Verbände fordern Hilfe für Arme

In 2. Corona-Welle: RKI-Studie enthüllt – Bis zu 70 Prozent mehr Tote bei armer Bevölkerung

Mannheim - Haben Reichere in der Corona-Pandemie in Deutschland bessere Überlebenschancen als ärmere Menschen in unserer Gesellschaft? Das sagt eine aktuelle RKI-Studie:

Aufsehenerregende Ergebnisse hat jetzt eine Studie des renommierten Robert Koch-Institus (RKI) in Berlin ans Licht gebracht: Sozial benachteiligte Menschen in Deutschland, die wenig Geld zum Leben haben, sind in der zweiten Corona-Welle - im Zeitraum Dezember 2020 bis Januar 2021 - nicht nur häufiger am tückischen Coronavirus erkrankt, sondern stellen auch bis zu 70 Prozent der Todesfälle aufgrund Covid-19. Darüber hat zuerst das Redaktionsnetzwerk Deutschland (RND) berichtet.

Die Kluft zwischen Arm und Reich wird deutlich bei den 7-Tage-Inzidenzen pro 100.000 Menschen während der zweiten Corona-Welle: So habe dieser Wert in ärmeren Regionen in der Gruppe der 60- bis 79-Jährigen bei rund 190 gelegen – in finanziell besser gestellten Regionen Deutschlands ‚nur‘ knapp über 100, wie bild.de herausstellt. Ähnlich groß ist die Schere bei den Senioren über 79 Jahren: Hier haben sozial Benachteiligte eine Inzidenz von über 450, die Reichen dagegen von etwa 250.

Ärmere Menschen haben ein größeres Risiko, an Corona zu erkranken und daran zu sterben. (Symbolfoto)

Noch Anfang November hat der Inzidenzwert laut RKI bei ärmeren Menschen im Alter von 60 bis 79 Jahren etwa 80 betragen, explodierte aber bis Januar auf 190. Zum Vergleich: Bei den gut situierten Senioren gleichen Alters ist der Wert von circa 110 auf knapp über 100 gesunken.

Während zweiter Infektionswelle: 50 bis 70 Prozent mehr Corona-Tote in ärmeren Regionen

Somit ist auch hierzulande der soziale Status mitentscheidend, wie man durch die Pandemie kommt, weil er mitbestimmt über das Infektionsrisiko. „In Regionen, wo Menschen überproportional an Armut leiden, ist das Risiko, an Corona zu sterben, um 50 bis 70 Prozent höher“, kommentiert VdK-Präsidentin Verena Bentele die Studien gegenüber dem RND. Deshalb fordern Sozialverbände, ärmere Menschen in unserer Gesellschaft besser vor eine Covid-19-Infektion zu schützen. Etwa so, wie in Berlin, wo Obdachlose geimpft worden sind.

Die in der Studie erwähnten sozialen Unterschiede orientieren sich am German Index of Socioeconomic Deprivation (GISD). Der Index basiert auf Daten zu Bildung, Beruf und Einkommen der Deutschen. In der jüngeren Vergangenheit haben vergleichbare Sozialstudien in den USA und Großbritannien bereits ähnliche Ergebnisse hervorgebracht.

Experte: Deutlicher Zusammenhang zwischen Armut, Corona-Krankheitsverlauf und Vorerkrankungen

Vorerkrankungen seien ein zusätzlicher Risiko-Faktor: „Es gibt einen deutlichen Zusammenhang zwischen Armut, Covid-Krankheitsverlauf und Vorerkrankung“, so Ulrich Schneider, Geschäftsführer des Paritätischen Wohlfahrtsverbands, zum RND. Und Vorerkrankungen verschlechtern bekanntermaßen die Überlebenschancen bei einer Corona-Infektion. Dazu komme, dass sich die Menschen umso weniger gegen das Virus schützen können, je ärmer sie sind. Für Ulrich Schneider fange dies beim Thema Wohnen an und gehe bei der Arbeit weiter. Schließlich haben sozial Schwächere oft Jobs mit wenig Abstand zu anderen Menschen – etwa Pflegeberufe, am Fließband oder an Supermarktkassen.

Und wie fällt die Bilanz der RKI-Experten aufgrund der Ergebnisse ihrer Studie aus? Sozial benachteiligte Bevölkerungsgruppen „sollten bei der Weiterentwicklung von Infektionsschutzmaßnahmen verstärkt berücksichtigt werden, um die gesundheitliche Chancengleichheit in der Covid-19-Pandemie und darüber hinaus zu fördern.“ (pek)

Rubriklistenbild: © Karl-Josef Hildenbrand/dpa

Das könnte Dich auch interessieren

Kommentare