwelt verboten. Auch die rund 3000 anreisenden Athleten, Betreuer und Medienvertreter, die zu den Olympischen Spielen nach Peking kommen, müssen für die gesamte Dauer ihres Aufenthalts in die „Blase”. Zwischen den Austragungsstätten in Peking und in den Bergen nordwestlich der Hauptstadt können sie sich in abgeschotteten Hochgeschwindigkeitszügen bewegen.

Xi‘an: Kompletter Lockdown für 13 Millionen Menschen

Der seit dem 23. Dezember für die Millionenstadt Xi‘an gültige Lockdown ist aber selbst für chinesische Verhältnisse hart. Während in den ersten Tagen noch alle paar Tage der Lebensmittelkauf erlaubt war, dürfen die Menschen nun gar nicht mehr hinaus. Die gesamte Stadt ist abgeriegelt; niemand darf sie verlassen. Wenn in einem Apartmentblock jemand positiv getestet wird, müssen alle Bewohner in ein Quarantänezentrum.

Die Menschen sind nun abhängig von Lieferungen durch Regierung, Nachbarschaftskomitees oder andere Freiwillige. Anfangs gab es Engpässe. Tausende Menschen beschwerten sich Ende Dezember aus der Quarantäne hinaus online über Hunger und fehlende Lebensmittel. „Kann das Gebäude nicht verlassen, und es wird immer schwerer, Essen im Internet zu bestellen“, zitierte die Nachrichtenagentur AP den Post eines Users aus Xi’an namens Mu Qingyuani. Chinas Wirtschaftsministerium koordinierte daraufhin Lieferungen mit sechs Nachbarprovinzen der betroffenen Provinz Shaanxi — deren Hauptstadt Xi’an ist. Die Organisation der Lieferungen wurde verbessert, unter anderem mithilfe von vielen Freiwilligen. An dem harten Regiment der Corona-Wächter aber änderten die Klagen vorerst nichts.

Die freie Journalistin Jiang Xue aus Xi’an beschrieb in ihrem Online-Tagebuch auf der Plattform WeChat die ersten zehn Tage des Lockdowns. Die Menschen in ihrer Wohnanlage tauschten Lebensmittel. Als jeder noch alle paar Tage zum Einkaufen hinaus durfte, brachte man frisches Gemüse und Fleisch für die Nachbarn mit. Kurierdienste seien seit dem 21. Dezember verboten gewesen, so dass niemand mehr im Internet bestellen konnte. Alle ermutigten einander zum Durchhalten. Zugleich hatte jeder Angst, dass sich die Nachbarn irgendwo ansteckten. Denn das bedeutete den Umzug ins Quarantänezentrum. 

Nervosität vor Olympia: Covid-Beschränkungen in immer mehr Städten

Schon flammen neue Infektionsherde in anderen Regionen auf, vor allem in der zentralchinesischen Provinz Henan mit rund 100 Millionen Einwohnern. Die Provinzhauptstadt Zhengzhou lässt in dieser Woche alle zwölf Millionen Einwohner auf das Virus testen. Dies solle „in der Öffentlichkeit versteckte Infektionen aufdecken“, teilte die Stadtverwaltung am Mittwoch mit. Elf bekannte Fälle gab es zu diesem Zeitpunkt. Yuzhou mit knapp 1,2 Millionen Einwohnern reagierte noch heftiger — nach der Entdeckung von nur drei symptomfreien Infektionen. Alle Bewohner müssen sich dort zu Hause selbst isolieren, niemand darf die Stadt verlassen. Auf den Straßen dürfen nur noch Rettungswagen verkehren. Märkte dürfen nur lebensnotwendige Waren verkaufen.

Auch andere Großstädte in Henan schränkten am Mittwoch und Donnerstag das öffentliche Leben ein. Insgesamt waren in der Provinz mit rund 100 Millionen Einwohnern am Donnerstag 64 lokal übertragene Ansteckungen mit Krankheitssymptomen gemeldet worden, nachdem es am Mittwoch nur vier gewesen waren.

China: strikte Politik hat Erfolg — aber ist von „Null-Covid” trotzdem weit entfernt

Insgesamt hat China seit Beginn der Pandemie bis Mittwoch landesweit 102.932 Infektionen und 4636 Todesfälle im Zusammenhang mit dem Coronavirus gemeldet. Die Zahlen sind damit deutlich niedriger als etwa in den USA oder in Europa. Doch Omikron könnte alles verändern. „Wie China durch die Omikron-Welle kommt, hängt vor allem von der Wirksamkeit der dortigen Impfstoffe ab“, sagt Sebastian Ulbert, Impfstoff-Experte am Fraunhofer-Institut für Zelltherapie und Immunologie.

China verimpft Totimpfstoffe der Firmen Sinopharm und Sinovac, deren Schutz vor Omikron laut ersten Erkenntnissen schwächer ist als bei anderen Vakzine. Die Datenlage ist laut Ulbert allerdings dünn. Rund 80 Prozent der Chinesen sind derzeit doppelt mit diesen geimpft. Die Zulassung des für Booster potenziell hilfreichen Biontech-Impfstoffs hängt seit Monaten in der Schwebe.

China: Unzufriedenheit mit harter Linie wächst – vor allem in Xi‘an

Bislang gab es in China kaum Widerstand gegen die strikte „Null-Covid-Strategie“. Doch inzwischen mehren sich die Beschwerden. Videos und Posts von Überreaktionen der Corona-Wächter von Xi’an verbreiteten sich sofort im Netz. Ein häufig geteiltes Video aus Xi’an zeigt einen Mann, den Aufseher zusammenschlagen, weil er versuchte, für seine hungrige Familie Dampfbrötchen zu besorgen. Die Polizei teilte später mit, die Aufseher hätten sich entschuldigt und müssten eine Geldstrafe zahlen.

Viel schlimmer sind zwei Fälle hochschwangerer Frauen. Beide verloren ihre Babys, weil Xi‘ans Krankenhäuser sie nicht aufnahmen. Eine Frau wurde blutend vor einer Klinik gezeigt; dieser Weibo-Post ihrer Nichte sorgte für Empörung im Netz — bis er nach einem Bericht der South China Morning Post verschwand, wohl auf Druck der Zensoren. Laut dem Post war der letzte PCR-Test der Frau vier Stunden zuvor abgelaufen*. Der Generaldirektor des Krankenhauses wurde suspendiert, weitere Mitarbeiter von ihren Aufgaben entbunden. Die zweite Frau verlor ihr Baby nach einer vergeblichen Odyssee von einem Krankenhaus zum nächsten; niemand hatte ihr mitgeteilt, welche Klinken für sie zuständig sei.

Null Covid: Druck auf lokale Behörden immens

Bei jedem Ausbruch stehen die jeweiligen örtlichen Behörden massiv unter Druck. In Xi‘an wurde allen Amtsträgern mitgeteilt, dass sie ihre Jobs verlieren würden, wenn es ihnen nicht gelingen sollte, die Zahl der Infektionen zu senken. Zwei leitende Lokalbeamte wurden geschasst, weil in ihrer Gegend die Versorgung mit Lebensmitteln nicht klappte. Der Chef des lokalen Zentrums für Big Data wurde wegen „Vernachlässigung der Dienstpflicht” suspendiert, nachdem die lokale Corona-App zweimal zusammengebrochen war. Der Kampf gegen Omikron wird so auch zum politischen Risiko für lokale Kader. (ck)*Merkur.de ist ein Angebot von IPPEN.MEDIA.

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