1. Heidelberg24
  2. Region

Baden-Württemberg: SPD-Politiker kritisiert PZN nach Ausbruch – Klinik kontert Vorwürfe

Erstellt: Aktualisiert:

Von: Daniel Hagen

Psychiatrisches Zentrum Nordbaden in Wiesloch
Ein SPD-Politiker kritisiert das PZN Wiesloch nach zwei Vorfällen. (Symbolfoto) © Uli Deck/dpa

Baden-Württemberg - Nach der Flucht von vier Männern aus einer Psychiatrie fordert der SPD-Abgeordnete Boris Weirauch Konsequenzen. Das PZN Wiesloch entkräftet jedoch die Befürchtungen.

Nach der Flucht von vier Patienten aus dem Zentrum für Psychiatrie Weinsberg am 23. September ist der Maßregelvollzug in Baden-Württemberg zu einem großen Thema geworden. Dabei handelt es sich um die Unterbringung von Straftätern mit psychiatrischen Krankheiten oder Suchterkrankungen in einer psychiatrischen Klinik, um diese in die Gesellschaft einzugliedern und auf ein straffreies Leben vorzubereiten. Da dort die Sicherheitsvorkehrungen aber nicht so sind, wie in einem Gefängnis, besteht natürlich auch ein gewisses Risiko. So sind drei der vier ausgebrochenen Männer aus Weinsberg weiterhin auf der Flucht und gelten als gefährlich.

NamePsychiatrisches Zentrum Nordbaden (PZN)
AdresseHeidelberger Str. 1A, 69168 Wiesloch
Mitarbeiter1.070(2015)
Gründung1905
Betten1.070 (2015)

Baden-Württemberg: SPD-Abgeordneter fordert Konsequenzen wegen Ausbrüchen

Kurz nach der Flucht äußert sich der baden-württembergische Gesundheitsminister Manne Lucha zu dem Vorfall und erklärt, welche Sicherheitsvorkehrungen in Weinsberg direkt nach dem Ausbruch eingeleitet worden sind. Weil es aber zu wenige Orte für den Maßregelvollzug gibt, sollen laut dem Minister zwei weitere Standorte im Bundesland geschaffen werden – einer davon könnte in Heidelberg sein. Der SPD-Abgeordnete Boris Weirauch aus Mannheim schlägt allerdings Alarm.

„Nach drei Ausbrüchen aus der geschlossenen Unterbringung bzw. dem Maßregelvollzug in Baden-Württemberg innerhalb weniger Wochen kann man nicht zur Tagesordnung übergehen. Minister Lucha schuldet der Bevölkerung endlich eine Erklärung, wie es sein kann, dass im Wochentakt potentiell gefährliche Insassen aus Landeseinrichtungen flüchten können“, erklärt der Minister. Damit geht er auch auf zwei Vorfälle ein, bei denen Patienten aus dem PZN Wiesloch entwichen sind und fordert Konsequenzen.

Baden-Württemberg: PZN Wiesloch macht klar – Entweichungen sind keine Gefahr gewesen

Das PZN Wiesloch entkräftet die von Boris Weirauch angesprochenen Vorfälle allerdings. „Bei den aktuell in den Medien dargestellten Fällen handelt es sich zum einen um einen Patienten, der sich von der allgemeinpsychiatrischen Station einer anderen PZN-Fachklinik entfernt hatte. Aufgrund seiner möglichen Hilflosigkeit wurde er öffentlich gesucht und auch zeitnah gefunden. Im zweiten Fall handelt es sich um einen Patienten, der im geschlossenen Reha-Bereich der Klinik für Forensische Psychiatrie und Psychotherapie untergebracht war und bei einem begleiteten Ausgang auf dem PZN-Gelände entwichen ist“, schreibt eine Sprecherin der Klinik auf HEIDELBERG24-Anfrage. Da dort die Patienten „absprachefähig“ sind, hat in beiden Fällen keine Gefahr für die Öffentlichkeit bestanden. Laut der Sprecherin habe es sich auch nicht um Ausbrüche gehandelt, sondern um „Entweichungen“.

Baden-Württemberg: Nur 47 Entweichungen – aber keine Ausbrüche

„Uns ist deshalb wichtig zu betonen: Forensisch-psychiatrischen Stationen sind Krankenhäuser – keine Gefängnisse. Ziele der medizinischen Behandlung sind u.a. eine schrittweise Übergabe der Verantwortung an den Patienten und eine Erprobung der Alltagstauglichkeit und Belastungsfähigkeit als Vorbereitung auf eine Entlassung und Wiedereingliederung in die Gesellschaft – und all das geht nur mit Lockerungen. Da können und wollen wir nichts ändern, denn solche Entweichungen stehen bei weitem nicht an der Tagesordnung“, ergänzt die PZN-Sprecherin.

So habe es im Jahr 2020 in ganz Baden-Württemberg gerade einmal 47 Entweichungen aus forensischen Kliniken gegeben – bei 200.000 Lockerungsmaßnahmen bei den 1.252 Patientinnen und Patienten! Einen richtigen Ausbruch aus dem geschlossenen Bereich – wie in Weinsberg – habe es überhaupt nicht gegeben. Wie Manne Lucha im Landtag in Stuttgart erklärt, sei es im Jahr 2019 nur zu drei solcher Ausbrüche gekommen.

Baden-Württemberg: So reagiert PZN Wiesloch auf Entweichungen und Ausbrüche

Damit es beim PZN Wiesloch auch nicht zu einem Ausbruch kommt, sind rund 400 Mitarbeiter im Maßregelvollzug tätig. Dabei handelt es sich um Pflegekräfte, Ärzte, Psychologen, Fachtherapeuten, Sozialdienst und andere Berufsgruppen. Zudem gibt es qualifizierten Sicherheitsbeauftragte, die speziell für die Belange des Maßregelvollzugs ausgebildet und in ganz Baden-Württemberg im Einsatz sind.

Übrigens: Unser HEIDELBERG24-Newsletter informiert Dich regelmäßig über alles Wichtige, was in Deiner Stadt und Region passiert.

Hinzu kommen baulich-technische Sicherungs- und Sicherheitsmaßnahmen, Mitarbeiterschulungen, Deeskalationsmanagement und das Lockerungssystem. Das Sicherheitskonzept werde regelmäßig überprüft und bei Bedarf angepasst. Sollte es wirklich einmal zu einer Entweichung oder einem Ausbruch kommen, werde der Vorfall systematisch mit dem Sozialministerium als Aufsichtsbehörde aufgearbeitet. Die Gefahr, dass „im Wochentakt potentiell gefährliche Insassen“ ausbrechen, wie Boris Weirauch schreibt, ist also nicht wahr. Zwar liest man öfter über Personen, die aus der Psychiatrie abhauen, eine Gefahr besteht aber eher selten. (dh)

Auch interessant

Kommentare