„Fässer machen ist schön“

Beruf vor dem Aussterben? Nachwuchsprobleme bei Fassbauern 

+
Böttcher-Meister Marcus Vetter in der Küferei Gies.

Bad Dürkheim/Eberbach/Hackenheim - Winzer lassen ihren Rotwein gerne in Eichenfässern reifen. Doch sie haben ein Problem: Der Fassbau in Deutschland geht kontinuierlich zurück.

Marcus Vetter streicht über ein Stück Eichenholz und betrachtet dessen Faserverlauf. Nur wenn der gerade ist, kann der Böttcher die Latte verwenden. „Der Wein hat das Bedürfnis, aus dem Fass rauszukommen und nutzt jede schräge Faser dazu“, sagt der Experte von der Küferei Michael Gies in der rheinland-pfälzischen Kreisstadt Bad Dürkheim. Der 31-jährige Vetter ist einer der wenigen Küfer, Böttcher, Schäffler oder Binder in Deutschland – die Berufsbezeichnungen unterscheiden sich von Region zu Region. 

Der Zentralverband des Deutschen Handwerks zählt bundesweit 67 Betriebe. Vor zehn Jahren waren es noch 101. In Rheinland-Pfalz sind noch fünf Küfereien verblieben, in Hessen zwei und in Baden-Württemberg sieben. Vetter erzählt, zu Hochzeiten habe es noch allein in Bad Dürkheim ein gutes Dutzend Küfer gegeben. „Die meisten verschwanden in den 1960er-Jahren, als Edelstahl und Plastik aufgekommen sind.“ 

Werner Helmaus Eberbach datiert das Ende der Küferei in Nordbaden schon auf Anfang der 1950er-Jahre. Er habe damals von seinem Vater und Großvater das Handwerk lernen wollen, sich dann aber eines Besseren besonnen. „1953 wurde die Welt mit Kunststoff überschwemmt. Die Familien, die hier Most gemacht haben, schafften sich Kunststofffässer an.“ Helm schwenkte schweren Herzens beruflich um. Die Erinnerung an das Handwerk seiner Vorväter hält der 79-Jährige im nach seinen Worten bundesweit einzigen Küfereimuseum wach, das sich noch im Originalgebäude befindet. In Bad Dürkheim ist dem Fass- und Weinbau mit dem Riesenfass für bis zu 1,7 Millionen Liter Wein ein Denkmal gesetzt. Benutzt wird es aber nur für ein Restaurant.

Wie ein Holzfass gemacht wird

Die Produktion eines Fasses beginnt seit Urzeiten mit dem Vorbereiten der Dauben – meist aus schwäbischer oder Pfälzer Eiche. So nennt man das vom Böttcher ausgesuchte Holz, wenn es auf einer Seite, die später innen liegt, ausgehobelt und auf der anderen Seite rund gehobelt wird. Die Dauben mit 92 Zentimetern bis 3,50 Meter Länge werden mit Hilfe einer speziellen Maschine zusammengefügt. Die halb fertigen auf einer Seite mit Metallreifen gehaltenen Fässer erinnern an überdimensionale Blüten. Diese werden dann über einem Feuerkorb erwärmt und außen zugleich befeuchtet. So kann das Holz schrittweise per Hand- oder Elektrozug gebogen und zusammengezogen werden. Dicht bleiben die Fässer ganz ohne Leim oder Dübel. „Das ist halt die Kunst“, sagt Böttchermeister Vetter.

Böttcher-Meister Marcus Vetter steht in der Küferei Gies hinter zwei Stückfässern.

Bevor das Fass mit Boden und Deckel versehen wird, „toasten“ es die Böttcher. Dabei wird in dem Fass selbst Feuer gemacht. „Es wird dann braun wie Toastbrot“, erläutert Jens Reuther, einer der drei Gesellen der Firma Gies. So kommt der typische Holzgeschmack in Wein oder Whisky. Die Bad Dürkheimer beliefern Winzer in ganz Deutschland. Ihre Auftragsbücher sind ihren Angaben zufolge gut gefüllt. Vetter erwartet – sofern Starkregen und Hagel kein Unheil mehr anrichten – eine gute Weinernte und damit auch selbst ein brummendes Geschäft. Während die großen Fässer ein Jahr im Voraus bestellt werden, kaufen die Winzer je nach Ernteergebnis die kleineren Barrique-Fässer mit 225 Litern Volumen. Vetter hofft, in diesem Jahr über das Durchschnittsergebnis von 350 Barrique-Fässern hinauszukommen. Von den größeren Lagerfässern mit einem Fassungsvermögen von 500 bis 11.500 Litern verkauft der Kleinbetrieb 50 bis 60 pro Jahr. 

Der nahe gelegenen Winzergenossenschaft Vier Jahreszeiten hat die Küferei im vergangenen und in diesem Jahr ungefähr 30 Fässer für insgesamt rund 100.000 Liter geliefert. 300.000 Euro hat das die Genossenschaft gekostet, deren Rotweine nach der sogenannten Maische-Gärung zu einem Drittel in Holzfässern gelagert werden. Kellermeister Frank Flickinger erläutert, das luftdurchlässige Naturprodukt lasse die Weine schneller reifen als ein Edelstahlbehälter. „Diese Weine haben einen etwas herberen, kräftigen Geschmack.“ Überdies ist ein mit Fässern gefüllter Weinkeller auch ein Aushängeschild. „Bei Führungen bekommen wir immer den Aha-Effekt, wenn die potenzielle Kundschaft die Fässer sieht.“ 

Nachwuchsprobleme

Die Ästhetik der bauchigen Behälter fasziniert auch den Gesellen Reuther. Der 24-Jährige sieht sich als Bewahrer eines 2.000 Jahre alten Handwerks. Die auch körperlich schwere Arbeit mache ihm nichts aus. „Fässer machen ist schön“, sagt er, während er ein fertiges Lagerfass lackiert. Doch dem Nischenberuf fehlt der Nachwuchs. So hat die Holzküferei Hösch im rheinland-pfälzischen Hackenheim (Kreis Bad Kreuznach) zehn Jahre lang einen Auszubildenden gesucht. Einige begannen, aber gaben wieder auf, sagt Krimhild Hösch. 

Jetzt hat der Betrieb wieder einen Lehrling – einen 46 Jahre alten Umsteiger aus einem kaufmännischen Beruf. Er war damit Ende vergangenen Jahres einer von nur acht Lehrlingen bundesweit. Ob der Fassbau in Deutschland eine Zukunft hat? Vetters Antwort lautet Ja: „Dieses Handwerk hat schon andere Krisen überdauert –- das gibt es bestimmt in 100 Jahren noch.

dpa/rmx

Quelle: Mannheim24

Mehr zum Thema

503 Service Unavailable

Hoppla!

Leider ist unsere Website zur Zeit nicht erreichbar. Wir beeilen uns, das Problem zu lösen. Bitte versuchen Sie es gleich nochmal.