Millionen Dosen ab Dezember?

Russischer Corona-Impfstoff geht in Produktion - Virologe: „Würde mich damit nicht impfen lassen“

Russlands Präsident Wladimir Putin präsentiert einen umstrittenen Coronavirus-Impfstoff - dessen Name auch einen Seitenhieb auf die USA ist. Trotz Bedenken geht er in Produktion.

  • Weltweit läuft ein Wettlauf um einen Impfstoff* gegen das Sars-CoV-2-Virus*.
  • Nun spricht Russlands Präsident Wladimir Putin von der ersten staatlichen Zulassung in der Corona-Pandemie*.
  • Die Ankündigung der Regierung in Moskau werfen viele Fragen auf (siehe Erstmeldung).
  • Irans Gesundheitsminister bezeichnet den russischen Impfstoff als „Büchse der Pandora“. Jetzt ist er in Produktion gegangen (Update vom 16. August, 13.59 Uhr).

Update vom 16. August, 13.59 Uhr: Obwohl die finale Testreihe mit 2000 Personen noch läuft, ist der umstrittene russische Impfstoff gegen das Coronavirus in Produktion gegangen. . „Die erste Charge des neuen Impfstoffs gegen das Coronavirus des Gamaleja-Forschungszentrums wurde hergestellt“, zitierten russische Nachrichtenagenturen das Gesundheitsministerium in Moskau am Samstag. Ab Dezember oder Januar sollen monatlich fünf Millionen Impfstoffdosen produziert werden.

Corona-Impfstoff aus Russland: Virologen bemängeln fehlende Transparenz

Update vom 12. August, 16.23 Uhr: „Ich würde mich damit nicht impfen lassen", äußerte sich Virologe Martin Stürmer sehr skeptisch über das neue russische Mittel. Seit Kurzem wird der Impfstoff verabreicht. Viele Experten bemängeln unzureichende medizinische Prüfung des Wirkstoffs.

Noch deutlicher wird Irans Gesundheitsminister Kianush Jahanpur. „Es ist ein Büchse der Pandora“ zieht er einen heftigen Vergleich heran, „und möglicherweise gefährlich, bevor die klinischen Studien ordnungsgemäß abgeschlossen wurden..

Die Büchse der Pandora ist ein Artefakt aus der griechischen Mythologie. Sie beinhaltet in der Überlieferung die Übel der Welt - darunter Krankheit und Tod.

Teheran arbeitet derweil selbst an einem Corona-Impfstoff. Jahanpur stellte klar, dass man sich dabei nicht in einem Wettlauf befände. „Es muss darauf geachtet werden, dass dieses Rennen nur ein Rennen auf dem Weg zu mehr Sicherheit, Gesundheit und Wohlbefinden ist und sonst nichts.“

Putin lässt Corona-Impfstoff zu und testet ihn an Tochter - Virologe: „Würde mich damit nicht impfen lassen“

Update vom 12. August, 12:31 Uhr: Markus Lanz (ZDF) ist nach einer kurzen Sommerpause mit seiner Sendung zurück im TV - erstes Thema des Talk-Abends war der neue Corona-Impfstoff, der von Präsident Wladimir Putin in Russland zugelassen worden ist. Der Staatschef hat das Mittel sogar seiner eigenen Tochter verabreicht. Doch es gibt auch große Bedenken in Bezug auf das Medikament. Auch der Virologe Martin Stürmer zeigte sich in Lanz‘ Sendung sehr skeptisch.

Er würde sich „damit nicht impfen lassen“, sagt er im Gespräch frei heraus. Doch seine Bedenken gehen noch viel weiter: „Letztlich reden wir ja über einen Impfstoff, der möglicherweise Millionen bis Milliarden von Menschen verabreicht werden soll, der die klinische Prüfung überhaupt nicht vollständig abgeschlossen hat.“ Getestet worden sei der Wirkstoff an schätzungsweise 50 bis 100 Soldaten - und das auch nur mehr oder wenig freiwillig. Ein großes Problem sei außerdem, dass man bisher überhaupt nicht abschätzen könne, inwiefern das Mittel tatsächlich wirke und welche Nebenwirkungen auftreten könnten. Das sei vor der Zulassung nicht überprüft worden. Die Folgen sind potenziell fatal. „Wir können Autoimmunerkrankungen erzeugen, wir können andere schwere Nebenwirkungen bekommen, die sehr vielseitig sein können“, so der Virologe. Auch einen Organschaden könne man nicht ausschließen.

Wladimir Putin: Russland lässt als erster Staat einen Corona-Impstoff zu - der ist aber umstritten

Erstmeldung vom 11. August: Moskau - Russlands Präsident Wladimir Putin will der Schnellste gewesen sein: Als erstes Land der Welt hat sein Staat ihm zufolge eine Impfung gegen das neuartige Coronavirus* entwickelt. Sie sei am Morgen in Russland zugelassen worden, sagte Putin am Dienstag während einer vom Fernsehen übertragenen Videokonferenz mit Ministern. Sie ermögliche eine dauerhafte Immunität, sagte er - und fügte hinzu, seine Tochter sei bereits geimpft worden.

Der Impfstoff wurde vom staatlichen Gamaleja-Institut für Epidemiologie und Mikrobiologie in Moskau entwickelt. Erst wenige Menschen haben ihn im Rahmen einer Studie erhalten. Eine Zulassung vor dem Vorliegen der Ergebnisse großer klinischer Studien widerspricht dem international üblichen Vorgehen.

Putin-Regierung mit erstem Corona-Impfstoff? Mediziner sind kritisch

So stellte die Weltgesundheitsorganisation (WHO) im Vorfeld klar: „Jeder Impfstoff muss natürlich alle Versuchsreihen und Tests durchlaufen, bevor er genehmigt und ausgeliefert wird.“ Es gebe klare Richtlinien für die Entwicklung von Impfstoffen. Russland hatte im Frühjahr eine klinische Studie mit dem Impfstoff „Gam-Covid-Vac Lyo“ in einer internationalen Datenbank registriert.

Der Präsident der Bundesärztekammer, Klaus Reinhardt, hat die Zulassung des Corona-Impfstoffs scharf kritisiert. „Die Zulassung eines Impfstoffs ohne die entscheidende dritte Testreihe halte ich für ein hochriskantes Experiment am Menschen“, sagte Reinhardt der Rheinischen Post laut Vorabmeldung vom Dienstag. Es sei „unverantwortlich, ganze Bevölkerungsgruppen bereits in diesem Stadium der Entwicklung zu impfen.“

Putin verkündet Zulassung von erster Coronavirus-Impfung: Mittel wird „Sputnik V" genannt

Russland hat den Impfstoff in Erinnerung an sein Vordringen in den Weltraum auf den Namen „Sputnik V“ getauft. Das berichtete das russische Staatsfernsehen seither auch. Unter dem Hashtag #RussianVaccine (deutsch: „russischer Impfstoff“) verbreitet sich die Neuigkeit unter anderem gerade auf Twitter:

Der Chef des russischen Investmentfonds Kirill Dmitrijew sprach kürzlich von einem „Sputnik-Moment“. „Die Amerikaner waren überrascht, als sie Sputniks Piepen hörten. Mit diesem Impfstoff ist es genauso“, sagte er dem US-Sender CNN. Seine vom Kreml gegründete Stiftung finanziert die Impfstoff-Produktion.

In Russland wird die Entwicklung des neuen Impfstoffs verglichen damit, dass die Sowjetunion einst als erste Nation in den Weltraum vorgedrungen war. Russland sieht sich als Rechtsnachfolger des vor rund 30 Jahren aufgelösten kommunistischen Imperiums. Die stolze Weltraumnation hatte 1957 den ersten Satelliten - den Sputnik - ins All gebracht und damit das Zeitalter der Raumfahrt begründet.

Weltweit wird in mehr als 170 Projekten weltweit nach Corona-Impfstoffen gesucht und mehrere Forscherteams haben vielversprechende Zwischenergebnisse veröffentlicht. Allerdings rechnen Experten generell mit einem marktfähigen Impfstoff zumeist erst 2021. (dpa/AFP/frs) *Merkur.de gehört zum Ippen-Digital-Redaktionsnetzwerk.

In der ZDF-Sendung von Markus Lanz ging es am Donnerstag um Corona. SPD-Politiker Karl Lauterbach warnte vor dem russischen Impfstoff und stellte eine Schulrevolution in den Raum.

Rubriklistenbild: © Alexei Nikolsky

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