„Ich bin erst dann behindert, wenn mir niemand hilft“

Gefangen im Rollstuhl: Karl Zeidler sucht seine „ziemlich besten Freunde“

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Karl Zeidler hat eine Muskelerkrankung und sucht dringend nach Pflegekräften.

Bammental - Karl Zeidler leidet an einer seltenen und unheilbaren Krankheit, durch die er 24 Stunden am Tag auf Hilfe von Pflegekräften angewiesen ist. Da er von denen aber nicht genug findet, bittet er auf Facebook um Hilfe:

„Ich bin erst dann behindert, wenn mir niemand hilft“, so fängt Karl Zeidlers emotionaler Post in einem sozialen Netzwerk, an. „Ich kann wegen einer Muskelerkrankung nichts mehr selbst: Essen, an der Nase kratzen, mich umdrehen - 24 Stunden am Tag und in der Nacht begleiten mich Assistenten. Das klingt für Fremde manchmal schlimm, aber glauben Sie mir: Ich führe ein ziemlich normales Leben.“ 

Wir wollen den Mann hinter diesem berührenden Post kennenlernen und besuchen ihn deshalb Zuhause. 

Zivis weg - Assistenten gesucht

Ein nebliger Novembertag, die Bäume sind fast kahl und das Thermometer zeigt kühle 5 Grad. Im einzigen Hochhaus der kleinen Gemeinde Bammental treffen wir Karl Zeidler. Mit einem engen Aufzug geht es weit nach oben bis in den siebten Stock.

Als wir klingeln, öffnet uns Oliver die Tür. Er ist einer der Assistenten von Zeidler. Den Mann, den wir treffen wollen, wartet bereits auf uns und begrüßt uns freudig. Er sitzt im Rollstuhl, die Hand kann er uns nicht reichen – denn durch die Krankheit ist sein gesamter Körper wie gelähmt

Spätestens durch den Film ,Ziemlich beste Freunde' sind viele Menschen mit solch schweren Krankheiten in Kontakt gekommen und können sich seitdem ungefähr ein Bild vom Leben als Muskelerkrankter machen. Wie in der französischen Komödie, möchte auch Zeidler ein gewöhnliches Leben führen. Allerdings ist dies nur  möglich, wenn er genügend Assistenten hat, die ihm die Freiheit schenken, ein selbstbestimmtes Leben führen können. Doch seit der Abschaffung des Zivildienstes im Jahr 2011 sei es schwer geworden Assistenten zu finden, erklärt er uns. 

Die Arbeiterwohlfahrt ist seit dem Sommer diesen Jahres für die Pflegeassistenten von Zeidler zuständig. Die Organisation bleibt aber meist an ihm selbst hängen. Momentan fehle dem 73-Jährigen drei Pflegeassistenten, die dringend gefunden werden müssen. Nur zur Not könne sein Sohn oder seine Frau, die selbst gesundheitliche Probleme hat, einspringen.

Die Sprache ist das einzige was bleibt

Ein Assistent von Karl Zeidler sollte vor allem eins sein: kommunikativ. Denn dem gebildeten 73-Jährigen bleibt nur noch die Sprache, mit der er sich verständigen kann. Mit dieser weiß er sehr gut umzugehen, jedes Wort scheint bei unserem Gespräch sorgfältig gewählt. Neben seinem Bett stapeln sich die Bücher bis zur Decke – von Grimms Märchen bis hin zu anspruchsvoller Literatur. 

Der Kampf mit der Krankheit

Der gebürtige Memminger leidet an spinaler Muskelatrophie, einer extrem seltenen Muskelerkrankung. Dabei leiten die Nervenfasern die Befehle nicht richtig an die Muskeln weiter. Durch die fehlende Bewegung kommt es zum Muskelschwund. Doch anders als andere „Leidensgenossen“, kann Karl Zeidler noch bis zum achten Lebensjahr aus eigener Kraft gehen. Später braucht er einen Rollstuhl, eine Aussicht auf Besserung gibt es nicht. Trotzdem verliert Zeidler nicht den Lebensmut. Er setzt sich zum Ziel ein recht „normales Leben“ zu führen, voller Lebensfreunde und Energie – trotzt seiner Behinderung. 

Mit Anfang 30 möchte er sogar sein Abitur nachholen und strebt eine akademische Ausbildung an, das Studienfach Psychologie soll es sein. Doch die Pläne scheitern an der fortschreitenden Krankheit. Der 73-Jährige mit dem frohen Gemüt gibt nicht auf, bildet sich mit Fernkursen weiter. Er selbst bezeichnet sich als „einen häuslichen Philosoph.“

Tiefe Freundschaft

In den 70er Jahren kommt der erste Zivi zu ihm, eine große Freude für den damals 31-Jährigen. Ein Stück Freiheit in einem Leben voller Abhängigkeit. Denn nun kann er Dinge unternehmen, die sonst nicht möglich gewesen wären. „Wir sind nicht nach Amerika gereist, aber nach Mitteleuropa, Dänemark und Amsterdam!“, erzählt der Mann mit der tiefen Stimme und dem Allgäuer Dialekt. In den kommenden Jahren werden die Pfleger zu seiner rechten und linken Hand. Manchmal entsteht auch eine tiefe Freundschaft. „Ich bin manchmal etwas schwierig“, gesteht Zeidler. „Habe auch meine Launen mit denen man zurecht kommen muss!“  

Hunderte von Pflegeassistenten sieht Zeidler kommen und gehen, manche bleiben nur für kurze Zeit, einer bleibt sogar 18 Jahre lang. Mit einem ehemalige Zivi habe er noch Kontakt. Karl Zeidler und seine Frau zeigen uns stolz ein Foto, darauf Karl, Ursula und die ersten Zivildienstleistenden mit der eigenen Familie. „Das war im letzten Jahr zum 40-jährigen Jubiläum!“ Zeidlers Augen leuchten, wenn er an die vergangen Jahre denkt.

Im einzigen Hochhaus der Straße wohnt Herr Zeidler mit seiner Frau.

Seine Frau Ursula lernt Karl Zeidler vor rund 40 Jahren kennen. Die beiden nehmen an einer Sendereihe des Süd-West-Funks teil, das Thema: Einsamkeit.„Eine glückliche Fügung, dass wir uns beide beworben haben!“ Seine Frau ist es auch, die ihn in die Kurpfalz bringt. „Für mich war die Behinderung nie ein Problem, ich komme ja selbst aus dem sozialen Bereich“, erzählt Ursula. 

Familienglück trotz Behinderung

Trotz Behinderung ist vieles möglich: Neben dem vielen Reisen fängt Zeidler auch an zu Arbeiten. In Memmingen gibt er Nachhilfe, in Heidelberg hilft er Zivis bei der Ausbildung in der schwerbehinderten Betreuung. Ende der 80er Jahre kommt Sohn Benjamin zur Welt. Die anderen Kinder bemitleiden ihn früher oft und sagen, er könne doch gar nichts mit seinem Vater machen. Benjamin antwortet dann immer: „Doch sicher! Zwar kein Fußball spielen, aber es gibt viel andere Dinge!“.

Die Aussicht von Karl Zeidlers Wohnung.

Das die Welt sich weiterdreht, vor allem der technische Fortschritt, davon profitiert auch Karl Zeidler. So freut sich der 73-Jährige über die verbesserte Spracherkennung am Computer. Nun könne er selbst Texte lesen, verfassen und E-Mails versenden. Ein Schritt in die Eigenständigkeit in seinem doch sehr eingeschränkten Leben. Für ihn sei aber der größte Lichtblick ein neuer Pflegeassistent. Das Wichtigste dabei seien nicht die Vorkenntnisse oder die Berufserfahrung – die Chemie muss einfach stimmen

Auch bei uns scheint die Chemie gestimmt zu haben. Als wir die Plattenbauwohnung mit dem großartigen Blick über das Neckartal verlassen, bedankt sich Karl Zeidler und fügt noch hinzu: „Ich würde mich über einen weiteren Besuch freuen.“ Eben ein besonderer Mann, der sich trotz Behinderung nicht zu Hause verkriecht und gerne Menschen um sich hat. Hut ab!

jmb

Quelle: Mannheim24

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