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9-Euro-Ticket: Verkehrs-Riese VRN zieht Bilanz – und macht Verluste

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Von: Peter Kiefer

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Mannheim/Heidelberg – Durchwachsene erste Bilanz des VRN zum beliebten 9-Euro-Ticket: Die Monatskarte bringt zwar zusätzliche Fahrgäste – der Ticketverkauf bricht jedoch ein:

Das neue 9-Euro-Ticket ist bei Millionen Fahrgästen in ganz Deutschland sehr beliebt – bei den Verkehrsunternehmen jedoch scheinbar so gar nicht. So macht vermutlich nicht nur der Verkehrsverbund Rhein-Neckar (VRN) mit Sitz in Mannheim herbe Verluste, wie deren Zwischenbilanz zeigt.

Mannheim: VRN zieht erste Bilanz – herbe Verluste wegen 9-Euro-Ticket

Rückblick: Das 9-Euro-Ticket wurde als bundesweit geltendes Tarifangebot vom Koalitionsausschuss der Bundesregierung am 23. März dieses Jahres verkündet. Es gilt in den Monaten Juni, Juli und August 2022. Beim VRN ist es ab Ende Mai im Vorverkauf zu erwerben. Eine erste Auswertung der Verkaufszahlen mit Stand Juni 2022 liegt nun vor.

Für den ersten Monat des Aktionszeitraums wurden im VRN 271.382 Fahrkarten, sprich 9-Euro-Tickets verkauft, die zu einem Einnahmevolumen von rund 2,5 Millionen Euro geführt haben.

rnv-Fahrkartenautomat in Heidelberg (Haltestelle Stadtwerke)
Ab Juni gilt das 9-Euro-Ticket bundesweit. © Marten Kopf/HEIDELBERG24

VRN in Mannheim: Erheblicher Absatz-Rückgang wegen 9-Euro-Ticket

Dem gegenüber steht jedoch ein erheblicher Rückgang im Absatz bei den Fahrausweisen des Gelegenheitsverkehrs – sprich bei Einzelfahrscheinen, 5-Fahrten-Tickets, Tages-Tickets sowie Monatszeitkarten. Separat betrachtet, ist in diesen Fahrausweissegmenten ein Verlust von rund 6,7 Millionen Euro an Einnahmen entstanden, der nicht durch den Absatz der 9-Euro-Tickets kompensiert werden konnte.

Bei den Jahreskarteninhabern eines Job-Tickets, der Karte ab 60, dem Rhein-Neckar-Ticket sowie dem MAXX-Ticket sind lediglich marginale Veränderungen festzustellen, da diese Abonnements im Aktionszeitraum automatisch auf 9 Euro rabattiert werden.

VRN-Chef Malik: 9-Euro-Ticket „entspricht nicht unseren Erwartungen“

VRN-Geschäftsführer Volkhard Malik gibt eine erste vorsichtige Einschätzung: „Das 9-Euro-Ticket ist gemessen an den nun vorliegenden Daten für den Monat Juni noch kein Erfolg für den VRN und entspricht nicht unseren Erwartungen. Der erhebliche Rückgang bei den Fahrscheinen, die das 9-Euro-Ticket ersetzt, ist doch deutlich im Vergleich zu den verkauften 9-Euro-Tickets.“

Der Verkehrsexperte weiter: „Wenn sich in den beiden restlichen Monaten des Aktionszeitraums die Umsatzzahlen des 9-Euro-Tickets nicht erhöhen, kann man nicht von einem Erfolg des Tickets sprechen, denn dann haben nur die bisherigen Gelegenheitskunden im VRN die Chance ergriffen, mit dem 9-Euro-Ticket noch billiger und häufiger zu fahren.“

Der VRN baue allerdings darauf, dass man mit der zu Beginn des Jahres im VRN umgesetzten Tarifreform auf dem richtigen Weg sei und mit den auf die Bedürfnisse der Fahrgäste zugeschnittenen Tarifangeboten mehr Interesse und Akzeptanz für eine Verkehrswende im Sinne der Klimapolitik erreiche, so Malik.

VRN-Geschäftsführer Volkhard Malik stellt die Bilanz 2021 auf dem Maimarkt vor.
Für VRN-Geschäftsführer Volkhard Malik hat das 9-Euro-Ticket die Erwartungen nicht erfüllt. (Symbolfoto) © MANNHEIM24/Daniel Hagen/VRN

9-Euro-Ticket: Zwischenbilanz des VRN – vorläufige Erkenntnisse im Detail

Die seit Mai im Vorverkauf erworbenen und im Rahmen des Aktionszeitraums bisher verkauften 271.382 Fahrscheine bzw. 9-Euro-Tickets haben zu rund 2,5 Millionen Euro Einnahmen geführt. Mit den im Juni weiterhin verkauften Einzelfahrscheinen, 5-Fahrten-Tickets, Tages-Tickets und Monatskarten konnten Einnahmen von rund 1,5 Millionen Euro erzielt werden, sodass in Summe betrachtet ein Einnahmenvolumen von rund 4 Millionen Euro zu verzeichnen ist.

Die zuvor im Mai verkauften Einzelfahrscheine, 5-Fahrten-Tickets, Tages-Tickets und Monatskarten haben zu Einnahmen von rund 8,2 Millionen Euro geführt. Diese Summe, wäre das 9-Euro-Ticket nicht eingeführt worden, wäre sicherlich, wie die Vorjahre zeigen, in ähnlicher Größenordnung auch im Juni erzielt worden. Somit entstand ein Verlust im Segment des Gelegenheitsverkehrs inklusive der Monatskarten von rund 4,2 Millionen Euro, letztendlich resultierend aus rund 1,3 Millionen weniger abgesetzten Fahrausweisen.

Trotz 9-Euro-Ticket – Jahreskarten im Abo weiterhin beständig

Positiv stellt der VRN fest, dass der überwiegende Teil der Jahreskarteninhaber das bestehende Abo aufgrund der automatischen Rabattierung auf einen Monatsbeitrag von 9 Euro nicht gekündigt hat. Der zwischen Mai und Juni festzustellende Rückgang der Abonnementzahlen von rund ein Prozent entspricht den üblichen monatlichen Schwankungen. Aufgrund des abgesenkten Preises der insgesamt 260.769 Abos auf 9 Euro monatlich entstehen im Bereich der Abos rund 11,4 Millionen Euro an Einnahmeverlusten.

Die Linien der S-Bahn Rhein-Neckar sowie der verschiedenen touristisch interessanten Buslinien waren insbesondere an den Wochenenden wesentlich stärker nachgefragt als bisher, auch wenn es nicht zu erheblichen Überlastungen gekommen ist.

Intensivere Nachfrage im Freizeitverkehr bei VRN

Ob ein nachhaltiger umweltrelevanter Erfolg erzielt worden ist, wird sich erst zum Ende des Aktionszeitraums und der vollständigen Auswertung der von VDV und der Deutschen Bahn beauftragten bundesweiten Marktuntersuchung ergeben. Befragt werden von Juni bis Ende August 78.000 bevölkerungsrepräsentativ ausgewählte Personen (Kunden, Nichtkunden des ÖPNV) jeweils einmal in der Woche im Aktionszeitraum. Erste Ergebnisse für den Monat Juni deuten darauf hin, dass rund 20 Prozent bisherige ÖPNV-Nichtnutzer das Ticket gekauft haben.

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„Entscheidend wird sein, wie viele der neuen 9-Euro-Ticket - Nutzer perspektivisch den öffentlichen Personennahverkehr auch nach dem Aktionszeitraum nutzen werden und in die bereits bestehenden und günstigen Tarifangebote des Verbundes wechseln. Ansonsten besteht die Gefahr, dass das 9-Euro-Ticket lediglich ein befristetes Strohfeuer war“, so Malik abschließend. (PM/pek)

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