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Zwei Tote nach Raketenangriff in Polen: Was bisher bekannt ist

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Von: Andreas Schmid

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In Polen schlägt eine Rakete ein und tötet zwei Menschen. Die Nato ist alarmiert. Die Ukraine macht Russland verantwortlich, Moskau dementiert. Was bisher bekannt ist.

Update vom 16. November, 10.30 Uhr: Russlands Verteidigungsministerium dementiert erneut Berichte, wonach die russische Armee Raketen auf Polen abgefeuert habe. Die Trümmer, die am Ort des Einschlages in Polen gefunden wurden, seien „von russischen Experten des militärisch-industriellen Komplexes eindeutig als Elemente der S300-Flugabwehrlenkwaffe der ukrainischen Luftwaffe identifiziert“ worden. Die Angriffe gegen die Ukraine seien nur auf ukrainischem Territorium und in einer Entfernung von „nicht weniger als 35 Kilometern zur ukrainisch-polnischen Grenze“ erfolgt, so das Ministerium in Moskau. Die S300 ist ein Raketensystem aus russische Produktion, das vor allem zur Luftabwehr, aber auch gegen Bodenziele eingesetzt wird. Das System wird sowohl von der russischen als auch von der ukrainischen Armee eingesetzt.

Raketeneinschlag in Polen: „Artikel 5 wird nicht automatisch aktiviert“

Indes äußerte sich ein hochrangiger französischer Beamter zu der Möglichkeit der Aktivierung des Nato-Artikels 5. „Auch wenn bewiesen wird, dass hinter dem Raketenangriff Russland steckt, wird Artikel 5 nicht automatisch aktiviert“, erklärte er gegenüber der US-Nachrichtenagentur Bloomberg. Niemand wolle eine Eskalation mit Russland, die eine „gefährliche Form“ annehmen könne, sagte der Beamte. Artikel 5 der Nato verpflichtet Nato-Mitglieder zur gegenseitigen Verteidigung im Falle eines Angriffs.

Raketeneinschlag in Polen: Nach Explosionen herrscht internationaler Aufruhr

Update vom 16. November, 7.35 Uhr: Nach den Explosionen in Polen herrscht international Aufruhr: Kiew fordert eine „harte Reaktion“, während Washington von Hinweisen auf ein ukrainisches Geschoss spricht und Frankreich vor voreiligen Schlüssen warnt. Staaten beim G20-Gipfel auf Bali haben Warschau jedenfalls ihre Unterstützung zugesagt - die Entwicklungen können Sie in unserem News-Ticker zum Raketeneinschlag in Polen verfolgen.

Raketenangriff auf Polen: Zusammenhang mit dem Ukraine-Krieg?

Erstmeldung vom 15. November: Przewodów – In einem polnischen Dorf nahe der ukrainischen Grenze schlugen am Dienstagnachmittag Raketen ein, zwei Menschen starben. Die Nachrichtenlage ist überschaubar, es gibt unterschiedliche Berichte. So ist unklar, ob es sich um eine bewusst auf Polen gefeuerte Rakete handelt oder das Dorf Przewodów irrtümlich getroffen wurde. Alle Infos, was bisher bekannt ist (Stand: 22.30 Uhr).

Raketen treffen Polen: Das sagen die Behörden vor Ort

Zunächst berichtete der private polnische Radiosender Zet von einem Raketenangriff auf das Dorf Przewodów, der sich gegen 15.40 Uhr ereignet haben soll. Die lokale Feuerwehr bestätigte das am Abend und sprach von einer Explosion auf einem landwirtschaftlichen Betrieb. Zwei Menschen starben.

Das Dorf Przewodów, in dem die Raketen einschlugen, liegt nah an der Grenze zwischen Polen und der Ukraine. Russland hatte am Dienstag massiv Raketen auf die Ukraine abgefeuert, Ziel der Angriffe war unter anderem auch die Stadt Lwiw, die lediglich rund 70 Kilometer entfernt von Przewodów liegt.

Explosion in Polen nahe ukrainischer Grenze. Przewodów liegt acht Kilometer von der Ukraine entfernt.
Explosion in Polen nahe ukrainischer Grenze. Przewodów liegt acht Kilometer von der Ukraine entfernt. © Grafik: A. Brühl, Redaktion: J. Schneider (dpa)

Wer wird für den Angriff verantwortlich gemacht?

Kurz nach den ersten Berichten gab es Meldungen, wonach es sich um russische Raketen handeln solle. Die Nachrichtenagentur AP berichtete, ein US-Geheimdienstmitarbeiter habe bestätigt, dass es sich um russische Raketen gehandelt habe. Offiziell bestätigt ist dies aber nicht. Die Ursache für die Explosion sei noch ungeklärt, sagte ein Sprecher der Feuerwehr in Hrubieszow der Deutschen Presse-Agentur am Dienstagabend.

In Polen gab es zudem Meldungen, wonach die Raketen von ukrainischen Streitkräften abgeschossen wurden. Dieses Szenario wird laut ZDF-„heute-journal“ auch im Kanzleramt diskutiert. Laut ZDF-Korrespondent Theo Koll gibt es drei mögliche Szenarien. Man gehe davon aus, bald Klarheit zu haben (voraussichtlich am Mittwoch).

Was sagen Russland und die Ukraine?

Der ukrainische Staatschef Wolodymyr Selenskyj beschuldigte Russland, die Raketen abgefeuert und damit eine „sehr erhebliche Eskalation“ herbeigeführt zu haben. Das Abfeuern von Raketen auf Nato-Territorium sei „ein Angriff Russlands auf die kollektive Sicherheit“, sagte der ukrainische Präsident: „Wir müssen handeln.“ Je länger sich Russland unanfechtbar fühle, desto größer würden die Bedrohungen für alle, die sich in der Reichweite russischer Raketen befänden.

Das russische Militär dementierte wiederum, etwas mit dem Raketenangriff zu tun zu haben. Der Kreml wies die Berichte als „gezielte Provokation“ zurück. Es seien keine Ziele im ukrainisch-polnischen Grenzgebiet beschossen worden, teilte das Verteidigungsministerium in Moskau am Dienstagabend mit. Auch die in polnischen Medien verbreiteten Fotos angeblicher Trümmerteile hätten nichts mit russischen Waffensystemen zu tun, hieß es.

Wie reagiert Polen?

Als Reaktion auf den Raketeneinschlag erhöht Polen die Bereitschaft des Militärs. Dies gelte auch für andere uniformierte Dienste, sagte ein Regierungssprecher am Dienstagabend in Warschau. Außerdem werde darüber nachgedacht, Artikel 4 des Nato-Vertrages auszulösen, hieß es am Abend von der polnischen Regierung.

In Artikel 4 des Nato-Vertrags heißt es: „Die Parteien werden einander konsultieren, wenn nach Auffassung einer von ihnen die Unversehrtheit des Gebiets, die politische Unabhängigkeit oder die Sicherheit einer der Parteien bedroht ist.“

Wie reagiert die Nato auf die Ereignisse?

Mehrere osteuropäische Länder ergriffen alsbald deutlich Partei. Lettlands Verteidigungsminister Artis Pabriks schrieb auf Twitter: „Das kriminelle russische Regime hat Raketen abgefeuert, die nicht nur auf ukrainische Zivilisten abzielen, sondern auch auf Nato-Gebiet in Polen gelandet sind.“ Vom estnischen Außenministerium hieß es: „Estland ist bereit, jeden Zentimeter des Nato-Gebiets zu verteidigen.“ Polens Ministerpräsident Mateusz Morawiecki berief am Abend den Ministerrat für nationale Sicherheit und Verteidigung ein. Selbiges tat Ungarn.

Die deutsche Außenministerin Annalena Baerbock schrieb auf Twitter: „Meine Gedanken sind bei Polen, unserem engen Verbündeten und Nachbarn. Wir beobachten die Situation genau und stehen in Kontakt mit unseren polnischen Freunden und Nato-Verbündeten.“ Die Nato hatte zuvor bekannt gegeben, dass sie Berichte über die tödliche Explosion prüfen werde. Es gebe eine enge Abstimmung mit dem Verbündeten Polen, hieß es weiter.

Das US-Verteidigungsministerium wiederum erklärte, Berichte über den angeblichen Einschlag von zwei russischen Raketen in Polen würden geprüft. Die Presseberichte seien dem Pentagon bekannt, sagte ein Sprecher am Dienstag in Washington. Zum jetzigen Zeitpunkt habe das Ministerium aber keine Informationen, die diese Berichte bestätigen könnten. „Wenn wir ein Update zur Verfügung stellen können, werden wir dies tun“, sagte der Sprecher weiter

Warum ist das Ereignis so brisant?

Sollte sich bewahrheiten, dass die Explosion von Raketen ausgelöst wurde, wäre das der erste derartige Vorfall in dem seit fast neun Monaten dauernden russischen Angriffskrieg gegen die Ukraine.

Die Nato unterstützt Kiew mit Waffenlieferungen, ist aber per se keine Kriegspartei im Ukraine-Krieg – und wird es wohl vorerst auch nicht werden. Aber: Nato-Artikel 5 regelt den sogenannten Bündnisfall.

Die Parteien vereinbaren, dass ein bewaffneter Angriff gegen eine oder mehrere von ihnen in Europa oder Nordamerika als ein Angriff gegen sie alle angesehen werden wird.

Erster Satz im Nato-Artikel 5

Im Bündnisfall heißt es also: Wenn ein Nato-Mitglied angegriffen wird, wird de facto die gesamte Nato angegriffen. Der Nato-Rat stellt den Bündnisfall einstimmig fest, erklärt wurde er bisher erst einmal: nach den Terroranschlägen in den USA vom 11. September 2001. (as)

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