Kommentar

(K)eine Angst vor Kampfhunden: Auch ein Labrador kann beißen!

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Listenhunde sind nicht automatisch aggressive Kampfbestien. (Symbolbild)

Listenhunde sind gefährlich, aggressiv und kampflustig – so die gängige Meinung. Doch die Beißstatistik sagt etwas anderes! Ein Kommentar:

Ein American Staffordshire Terrier verletzt in Weinheim vier Menschen, während sein Herrchen anwesend ist – und nichts dagegen tun kann! Der Aufschrei ist groß, schließlich handelt es sich um einen sogenannten Kampfhund, der in der Kleinstadt für Angst und Schrecken gesorgt hat. Rund ein Jahr später kommt es zu der nächsten Beiß-Attacke durch American Staffordshire Mischlinge: Sie zerfleischen einem 15-Jährigen in Leimen fast das Gesicht. Doch sind Listenhunde wirklich so unberechenbare Bestien, wie sie oft dargestellt werden? In Leimen zumindest wird die Steuer für diese Hunde extrem erhöht.

Denn geht man nach der Gesetzgebung, ist in jedem Bundesland eine andere Rasse ‚gefährlich‘. In Hessen sind die Gesetze zu Listenhunden am schärfsten: Hier werden insgesamt neun Rassen als gefährlich eingestuft. Ein Rottweiler zum Beispiel steht dort auf der ‚schwarzen Liste‘ – in Baden-Württemberg und Rheinland-Pfalz nicht! Soll das also bedeuten, dass ein Rottweiler in Hessen gefährlicher ist, als in Baden-Württemberg? Oder macht ihn das Leben in Hessen erst gefährlich? Teilweise ironische, aber berechtigte Fragen! 

Fakt ist: In fast jedem Bundesland gelten folgende Rassen aufgrund „rassespezifischer Merkmale“ als gefährlich: 

  • American Staffordshire Terrier
  • American Pitbull Terrier
  • Bullterrier

Ihnen wird die Eigenschaft als „Kampfhund“ – ja, so es heißt tatsächlich offiziell! – zugeordnet, solange für den einzelnen Hund nicht nachgewiesen wird, dass dieser „keine gesteigerte Aggressivität und Gefährlichkeit gegenüber Menschen oder Tieren aufweist“

Doch wer legt fest, welche Hunderasse gefährlich ist? 

Das Innenministerium ist für die Listenhunde und die Verordnungen zuständig. Die Kommunen müssen nur dafür sorgen, dass die Gesetze auch eingehalten werden. Deswegen stehen, je nach Bundesland, andere Rassen auf der Liste. 

„Die in der Kampfhundeverordnung genannten Rassen sind das Ergebnis einer Arbeitsgruppe, die bei Erlass der Verordnung im Jahr 2000 eine Einstufung vornahm“, erklärt uns ein Sprecher des Ministeriums für Inneres, Digitalisierung und Migration Baden-Württemberg auf Anfrage. 

Die Gruppe bestand aus Vertretern des Ministeriums Ländlicher Raum und des Innenministeriums sowie weiteren Fachleuten – unter anderem der Diensthundeführerschule des Polizeipräsidiums Stuttgart, des Landesbeirats für Tierschutz und der Veterinärbehörden. Die Listung sei in Anlehnung an andere Bundesländer wie Hamburg oder Niedersachsen erfolgt, heißt es weiter.

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Wer bellt, beißt nicht?

Wirft man einen Blick in die Beißstatistik 2017 von Rheinland-Pfalz, stellt man fest, dass nicht die Listenhunde für die meisten Angriffe verantwortlich sind! Ganz im Gegenteil: Nur der American Staffordshire Terrier fällt in der Statistik auf. Diese Rasse hat laut den Zahlen im Jahr 2017 drei Menschen und drei Hunde verletzt. Vorkommnisse mit anderen ‚gefährlichen‘ Hunderassen hat es 2017 laut Statistik zumindest in Rheinland-Pfalz nicht gegeben.

Schaut man sich die Zahlen weiter an, sticht eine Rasse besonders hervor: Der Schäferhund! Dieser hat im Jahr 2017 insgesamt 27 Menschen und 31 Hunde verletzt - fünf Hunde sogar getötet! Auch der Schäferhund-Mischling liegt mit 12 verletzten Menschen und 16 verletzten Hunden sehr weit vorne. Sogar der ‚familienfreundliche‘ Labrador hat neun Menschen verletzt.

Insgesamt wurden in Rheinland-Pfalz 236 Menschen und 240 Hunde durch Hunde verletzt. 34 Hunde wurden getötet. Menschen sind bei den Beißattacken nicht gestorben.

Natürlich kann man argumentieren, dass es mehr Labradore und Schäferhunde in Deutschland und deswegen mehr Attacken gibt. Allerdings ist es auch Fakt, dass die Hürden, sich einen ‚Kampfhund‘ anzuschaffen, weitaus höher sind. 

Doch auch ein Schäferhund kann ebenso wie ein Pitbull durch falsche Erziehung aggressiv werden – ein Biss vom Schäferhund ist nicht weniger gefährlich, nur weil dieser auf keiner Liste steht! Je größer der Hund, desto gefährlicher wird der Biss dieses Tieres – und dem Gebissenen ist es vollkommen egal, ob der Hund vorher auf einer Liste stand.

Müsste ein Schäferhund-Besitzer die gleichen Voraussetzungen wie ein Pitbull-Herrchen erfüllen, hätten dann viele Verletzungen durch Schäferhunde vermieden werden können? Zumindest ist es vorstellbar!

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Hundeführerschein befreit von Steuer kostet aber fast genauso viel!

In Mannheim gibt es seit dem 4. Oktober 2016 einen Hundeführerschein. Wer diesen macht, ist für zwei Jahre von der Hundesteuer befreit. Doch seit der Einführung haben gerade einmal 112 Halter den Führerschein absolviert (Stand: Juli 2018)! Dabei gibt es in Mannheim insgesamt 10.283 Hunde – davon 146 Kampfhunde.

Denn der Haken an der Sache ist, dass der Hundeführerschein zwischen 100 und 130 Euro kostet. Einen großen Anreiz, diesen zu machen, schafft also die steuerliche ‚Entlastung‘ nicht!

Das gilt allerdings nicht für Besitzer der Listenhunde. Im Gegenteil: Diese werden mit 648 Euro Hundesteuer pro Jahr zur Kasse gebeten! Ziel der höheren Besteuerung sei die Eindämmung der Haltung solcher Hunde. „Dieses Ziel hat für die Stadt Mannheim eine hohe Priorität“, erklärt eine Pressesprecherin der Stadt im Juli 2018. 

Zum Vergleich: Ein ‚normaler‘ Hund kostet den Besitzer gerade einmal 108 Euro im Jahr – also auch ein Rottweiler, Schäferhund oder Dobermann! 

Das Land Baden-Württemberg führt keine Beißstatistik. Jedoch haben wir beim Polizeipräsidium Mannheim nachgefragt: „Insgesamt wurden 2017 im Bereich des Polizeipräsidiums Mannheim 132 Menschen durch Hunde verletzt, so Polizeisprecher Dennis Häfner. 

Davon zählen 130 Fälle zur fahrlässigen Körperverletzung, weil die Hunde beispielsweise nicht angeleint waren. In zwei Fällen wurde der Hund vorsätzlich auf einen Menschen gehetzt. Wohl gemerkt: Die 132 Angriffe beziehen sich nur auf den Zuständigkeitsbereich des Polizeipräsidiums Mannheim – also nur auf Mannheim, Heidelberg und den Rhein-Neckar-Kreis! 

Wie viele der 132 Angriffe ein Kampfhund durchgeführt hat, kann die Polizei nicht sagen. Denn in Baden-Württemberg werden die Rassen nicht vermerkt. Die hohe Zahl an Angriffen verdeutlicht jedoch, wie wichtig es wäre, Hundebesitzer in form eines Hundeführerscheins richtig zu schulen – und das ganz unabhängig von der Hunderasse! 

Ein Labrador-Mischling sorgt in der Mannheimer Innenstadt für Wirbel: Nach seiner Beiß-Attacke auf Kinder wird der Gehweg abgesperrt.

jab

Quelle: Mannheim24

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