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Russlands Warnung vor der „schmutzigen Bombe“: Militärexperte erklärt Putins Strategie

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Von: Stephanie Munk

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Russland lässt nicht von der Behauptung ab, die Ukraine wolle eine „schmutzige Bombe“ im eigenen Land zünden. Militärexperte Gustav Gressel erklärt bei IPPEN.MEDIA den Hintergrund.

Moskau/München - Russland irritiert die Welt seit Tagen mit markigen Drohungen: Verteidigungsminister Sergej Schoigu griff am Sonntag zum Telefonhörer und berichtete den Amtskollegen von USA, Frankreich und Großbritannien, dass die Ukraine den Einsatz einer „schmutzigen Bombe“ plane. Kiew wolle eine radioaktiv verseucht Bombe auf eigenem Boden zünden, um das dann Russland in die Schuhe zu schieben.

London, Paris und Washington wiesen die Behauptungen sofort als falsch zurück, aber Irritationen bleiben. Gustav Gressel, Militärexperte des European Council on Foreign Affairs, bezeichnet die russischen Warnungen vor der „schmutzigen Bombe“ gegenüber Merkur.de von IPPEN.MEDIA als „absurd“. Sie dienten allein „der Propaganda und der Verunsicherung des Westens“.

Ukraine-Talk: Militärexperte Gustav Gressel (re.) am Donnerstag bei „Maybrit Illner“ im ZDF.
Militärexperte Gustav Gressel (r.) sprach auch schon bei „Maybrit Illner“ über den Ukraine-Krieg © Svea Pietschmann/ZDF

Russland warnt vor „schmutziger Bombe“ der Ukraine - Militärexperte erklärt Putins Kalkül

Das Ziel, Verunsicherung zu schüren, scheint gelungen: Der Westen und die Ukraine befürchten, Russland wolle selbst eine „schmutzige Bombe“ zünden und die Ukraine dafür verantwortlich machen - möglicherweise, um dann einen Vorwand für den Einsatz von Atomwaffen zu haben. 

Solche Ängste zu schüren, sei genau Putins Kalkül, so Gressel: „Russland soll als die Macht dastehen, die jetzt bis zum Äußersten geht und mit der man besser einen Waffenstillstand eingeht, bevor Schlimmeres geschieht.“ Putins Truppen käme ein temporärer Waffenstillstand nämlich sehr gelegen, so der Experte: „Die russische Armee ist geschwächt und könnte eine Verschnaufpause bis zum Frühling gebrauchen, bis man ausreichend mobil gemacht hat.“

Berechnend? Russlands Präsident Wladimir Putin streut Warnungen über den Bau einer „schmutzigen Bombe“.
Berechnend? Russlands Präsident Wladimir Putin streut Warnungen über den Bau einer „schmutzigen Bombe“. © Gavriil Grigorov/Kremlin Pool/Imago

Warnung vor „schmutziger Bombe“ als eine von vielen absurden Behauptungen Russlands

Die Warnungen, dass die Ukraine eine radioaktiv verseuchte Bombe im eigenen Land zünden wolle, seien insgesamt als „absurd“ zu bewerten, so Gressel - genauso etwa wie die russische Behauptung, die Ukraine wolle einen Damm sprengen, um Teile der Ostukraine zu überfluten. „Aber was soll man von einem Land sagen, dessen nationaler Sicherheitsrat sich die ,De-Satanisierung‘ eines anderen Landes zum Ziel gesetzt hat?“, so der Experte.

Gressel bezieht sich damit auf neue, haltlose Äußerungen des Kreml, über die die russische Nachrichtenagentur Tass berichtet: Demnach stehe Russland in der Ukraine vor der dringenden Aufgabe, sie von der „Kirche des Satan“ befreien.

„Schmutzige Bombe“: Das versteht man darunter

Als „schmutzige Bomben“ werden konventionelle Sprengsätze bezeichnet, die bei der Explosion radioaktive, biologische oder chemische Substanzen freisetzen. Sie sind deutlich weniger zerstörerisch als Atom- oder Wasserstoffbomben, deren Spaltungs- oder Fusionsreaktionen alles Leben in einem weiten Umkreis auslöschen.

Aber: „Schmutzige Bomben“ können eine ganze Bevölkerung in Panik versetzen. „Eine schmutzige Bombe ist keine Massenvernichtungswaffe, sondern eine ‚Waffe zur massiven Störung‘, bei der Kontamination und Angst das Hauptziel sind“, heißt es in einem Artikel der unabhängigen US-Atomaufsichtsbehörde.

„Schmutzige Bomben“ sind deutlich einfacher herzustellen als Atombomben. Die geringen benötigten Mengen an radioaktivem Material finden sich in Krankenhäusern, Forschungs- und Industrieanlagen oder militärischen Einrichtungen. Bislang wurde noch nie eine solche Bombe gezündet.

Russland warnt vor „schmutziger Bombe“: Wie wird Westen reagieren?

Der Westen werde den russischen Drohgebärden nicht auf den Leim gehen, so Gressel. William Alberque, Experte für Rüstungskontrolle am Internationalen Institut für Strategische Studien in London, betont außerdem: „Wir würden sofort merken, wenn es sich um einen Angriff unter falscher Flagge handelt. Radiologische Waffen sind identifizierbar und werden genau untersucht“, sagt er. Deshalb hält auch Alberque Russlands Warnungen vor einer „schmutzigen Bombe“ derzeit für „bloßes Getöse“. (smu mit Material von dpa und AFP)

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