Rhein-Neckar-Kreis

Corona-Fall an Schule: Eltern zwischen Angst und Wahnsinn – das Protokoll eines Covid-19-Falls

Corona-Fall in Schulklasse – ein Protokoll (Symbolfoto)
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Corona-Fall in Schulklasse – ein Protokoll (Symbolfoto)

Ein Corona-Fall in der Schulklasse – was jetzt? Ein Protokoll der Angst, der Solidarität zwischen Eltern, Schule und Gemeinde und leider auch eines amtlichen Durcheinanders:

Die folgende Geschichte aus Baden-Württemberg passiert aktuell, im Dezember 2020, an einer Grundschule im Rhein-Neckar-Kreis. Nur die Namen der Protagonisten sind geändert. Alles beginnt damit, dass ein Junge der Klasse 2b positiv auf Covid-19 getestet wird. Das Protokoll eines Covid-19-Falls:

Vorgeschichte: Papa ist positiv auf Corona getestet - Freitag, 4. Dezember

  • 13:04 Uhr: Brigitte* (alle Namen im Text geändert), Mutter von Benjamin und Miriam informiert im Chatroom die Eltern der Klasse 2b, dass ihr Mann positiv auf Covid-19 getestet ist. Brigitte hatte schon zuvor eine Ahnung, dass da etwas nicht stimmt und hat ihre beiden Kinder, Benjamin und Miriam, am Donnerstag und Freitag schon nicht mehr in die Schule geschickt.. 
  • 13:05 Uhr: Solidarisierung der Eltern mit Brigitte und Genesungswünsche von allen Seiten. 

Es wird ernster: Benjamins - Schüler der Klasse 2b - Covid-19-Test ist positiv - Samstag, 5. Dezember

  • 20:55 Uhr: Brigitte informiert alle Eltern, dass sie und ihre Tochter negativ getestet wurden, Benjamin jedoch positiv. Benjamin hat am Mittwoch, 2. Dezember letztmals die Klasse 2b besucht.
  • 21:25 Uhr: Die Schulleiterin informiert den Elternvertreter der 2b, dass es einen positiven Covid19-Fall in der Klasse 2b gibt. 
  • 21:33 Uhr: Der Elternvertreter informiert (nochmal) die Eltern über den Covid19-Fall in der Schulklasse) und dass weitere Informationen vom Gesundheitsamt kommen werden, wie die Eltern und Kinder sich nun verhalten sollen. Ruhe ausstrahlen, keine Panik schüren ist die Devise.

Eskalation am Nikolalaustag - Covid19-Fall in der Schulklasse - was tun? - Sonntag, 6. Dezember

  • 10:14 Uhr: Die Schulleiterin informiert den Elternvertreter, dass sie mit dem Gesundheitsamt des Rhein-Neckar-Kreises telefoniert hat und sie von dort ein Schreiben erwartet, das an die Eltern gerichtet ist.
    Und weiter: Am Montag, 7. Dezember, wird für die Klasse 2b KEIN UNTERRICHT stattfinden. Die Kinder auf keinen Fall am Montag in die Schule schicken!
  • 11:15 Uhr: Information per Chatgruppe und per E-Mail an alle Eltern der 2b, dass am Montag (morgen) kein Unterricht stattfindet – und weitere Informationen folgen werden.
  • Ab 11:15 Uhr: Die Eltern unterhalten sich, welche Kinder wann noch Kontakt mit Benjamin hatten. Wie gesagt: Benjamin war am Mittwoch zum letzten Mal in der Schule. Die Unsicherheit ist auch im digitalen Raum zu spüren.
  • 13:31 Uhr: Das Schreiben des Gesundheitsamtes an die Grundschule mit Datum 6.12. trifft ein. Darin wird erklärt, dass die gesamte Klasse 2b in der Kategorie Cluster-Schüler in Quarantäne ist. Die Kinder sollen sich möglichst getrennt von ihrer Familie aufhalten. Die Familie soll soziale Kontakte möglichst einstellen.
    Alle Eltern würden noch per E-Mail oder Post die Verhängung der Quarantäne individuell zugesandt bekommen (!!). 
  • 15:00 Uhr: Der Bürgermeister meldet sich beim Elternvertreter. Ab 17 Uhr steht ein Allgemeinmediziner in der Gemeinde parat, um heute, Sonntag noch Schnelltests durchzuführen. Auch können Montag oder Dienstag Tests gemacht werden.
  • 15:17 Uhr: Der Elternvertreter informiert die Eltern über die Möglichkeit von Schnell- und PCR-Tests im Ort. Viele Eltern wollen schnellstmöglich testen lassen. Der Elternvertreter sammelt die Anmeldungen zu den Tests ein. 
  • 16:23 Uhr: Der Elternvertreter telefoniert mit dem Mediziner. Der sagt, Schnelltest heute seien ungeeignet, da seit letztem Kontakt mit dem Infizierten noch keine 5 Tage vergangen seien. Aber morgen, Montag könnten direkt die Tests gemacht werden.
  • 16:27 Uhr: Elternvertreter informiert die Schnelltest-Aspiranten, die heute noch testen lassen wollten, dass sie sich bis morgen, Montag gedulden müssen.
  • 16:48 Uhr: Ein Elternteil informiert, dass es auch noch einen weiteren Mediziner im Ort gibt, der Coronatests macht (ja, stimmt. Ob der aber heute, Sonntag, mal eben mit den Eltern Termine für einen Test ausmacht? Wir wissen es nicht und seine Privatnummer haben wir auch nicht.).
  • 17:18 Uhr: 15 Eltern (von 24) haben im ersten Schwung ihre Kinder über den Elternvertreter für einen Test angemeldet. Der Mediziner vor Ort bekommt die Liste mit den Kontaktdaten (Einverständnis der Eltern zur Datenweitergabe wurde vorher eingeholt.)
  • 17:20 Uhr: Der Mediziner macht telefonisch die ersten Termine mit den Eltern aus. 
  • 17:34 Uhr: Der Elternvertreter schickt allen Eltern einen Fragebogen für den Covid19-Test, damit sie diesen möglichst schon ausgefüllt zum Test mitbringen können. Macht die Sache einfacher. Hinweis: auch einen eigenen Kugelschreiber für die Unterschrift mitbringen.
  • 18:32 Uhr: Der Mediziner erhält eine 2. Liste, es sind noch weitere Eltern dazu gekommen, die ihr Kind testen lassen wollen.
  • 19:04 Uhr: Aktueller Stand: 17 Kinder haben über die zentrale Sammelaktion einen Testtermin, 5 Eltern haben Termine selbständig angeleiert. Mindestens 22 (von 24) werden also getestet. Puh, durchatmen....

Corona-Testtag für die Klasse 2b - Montag, 7. Dezember 2020

  • Ab 9 Uhr: Die ersten Coronatests an den Schüler*innen der 2b werden durchgeführt. Mindestens 5 Kinder absolvieren Schnelltests, die anderen 17 Kinder machen PCR-Tests.
  • Einschub: Einige Kinder freuen sich auf die Extraferien durch eine Quarantäne, andere sind sehr traurig, dass sie (erstmal) nicht in die Schule dürfen. Die meisten Eltern wollen so schnell wie möglich Klarheit und die meisten wollen ihre Kinder so schnell wie möglich wieder in die Schule schicken.
  • 9:01 Uhr: Die Schulleitung informiert über die Ersatzlehrerin (die Klassenlehrerin der 2b ist in Quarantäne, logisch) und verschickt schon mal Wochenarbeitspläne für die Schüler*innen.
  • 9:50 Uhr: Meldung mit Zwischenstand an den Bürgermeister und die Schulleitung. Die Stimmung unter den Eltern ist eine Mischung aus Verunsicherung und Zuversicht.
  • 11:48 Uhr: Die Schulleiterin informiert den Elternvertreter, dass der Besuch der Schule vor dem Ende der verhängten Quarantäne (12. Dezember) ein KANN, kein MUSS ist.
    Will ein Kind in die Schule, dann müsse das negative Testergebnis an das Gesundheitsamt des Rhein-Neckar-Kreises gesendet werden. Das Gesundheitsamt hebt dann die Cluster-Quarantäne des Schülers, der Schülerin auf und das Kind kann mit dieser Bestätigung des Amtes wieder die Schule besuchen. (Wie sich später herausstellt, wartet da die eigentliche Herausforderung ...)
  • 13:11 Uhr: Die ersten negativen Testergebnisse trudeln ein. Die Eltern melden sich umgehend bei dem Ermittlungsteam (COVID-19) des Gesundheitsamts beim Landratsamt Rhein-Neckar-Kreis für eine Aufhebung der Cluster-Quarantäne – und sind verdutzt ….
  • 14:08 Uhr: Das Gesundheitsamt meldet zunächst, eine Aufhebung der Quarantäne sei vorab nicht möglich. Nach Anruf erfährt ein Vater, dass das für Cluster-Schüler doch möglich ist und lediglich intern unklar sei. (Zitat des Vaters: „Der Herr am Telefon fluchte derb über die Kollegen…“)
  • 14:11 Uhr: Elternvertreter schickt E-Mail an alle Eltern mit den neuen Informationen. Außerdem Grüße mit besten Wünschen der Elternschaft an die Klassenlehrerin. 
  • 14:47 Uhr: Der Elternvertreter schickt das negative Testergebnis seiner Tochter Hanna per E-Mail an das Gesundheitsamt des Rhein-Neckar-Kreis.
  • 14:47 Uhr: Es kommt auf dem Fuß per E-Mail eine Eingangsbestätigung und jede Menge Informationen vom Gesundheitsamt zurück. Das Wort „Schüler-Cluster Quarantäne“ taucht da nicht auf. 
  • 15:17 Uhr: Nachricht per E-Mail vom Gesundheitsamt an den Elternvertreter, dass die Aufhebung der Quarantäne nicht möglich sei. Das Kind solle in Quarantäne bleiben.
  • 15:17 Uhr: Der Elternvertreter ruft sofort beim COVID-19-Ermittlungsteam des Gesundheitsamts beim Landratsamt Rhein-Neckar-Kreis an. Der junge Mann dort ist sehr freundlich, weiß aber erstmal nicht weiter.... Er holt sich Informationen bei seiner Chefin. ....
    Seine Aussage dann: Die Quarantäne könne nicht aufgehoben werden, da sie offiziell ja nicht gar nicht verhängt sei (was irgendwie richtig ist; alle Eltern haben bisher nur das allgemeine Quarantäne-Schreiben an die Schule erhalten, aber noch keine persönliche Nachricht).
    Waren die Eltern nun schneller mit ihrer „eigenen“ Quarantäne und den Tests als das Gesundheitsamt mit seiner Warnung und Quarantäne? Sieht so aus …
  • 15:52 Uhr: Nachricht im Chatroom: das Gesundheitsamt hat per e-Mail die Quarantäne von Zara aufgehoben.
  • 16:51 Uhr: Die Klassenlehrerin meldet sich und bedankt sich für guten Wünsche. Ihre Nachricht liest sich allerdings nicht gerade positiv. Ist sie gesund? Hoffentlich!
  • 17:10 Uhr: Valeria darf nun morgen auch in die Schule. Keine Quarantäne mehr.
  • 17:26 Uhr: Elternvertreter hakt beim Gesundheitsamt auch, was los sei. Seine Tochter Hanna will morgen auch in die Schule. Keine Antwort ....
  • 19:02 Uhr: Nachricht von Maria im Chatroom: Ihre Tochter Johanna darf morgen auch in die Schule.
  • 22:36 Uhr: Der Protokollant trinkt noch einen Rotwein. Keine Nachricht vom Gesundheitsamt ...

Der Tag nach den Corona-Tests - Dienstag, 8. Dezember 2020

  • 7:38 Uhr: E-Mail vom Gesundheitsamt:

    „Sehr geehrter Herr Meier*,
    bitte entschuldigen Sie die Fehlinformation.
    vielen Dank für die Übersendung der Bescheinigung über den negativen Test.
    Nach Verordnung des Sozialministeriums zur Absonderung von mit dem Virus SARS-CoV-2 infizierten oder krankheitsverdächtigen Personen und deren Haushaltsangehörigen (Corona-Verordnung Absonderung – CoronaVO Absonderung) §4 Absatz 4 endet mit Vorlage der Bescheinigung eines frühestens am 5. Tag nach letztem Kontakt durchgeführten negativen Tests die Quarantäne für eine Kontaktperson der Kategorie Cluster-Schüler.
    Diese Bescheinigung haben Sie uns am 07.12.2020 vorgelegt, Ihre Quarantäne ist damit beendet.
     Bitte nehmen Sie dieses Dokument zu Ihren Unterlagen
     
     Mit freundlichen Grüßen
     Ihr Ermittlungsteam (COVID-19) des Gesundheitsamts
     Landratsamt Rhein-Neckar-Kreis“
  • 7:40 Uhr: Zwei Kinder haben es zurück in die Schule geschafft. Hanna soll morgen (Mittwoch) gehen

Covid19-Fall in der Grundschule - Mittwoch, 9. Dezember

  • .... es geht weiter. Noch 20 weitere Kinder wollen wieder in die Schule ....

* Name zum Schutz der Privatsphäre von der Redaktion geändert.

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