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Historisch: EZB hebt Leitzins kräftig an - und erwartet nun 8,1 Prozent Inflation in der Euro-Zone

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Von: Thomas Schmidtutz

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EZB-Zentrale in Frankfurt: Die Währungshüter erwarten weiter steigende Inflationsraten und heben den Leitzins deutlich an.
EZB-Zentrale in Frankfurt: Die Währungshüter erwarten weiter steigende Inflationsraten und heben den Leitzins deutlich an. © Andreas Arnold/dpa

Im Kampf gegen die rekordhohe Inflation greift die EZB jetzt durch - und hebt den Leitzins so stark an wie noch nie in der Geschichte der Euro-Zone.

Frankfurt/Main - Die Europäische Zentralbank (EZB) stemmt sich mit einer historischen Zinserhöhung gegen die Rekordinflation im Euroraum. Erstmals in der Geschichte der Notenbank beschloss der EZB-Rat eine Zinsanhebung um 0,75 Prozentpunkte. Damit steigt der Leitzins, zu dem sich Geschäftsbanken frisches Geld bei der EZB leihen können, auf 1,25 Prozent, wie die Notenbank am Donnerstag in Frankfurt mitteilte. Die EZB stellte zugleich weitere Zinserhöhungen in den nächsten Monaten in Aussicht.

Signalisiert hatte der EZB-Rat für seine September-Sitzung bereits frühzeitig eine weitere Zinserhöhung um 0,5 Prozentpunkte. Doch inzwischen erwartet die EZB weiter steigende Inflationsraten. Danach dürfte die Teuerung im laufenden Jahr bei 8,1 Prozent liegen, hieß es am Dienstag. Im Juni waren die Währungshüter noch von einem Wert von 6,8 Prozent ausgegangen.

Ende der Zinspolitik: Keine Strafzinsen mehr für Sparer

Nach langem Zögern hatte der EZB-Rat bei seiner Sitzung am 21. Juli erstmals seit elf Jahren die Zinsen im Euroraum wieder angehoben. Zur Freude von Millionen Sparern beendete die Notenbank die Phase der Negativzinspolitik: Geschäftsbanken müssen seither nicht mehr 0,5 Prozent Zinsen zahlen, wenn sie Geld bei der Notenbank parken. Viele Banken nahmen dies zum Anlass, sogenannte Verwahrentgelte für ihre Kunden abzuschaffen. Der sogenannte Einlagensatz steigt nach der EZB-Entscheidung vom Donnerstag auf 0,75 Prozent.

Die EZB hatte die hohe Inflation lange als vorübergehend interpretiert und hat deutlich später als andere viele andere Zentralbanken die Zinswende eingeleitet. Die US-Notenbank Fed beispielweise hat ihre Leitzinsen bereits mehrfach nach oben geschraubt, dabei zweimal um jeweils 0,75 Prozentpunkte.

Die drei Leitzinsen der Europäischen Zentralbank

Das wichtigste Ziel der Europäischen Zentralbank (EZB) ist die Stabilität der Gemeinschaftswährung. Als Zielvorgabe gilt eine Inflationsrate von zwei Prozent. Die wichtigsten Stellschrauben in der Geldpolitik sind die drei Leitzinssätze der EZB, die am Donnerstag wegen der anhaltend hohen Inflation zum zweiten Mal innerhalb weniger Monate erhöht wurden. Ein Überblick:

Wie wirken die unterschiedlichen Zinssätze?

Die Zinssätze der EZB sind das wichtigste Instrument der Zentralbank, um die Geldmenge im Eurosystem zu steuern. Dies geschieht, indem die Zentralbänker über die verschiedenen Leitzinsen die Kosten festlegen, die für Geschäftsbanken im Euroraum anfallen, wenn diese sich Geld bei der EZB leihen oder es dort hinterlegen wollen.

Bei niedrigen Leitzinsen können Banken billig Geld leihen - auch die Kredite für private Verbraucherinnen und Verbraucher und Unternehmen werden dann günstiger, die im Umlauf befindliche Geldmenge erhöht sich. Umgekehrt sorgen höhere Leitzinsen für höhere Kreditkosten und somit mittelbar für eine Abnahme der Geldmenge.

Hauptrefinanzierungssatz

Beim Hauptrefinanzierungssatz der EZB handelt es sich um den wichtigsten Leitzins. Dieser legt fest, zu welchem Zinssatz sich Banken Geld von der Zentralbank leihen können. Die Mindestlaufzeit beträgt hier eine Woche. Dabei gilt: Steigt der Zins, so steigen auch die Kosten für die Banken und somit für die Verbraucher in Form höherer Zinsen auf Privatkredite. Umgekehrt sorgt ein niedriger Hauptrefinanzierungssatz für billiges Geld und somit für günstige Kredite. Der Hauptrefinanzierungssatz lag von März 2016 bis diesen Juli bei null Prozent, stieg dann auf 0,5 Prozent und nun auf 1,25 Prozent.

Spitzenrefinanzierungssatz

Der Spitzenrefinanzierungssatz legt fest, zu welchen Kosten Geschäftsbanken kurzfristig Geld bei der EZB leihen können. Zwar können sich Banken auch untereinander kurzfristig Geld leihen - diese Kredite müssen aber zwangsläufig niedriger verzinst sein als der Spitzenrefinanzierungssatz der EZB, da sich das Leihgeschäft der Banken untereinander im Vergleich zur Kreditaufnahme bei der EZB ansonsten nicht lohnen würde. De facto stellt der Spitzenrefinanzierungssatz also eine obere Zinsgrenze für das Tagesgeld dar. Er wurde im Juli von 0,25 auf 0,75 Prozent angehoben, und nun auf 1,5 Prozent.

Einlagensatz

Der Einlagensatz legt fest, zu welchem Zinssatz Banken überschüssiges Geld bei der EZB einlagern können. Ähnlich wie beim Spitzenrefinanzierungssatz können Banken auch untereinander kurzfristig Geld anlegen. Da aber kein Geldhaus einen niedrigeren Zinssatz als den Einlagenzins der EZB akzeptieren wird, handelt es sich bei diesem Leitzins de facto um eine untere Zinsgrenze für das Tagesgeld. Im Juni 2014 senkte die EZB den Einlagensatz erstmals in den negativen Bereich, auf minus 0,1 Prozent. Banken mussten danach Geld bezahlen, wenn sie Liquidität bei der EZB anlegen wollten. Im September 2019 wurde der Einlagensatz auf minus 0,5 Prozent abgesenkt. Ab Juli lag er bei null Prozent, ab Donnerstag nun bei plus 0,75 Prozent.

Ende des Preisauftriebs nicht in Sicht

Ein Ende der Preissteigerungen im Euroraum ist nicht in Sicht: Im August kletterte die Inflation im Währungsraum der 19 Länder getrieben von steigenden Energie- und Lebensmittelpreisen auf die Rekordhöhe von 9,1 Prozent. Volkswirte rechnen für die nächsten Monate mit einem weiteren Anstieg. Die EZB strebt für den gemeinsamen Währungsraum mittelfristig ein stabiles Preisniveau bei einer Jahresteuerung von zwei Prozent an.

Für immer mehr Menschen werde die hohe Inflation zu einer enormen Belastung, sagte Bundesbank-Präsident Joachim Nagel jüngst. Nagel, der im EZB-Rat über die Geldpolitik mitentscheidet, sprach sich für eine „kräftige Zinsanhebung“ im September aus und erklärte: „Und in den folgenden Monaten ist mit weiteren Zinsschritten zu rechnen.“ Die Geldpolitik müsse die hohe Teuerung entschlossen bekämpfen.

EZB: Sorge um Konjunktur

Zugleich gibt es unter Währungshütern Sorge, mit einer zu schnellen Normalisierung der zuvor jahrelang ultralockeren Geldpolitik die Konjunktur zu bremsen, die ohnehin mit Lieferengpässen und den Folgen des Ukraine-Krieges etwa auf dem Energiemarkt zu schaffen hat. Die EZB behält sich daher vor, über Anleihenkäufe hochverschuldeten Euro-Staaten unter die Arme zu greifen. (dpa/utz)

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