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Bauern vernichten Ernte – „verheerende“ Erdbeer-Situation in Baden-Württemberg

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Von: Jason Blaschke

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Die Erdbeer-Saison ist für die Bauern in Baden-Württemberg eine Katastrophe. Der Verkauf läuft so schlecht, dass viele Betriebe den Anbau einstellen.

Die Auswirkungen vom Krieg in der Ukraine, die extreme Inflation und die Folgen der Corona-Pandemie sind bloß drei Gründe, die die Wirtschaft in Deutschland massiv unter Druck setzen. „Futter- und Düngemittel sind enorm im Preis gestiegen“, sagte Eckhard Heuser, Hauptgeschäftsführer vom Deutschen Milchindustrie-Verband (MIV), erst vor ein paar Wochen im Gespräch mit BW24 zur massiven Verteuerung vieler Milchprodukte im Einzelhandel.

Verbraucher meiden Erdbeeren aus Baden-Württemberg – die Folgen sind fatal

Er geht davon aus, dass die Verbraucher erst ein Teil der Verteuerungen erreicht hat. „Der Rest kommt noch, spätestens zum 1. Juli 2022.“ Genauso dramatisch sieht die Lage in der Süßwarenbranche aus, wo aufgrund von teuren Energie- und Rohstoffpreisen von einer massiven „Kostenexplosion“ die Rede ist. Solveig Schneider vom Bundesverband der Deutschen Süßwarenindustrie (BDSI) ist besorgt. Sie schließt Engpässe mit Blick auf bestimmte Süßwaren nicht mehr aus.

Von noch schlimmeren Folgen berichten in Deutschland derzeit die Erdbeer-Bauern, die 2022 schlechte Geschäfte machen. Die Kosten für die Bauern seien hoch und die Preise niedrig. Daher lohne sich der Anbau mancherorts nicht mehr, sagt Kathrin Walter vom Landesverband Erwerbsobstbau Baden-Württemberg (LVEO) im Gespräch mit BW24. Viele Einzelhändler würden die Lieferungen mit Erdbeeren retournieren, da sie die Ware nicht losbekommen.

Billige Erdbeeren setzen Bauern unter Druck: Experte mit düsterer Prognose

Walter zu BW24: „Retouren haben wir jedes Jahr, aber 2022 ist es extrem.“ Hinzu kommt, dass die Verbraucher momentan verstärkt zum günstigeren Produkt greifen würden, sagt LVEO-Präsident Franz Josef Müller, der selbst Erdbeeren angebaut hat. Gegenüber BW24 spricht er von einer „verheerenden“ Situation für die Erdbeer-Bauern in Baden-Württemberg und ganz Deutschland. Die Gründe für die Erdbeeren-Problematik sind vielfältig.

Neben teuren Energie- und Spritkosten und generell steigenden Ausgaben seien die Import-Erdbeeren ein Grund, der für zahlreiche Obstbauern in Baden-Württemberg den Todesstoß bedeutet. Denn deutsche Erdbeeren können mit ausländischen Billig-Produkten nicht mithalten, bekräftigen sowohl Walter als auch Müller in den Gesprächen. Der LVEO-Präsident glaubt, dass der Erdbeer-Anbau in Baden-Württemberg angesichts der aktuellen Lage „drastisch zurückgehen wird“.

„Erdbeer-Wahnsinn“ auch in Baden-Württemberg: Wegwerfen kann günstiger sein

Müller im Gespräch mit BW24: „Ich kenne viele Kollegen, die sagen, sie hören auf.“ Auch ihn selbst haben die teuren Kosten und die schwache Nachfrage nach regionalen Erdbeeren aus Baden-Württemberg als Anbauer in die Knie gezwungen. Auf die Frage, auf was er stattdessen setzt, antwortet Müller: „Heidelbeeren – doch auch hier seien die Einnahmen deutlich zurückgegangen. Und kein Gewinn bedeutet letztlich keinen Nutzen für den Landwirt.“

Ich kenne viele Kollegen, die sagen, sie hören auf.

Franz Josef Müller, Präsident LVEO

Im Zweifelsfall ist es sogar günstiger, die Landwirte werfen die frischen Erdbeeren in den Müll. Die BILD betitelt diesen Vorgang als „Erdbeer-Wahnsinn“. LVEO-Geschäftsführerin Walter erzählt im Gespräch mit BW24, dass sie in Baden-Württemberg schon von den Fällen gehört habe. Und letzten Endes landen auch die ganzen Retouren-Erdbeeren, die Kaufland, Lidl und Co. nicht verkauft haben, im Müll. „Erdbeeren sind leicht verderblich“, sagt Walter.

Import-Steuer für ausländische Erdbeeren – eine „schnell wirkende Maßnahme“

Die Folge ist, dass Erdbeeren oft entweder nicht oder bloß als günstige Import-Ware verkauft werden. Und die regionalen Produkte aus Baden-Württemberg landen im Extremfall dann sogar im Müll. „Ich hätte mir gewünscht, dass es vonseiten vieler Händler mehr Aktionen gegeben hätte“, sagt Müller. Vielleicht hätten die Verbraucher nach Regionalprodukt-Kampagnen gezielter zur baden-württembergischen Erdbeere gegriffen.

Der gemeinsame Appell von Walter und Müller: „Achten Sie auf die Herkunft der Erdbeeren.“ Müller geht sogar noch einen Schritt weiter und bringt im Gespräch mit BW24 die Idee einer „Import-Steuer“ ins Spiel. Der Grundgedanke hierbei ist, ausländisches Billig-Obst stärker zu besteuern, sodass regionale Produkte preislich wieder mithalten können. Müller dazu: „Das wäre eine schnell wirkende Maßnahme.“

Nicht nur Energie: Erdbeer-Bauern sind mit massiven Teuerungen konfrontiert

Zum Hintergrund: In Ländern wie Spanien oder Griechenland ist der Mindestlohn deutlich geringer, auch können Landwirte hier oft günstiger produzieren, als in Deutschland. Wird das auch in naher Zukunft verstärkt der Fall sein, wird die baden-württembergische Erdbeere aussterben, ist sich Müller sicher. Schon heute würden die Anbauflächen „drastisch zurückgehen“. „Wenn sich der Erdbeer-Anbau nicht mehr lohnt, müssen wir aufhören.“

Dabei ist Baden-Württemberg nach Niedersachsen die größte Erdbeer-Erzeuger-Region in Deutschland, zumindest jetzt noch. „Die Landwirte in Baden-Württemberg sind sehr nervös“, sagt Müller. Und das nicht nur mit Blick auf die Erdbeeren. Steigende Preise für Energie, Sprit, Düngemittel, Verpackungen oder Rohstoffe belasten die gesamte Agrarbranche massiv. „Hinzu kommt der drohende Mindestlohn von 12 Euro, von dem auch die Erntehelfer nicht ausgenommen sein sollen“, sagt Müller.

Agrarverbände sind in großer Sorge – „Es ist keine Entspannung in Sicht!“

Anne-Kristin Barth vom Verband der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft (VGMS) hatte schon vor Wochen prophezeit, dass in Deutschland Verteuerungen mit Blick auf Agrarprodukte wahrscheinlich seien. „Es ist keine Entspannung in Sicht – das verfolgen die Unternehmen der Getreide-, Mühlen- und Stärkewirtschaft mit großer Sorge“, sagte sie gegenüber BW24. Einige Facebook-User können die Situation der Landwirte verstehen. Zugleich müssen sie aber auch selbst das Geld zusammenhalten.

„Es gibt Lebensmittel, auf die ich derzeit verzichten kann. Dazu zählen etwa Erdbeeren und Spargel“, textet ein Nutzer und ergänzt, dass diese zwar lecker, aber nicht „überlebensnotwendig“ seien. Trotzdem ist sich die Facebook-Community in großen Teilen einig, dass das Wegwerfen der frischen Erdbeeren der falsche Weg ist, um mit der Situation umzugehen. So textet eine Userin: „Ich kann zwar die Landwirte verstehen, die schon lange nicht mehr alle von ihrer Arbeit leben können.“

An einem Gemüsestand werden Paprikas verkauft
Agrarprodukte könnten bald noch teurer werden (Symbolbild), denn: Experten sehen keine Entspannung mit Blick auf die steigenden Kosten. © IMAGO/Andreas Poertner

Facebook-User empört über Erdbeer-Vernichtung: „Es gibt so viele Obdachlose“

Und weiter: „Dennoch halte ich es für falsch, Lebensmittel zu vernichten. Warum nicht zum selber pflücken anbieten?“ Eine andere Facebook-Userin ergänzt: „Es gibt so viele Obdachlose oder Menschen, die nicht viel Geld haben. Die würden sich über eine kleine Schale frisches Obst freuen.“

An der Tatsache, dass die Erdbeere aus Baden-Württemberg bald aussterben könnte, ändern die Vorschläge aber nichts. „Letztlich liegt es am Verbraucher zu entscheiden, ob und welche Erdbeeren er kauft“, sagt Walter. Insofern steht in den Sternen, wie lange es die „Erdbeeren Made in Baden-Württemberg“ noch geben wird.    

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