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Jetzt reagiert Melnyk auf seine Entlassung - und schildert „eine Art Hassliebe“ zu Deutschland

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Von: Christoph Gschoßmann

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Andrij Melnyk ist nicht mehr Botschafter der Ukraine in Deutschland. Präsident Wolodymyr Selenskyj hat ihn entlassen. Jetzt reagiert er selbst.

Update vom 10. Juli, 21.47 Uhr: Der Abschied aus Deutschland fällt dem abberufenen ukrainischen Botschafter Andrij Melnyk nach eigenem Bekunden nicht leicht. „Deutschland bleibt in unseren Herzen“, sagte Melnyk der Frankfurter Allgemeinen Zeitung am Sonntag, „der Abschied fällt uns schwer“. „Ich war zweimal in Deutschland auf Posten, ich habe eine sehr enge Beziehung zu diesem Land, die streckenweise auch eine Art Hassliebe war.“

Seine Amtszeit werde formell „vermutlich in wenigen Wochen zu Ende gehen“, zitierte die Zeitung ihn. Dann würden er und seine Familie in die Ukraine ausreisen. In seiner Zeit als Botschafter, also etwa seit Beginn des von Russland gesteuerten Krieges in der Ostukraine, habe er „andere Jobangebote abgelehnt“, um seine Mission in Deutschland weiterführen zu können.

Melnyk abberufen: CDU-Politiker lobt scheidenden Ukraine-Botschafter

Update vom 10. Juli, 15.35 Uhr: Auch wenn der nun als Botschafter abgerufene Andrij Melnyk in der deutschen Öffentlichkeit zuletzt sehr kritisch gesehen wurde, bekommt er zum Abschied Applaus aus der Union. „Botschafter Melnyk hat in dieser schwierigen Zeit für sein Volk gekämpft“, attestiert ihm Außenpolitiker Roderich Kiesewetter (CDU) in der Augsburger Allgemeinen. Er habe für die Ukraine „wichtige Verdienste geleistet“. So habe Melnyk bereits vor dem Beginn des russischen Angriffs auf das Land am 24. Februar auf die russische Bedrohung hingewiesen und um Unterstützung geworben.

Kiesewetter zeigte Verständnis für die manchmal etwas derbe Wortwahl des Botschafters. Der Außenexperte sagte: „Dass er hier nicht immer den diplomatischen Ton traf, ist angesichts der unfassbaren Kriegsverbrechen und des Leids für das ukrainische Volk mehr als verständlich.“

Update vom 9. Juli, 22.30 Uhr: Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat sich zur Abberufung des Botschafters Andrij Melnyk aus Deutschland geäußert. Bei der Entscheidung habe es sich um einen normalen Vorgang gehandelt. „Ich habe heute Dekrete über die Entlassung einiger Botschafter der Ukraine unterzeichnet. Diese Frage der Rotation ist ein üblicher Teil der diplomatischen Praxis“, sagte Selenskyj am Samstag in einer Videobotschaft. Dabei nannte er weder Melnyk, noch die anderen vier abberufenen Botschafter beim Namen. „Für Tschechien, Deutschland, Ungarn, Norwegen und Indien werden neue Vertreter der Ukraine ernannt“, sagte Selenskyj. Die Kandidaten würden vom Außenministerium vorbereitet.

Die Abberufung von Andrij Melnyk aus Deutschland sorgte vor allem wegen der kontroversen Aussagen des Botschafters in der Vergangenheit für Aufsehen. Wie Berichte der Süddeutschen Zeitung und der Bild suggerieren, könnte Melnyk jedoch auch im Rahmen einer Beförderung abberufen werden. Der 46-Jährige könnte neuer stellvertretender Außenminister in Kiew werden.

Andrij Melnyk steht hinter Mikrofonen und klatscht
Warme Worte zum Abschied: Der bisherige ukrainische Botschafter Andrij Melnyk bekommt Lob aus der Union. © Christophe Gateau/dpa

Ukraine-News: Selenskyj entlässt Melnyk als Botschafter in Deutschland

Erstmeldung vom 9. Juli: Berlin/Kiew – Der ukrainische Präsident Wolodymyr Selenskyj hat Andrij Melnyk als Botschafter der Ukraine in Deutschland entlassen. Das entsprechende Dekret wurde auf der offiziellen Website des ukrainischen Präsidenten veröffentlicht. Außer Melnyk wurden laut Präsidialamt auch die Botschafter der Ukraine in Norwegen, Tschechien und Ungarn sowie Indien entlassen. Gründe oder eine künftige Verwendung der Diplomaten wurden zunächst nicht genannt.

Melnyk als Botschafter entlassen: Kontroverse Aussagen sorgten für Aufregung

Melnyk hatte während des Ukraine-Konflikts immer wieder mit kontroversen Aussagen für Aufsehen gesorgt. Zuletzt hatte er nach tagelangem Schweigen den Vorwurf zurückgewiesen, er habe mit seinen Äußerungen über den ukrainischen Nationalisten Stepan Bandera den Holocaust verharmlost. „Jeder, der mich kennt, weiß: immer habe ich den Holocaust auf das Schärfste verurteilt“, schrieb Melnyk am Dienstag auf Twitter. Die Vorwürfe gegen ihn seien „absurd“.

Der 46-Jährige bestritt in einem Interview mit dem Journalisten Tilo Jung, dass Bandera ein Massenmörder von Juden und Polen gewesen sei. Der Nationalist sei gezielt von der Sowjetunion dämonisiert worden. Die israelische Botschaft hatte dem Botschafter daraufhin „eine Verzerrung der historischen Tatsachen, eine Verharmlosung des Holocausts und eine Beleidigung derer, die von Bandera und seinen Leuten ermordet wurden“ vorgeworfen. Auch die Regierung in Kiew hatte sich daraufhin von Melnyks Aussagen distanziert.

Für Aufsehen in der deutschen Bevölkerung sorgten auch die Aussagen des 46-Jährigen in Richtung des Bundeskanzlers. Olaf Scholz hatte einem Besuch in der Ukraine zunächst eine Absage erteilt, nachdem Kiew Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier explizit ausgeladen hatte. Melnyk bezeichnete den Kanzler daraufhin als „beleidigte Leberwurst“. Scholz reiste im Juni schließlich doch in die Ukraine und Melnyk gab öffentlich an, seine Aussagen im Nachhinein zu bedauern.

Ukraine: Melnyk verlässt Deutschland – Berichte über Wechsel ins Außenministerium

Die Bild und die Süddeutsche Zeitung berichteten zuletzt unter Berufung auf ukrainische Quellen, Melnyk solle abberufen werden und ins Außenministerium nach Kiew wechseln. Noch im Herbst könnte der 46-Jährige stellvertretender Außenminister werden, schrieb die Bild.

Melnyk war seit 2015 Botschafter in Deutschland – eine außergewöhnlich lange Zeit für einen Diplomaten auf einem Posten. Auch Kommentatoren in Kiew sagten am Samstag, dass dies etwa das Doppelte der üblichen Entsendungszeit gewesen sei. (cg mit dpa)

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